der arbeitsmarkt | 06/2010 | Text: Hans Rechsteiner
Mein Tag als Realschullehrer
«Um 6.15 Uhr holt mich der Wecker aus den Träumen. Die Kleider sind bereitgelegt; meine Garderobe: einfach, manchmal sportlich-elegant. Um 7.15 Uhr bin ich im Klassenzimmer. Ich lüfte, stelle das Radio an, den Hellraumprojektor an den richtigen Platz. Im Sommer ist es hier heiss und schwül, unangenehm, im Winter kalt, ebenfalls unangenehm. Ein üblicher, die Umwelt erwärmender Hochkonjunkturbau in einem grässlichen Orange. Ein Stahlbau, nur zur Hälfte unterkellert - noch dazu mit Flachdach. Selbstverständlich ist es nicht dicht. Die Böden mit Nadelfilzteppichen von undefinierbarer braungrauer Farbe ausgelegt, jeder Farbtupfer ist sofort sichtbar. Ich denke an die Putzfrauen, sie tun mir etwas leid.
Die Jugendlichen, zwischen 15 und 17 Jahre alt, kommen bei mir am Lehrerpult vorbei, geben die Hand, wünschen einen guten Morgen. Mein Kerngeschäft, der Unterricht, kann beginnen. Ich liebe es, ich bin «Zehnkämpfer», unterrichte bis auf wenige Ausnahmen alle Fächer. Zuerst eine Mathematikprüfung, anschliessend eine Doppelstunde Geschichte. Die Kinder sind dabei, ich bin auch guter Dinge.
Nach der grossen Pause hat die Klasse einen schriftlichen Auftrag, ich kann etwas durchatmen und die E-Mails kontrollieren. Natürlich ist viel Schulisches dabei, unter anderem eine Erhebung für das Erziehungsdepartement. Thema ist einmal mehr Integration statt Separation. Ich frage mich, ob es nicht umgekehrt ist, durch Integration entsteht Separation. Den Begriff «individualisierender Unterricht» mag ich nicht mehr hören. Ich mache das seit Jahrzehnten. Nur hat man früher nicht so hochgestochene Worte kreiert. Auch denke ich, dass all die Orte wie Jugend- und Familienberatungsstelle, Schulsozialarbeit, schulpsychologischer Dienst und so weiter besser in unser Schulsystem integriert werden sollten. Die Verantwortung liegt schlussendlich bei mir. Und den Eltern. Ich bin an der Front. Trotz allen Hilfestellungen fühle ich mich als Einzelkämpfer.
Die letzte Morgenstunde, die Schülerinnen und Schüler sind am Geometrisch-Technisch-Zeichnen. Ich merke: Sie machen das gerne. Trotzdem gehe ich mit gemischten Gefühlen in die Mittagspause. Erneut hat es einen Zwischenfall gegeben. Zwei Schüler haben andere geplagt. Ein Bub hat es mir im Vertrauen mitgeteilt. Ich weiss nicht recht, wie ich reagieren soll. Wie üblich kommt mein guter Kollege und Freund zum Mittagessen. Ich koche gerne, es ist mein Hobby - ein Ausgleich. Diesen Unterbruch im Arbeitstag möchte ich nicht missen.
Am Nachmittag in der Turnhalle stelle ich fest, dass einige Schülerinnen noch nicht begriffen haben, dass der Turnunterricht keine Castingshow ist. Ich schicke sie in die Garderobe zurück, auf dass sie sich der Halsketten, Ohrringe und Sackumhänge - Burkas! - entledigen. Ein Geduldspiel nach dem Motto: Wer hat den längeren Atem? Die beiden Querschläger vom Morgen nehme ich mir in der kleinen Pause zur Brust. Sie entschuldigen sich reuevoll, sagen, es komme nie mehr vor. Ich weiss aber, dass es bald wieder zu einem solchen Gespräch kommen wird. Die Eltern zu informieren, bringt nichts. Sie sind überfordert. Ich baue auf meine Erfahrungen, hoffe, dass sich alles zum Guten wendet, schaue vorwärts.
Um 17 Uhr liegen auf den Nadelfilzteppichen Brosamen, Alufolien, Nüsse und sonstige Abfälle. Ich denke an die Putzfrauen. Ich bin froh, dass keine Lehrerkonferenz ist, froh, kein Elterngespräch zu haben. Bei einem Glas Wein geniesse ich mit meinen Kollegen den Feierabend. Später esse ich ein Stück Brot, dazu etwas Käse oder Schinken und schaue die «Tagesschau». Dann rufe ich die
E-Mails ab. Es gibt wieder Arbeit. Protokolle lesen, Erhebungen ausfüllen, Gespräche aufschreiben: Administratives. Früher war das Nebensache, heute, in der fast neurotischen Qualitätssicherungs- und Entwicklungszeit, aber notwendig, um als sehr gute Lehrperson dastehen zu können. Das will ich aber gar nicht. So lasse ich die E-Mails E-Mails sein und entscheide mich für mein Kerngeschäft. Ich korrigiere die Mathematikprüfung. Pro Prüfung zehn Minuten, 20 Schülerinnen und Schüler. Gibt drei Stunden und 20 Minuten. Um 23.40 Uhr gehe ich ins Bett. Die Kleider sind bereit. Morgen sportlich-elegant. Lehrerkonferenz und Elterngespräch, am Abend. Natürlich stelle ich den Wecker: 6.15 Uhr.»