der arbeitsmarkt | 06/2010 | Text: Sascha Tankerville

Kleidung, Körpersprache und Small Talk

Wie präsentiere ich mich am besten? Dazu sind viele Kursangebote auf dem Markt. Doch bringen sie wirklich, was sie versprechen: einen kompetenteren Auftritt? Erfahrungen aus einem Selbsttest.

«Im Ehäftleen hat de Sma Tak eine Ramenunktion: E it am Anang und am Ene von Teleonaten und Itzungen angebacht ...» Ich komme mir ziemlich komisch vor, wie ich da mit einem Weinzapfen zwischen den Zähnen meiner Pultnachbarin aus den Unterlagen zum Kurs «Auftrittskompetenz - Gewinnend auftreten mit Stil» vorlese. Das sieht weder gewinnend aus, noch tönt es so. Der Satz lautet eigentlich: «Im Geschäftsleben hat der Small Talk eine Rahmenfunktion: Er ist am Anfang und am Ende von Telefonaten und Sitzungen angebracht ...» In jeder anderen Situation hätte ich mich geniert. Heute ist aber alles anders: Zehn weitere Frauen mühen sich unter einigem Amüsement mit der gleichen Übung ab. Sinn und Zweck ist es, uns zu einer deutlicheren Aussprache zu verhelfen - denn «wir Schweizer tendieren zum Nuscheln», wie uns Kursleiterin Corinne Staub erläutert. Machen wir die Zapfenübung täglich fünf bis zehn Minuten lang, bekommen wir eine klarere Aussprache. Und die ist wiederum wichtig für einen kompetenten Auftritt. Die Stimme macht schliesslich gut 38 Prozent unserer Wirkung auf andere aus, so lernen wir.
Auf dem Programm stehen heute, neben «Kleidung und ihre Wirkung», die Themen «Selbstmotivation-Balance», «Körper­sprache - Die nonverbale Kommunikation» und «Small Talk & Networking» - alles Punkte, die mir helfen sollen, wirkungsvoller aufzutreten. Organisiert wurde der Tag von der Schweizerischen Vereinigung der Ingenieurinnen, deren Ziel es ist, Frauen in den männerdominierten Ingenieurberufen zu fördern und zu unter­stützen.

Kompetent und voller Motivation

Wie ich so um mich blicke, bekomme ich aber den Eindruck, dass diese Frauen eine derartige Weiterbildung gar nicht nötig haben. Während einige burschikos-sportlich auftreten, geben sich andere modisch bis elegant. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle selbstbewusst, stark und kompetent wirken. Die Fachfrauen, einige von ihnen mit Doktortitel, nehmen am Kurs im Seminarzentrum eines noblen Hotels in der Zürcher Innenstadt teil. Jede von ihnen steht im Beruf ihre Frau. Die Wünsche und Motivationen für die Kursteilnahme sind aber so vielfältig wie die Frauen selbst: von Selbstsicherheit bei der Kleiderwahl für verschiedene Anlässe bis hin zu Selbstvertrauen im Umgang mit männlichen oder älteren Kollegen und Vorgesetzten. Annemarie F. beispielsweise wird am nächsten Tag vor einer grösseren Gruppe einen Vortrag halten. Sie wünscht sich Tipps gegen das Lampenfieber. «Ich bin ziemlich nervös», erzählt sie. Corinne Staub rät ihr zu «Mut zur Lücke» und demonstriert gleich, was sie mit «Lücke» meint. Sie tritt von rechts vor uns, grüsst mit deutlicher, klarer Stimme «Guten Morgen!» in die Runde. Dann stellt sie sich in aller Ruhe auf und wartet erst einmal, bis wir alle konzentriert nach vorne schauen. Sie trägt schwarze Hosen und Top, darüber einen grauen Kurzblazer. Mit ihrem gepflegten Kurzhaarschnitt und dem feinen Perlenschmuck an Ohren und Hals bietet sie rundum das Bild der erfolgreichen Geschäftsfrau. Erst als sie selber bereit ist, beginnt sie mit der Ansprache. Sich Zeit nehmen für einen kontrollierten Auftritt wirkt ganz schön kompetent, stelle ich fest.

Im Glück vor Anker gehen

Auf einmal wird mir klar, dass mein Gehirn vor wichtigen Gesprächen oder einer schwierigen Situation gern auf Hochtouren läuft, wie ein Hamster im Laufrad. Dadurch verliere ich meine Ruhe und den Fokus auf das, was ich erreichen will. Wälze ich innerlich Probleme, wird das auch nach aussen sichtbar, auch wenn ich das zu verbergen versuche. Auch für dieses Phänomen hat die Trainerin einen guten Tipp, der möglicherweise auch Annemarie vor ihrem schwierigen Auftritt helfen wird. Wir sollen «positive Gefühle ankern» - ein Kniff aus der Neurolinguistischen Stimulation und dem mentalen Training: Erst fordert uns Staub auf, uns mit geschlossenen Augen an eine positive Situation zu erinnern. Wir konzentrieren uns so intensiv darauf, dass wir den Moment innerlich wieder erleben. Dann geben wir der Situation einen Namen. Als ich kurz mal um mich spienzle, sehe ich lauter lächelnde, entspannte Gesichter. Mein Glücksanker heisst «Chili» und beschreibt den Augenblick, wenn ich abends nach Hause komme und mich meine Hündin schwanzwedelnd begrüsst. Und es funktioniert. Jedes Mal, wenn ich im Laufe des Tages in Gedanken meinen Anker «Chili» auswerfe, muss ich lächeln und merke, dass ich gleich viel offener wirke. Corinne Staub hat noch viele Tipps und Tricks für die verschiedensten Situationen auf Lager: Auf der Stelle hüpfen gegen Stress und Nervosität, Atem- und Stimmübungen, Yoga-Atmung zum körperlichen Abkühlen oder das simple Aufstehen, bevor man etwas Wichtiges sagen will. Dadurch öffne sich der Körper, und Atmung und Stimme werden besser.

Die Kunst des kleinen Gesprächs

So peinlich manche Übungen auf den ersten Blick scheinen mögen, sie helfen, zwischen den Kursteilnehmerinnen ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu schaffen. Morgens haben wir im Kurs keine halbe Stunde hinter uns gebracht und haben bereits mehrere Male lauthals miteinander gelacht. Die Stimmung ist locker, und wir sind höchst aufnahmebereit. Wie hat die Trainerin das nur so schnell geschafft? Mit Small Talk. So plaudert die Enddreissigerin bei Kursbeginn beispielsweise entspannt übers Anschreiben unserer Namen: «Der Name ist ein schönes Wort für die eigene Person.» Gekonnt stellt sie sich vor, nutzt dabei die Technik des «Elevator Pitch»: Bei der «Aufzugspräsentation» gilt es, sich selbst in zwei Minuten vorzustellen, und zwar so, dass das Gegenüber alles Wichtige erfahren hat und neugierig auf mehr ist. So erscheint es gar nicht überflüssig, dass wir uns den grössten Teil des Nachmittags der hohen Kunst des Small Talk widmen. Das lockere Kurz­gespräch, erfahre ich, sei eine subtile Annäherung durch kleine Schritte, die Türen öffnen kann. Es unterliege bestimmten Regeln, worüber man im Small Talk spricht und worüber nicht. Das Wetter, Essen, Haustiere, Garten, Musik, Pechvogelgeschichten seien ideale Themen fürs gesellige Plaudern. Hingegen sollte man nie über Geld, Politik, diverse Krankheiten sprechen. Wer Klatsch und Tratsch verbreitet, wirke nicht vertrauenswürdig. Witze und Sprüche seien heikel. «Sag nicht alles, was du weisst, aber wisse immer, was du sagst», fast Corinne Staub das Thema mit einem Zitat des Dichters Matthias Claudius zusammen. Im Lauf des Nachmittags lerne ich, dass gekonnt «smalltalken» gar nicht so einfach ist. Ich muss auf meine Körperhaltung und Mimik, meine Gesten und meine Stimme achten, immer die angebrachte Distanz oder Nähe zu meinem Gesprächspartner einhalten - und dabei nie aus den Augen verlieren, was mein Ziel bei der Teilnahme an einem Treffen ist. Staub empfiehlt uns, immer vorab ein paar Eisbrecherfragen vorzubereiten, mit denen wir ein Gespräch eröffnen können. Dabei sollten wir das, was uns erzählt wird, möglichst im Gedächtnis behalten und später wieder ansprechen. «Das schafft Beziehung, ebenso wie wenn wir eine Person mit Namen ansprechen», sagt die Konversationstrainerin.

Eins zu eins vorgelebt

Nach verschiedenen Übungen, in denen wir kreuz und quer miteinander ins Gespräch kommen und auch Gespräche gekonnt und höflich unterbrechen, schwirrt mir am Kursende der Kopf. Aber auf eine gute Art. Denn ich nehme lauter positive Gefühle mit nach Hause, und ich bin dabei nicht alleine. Mir wird klar, dass sich die meisten meiner Kurskolleginnen durch den Kurs gestärkt fühlen. «Ich freue mich langsam auf morgen», sagt Annemarie F. zum Abschied. «Ich werde beim Vortrag nicht zögern oder abwarten, sondern gleich aktiv werden. Es kann mir ja nichts passieren.» Corinne Staub, die Verkaufsexpertin und «Fachfrau für sicheres Auftreten» mit eigener Beratungsfirma, war den ganzen Tag die beste Werbung für ihre Lehre. Sie hat uns eins zu eins vorgelebt, was sie lehrt. Dadurch, dass wir einen guten Tag hatten und mit vielen Ideen, was wir selbst bewegen können, nach Hause fahren, hat sie uns den Beweis geliefert, dass die Regeln für einen gelungenen Auftritt funktionieren. Das Gute daran: Ich muss mich nicht völlig umstellen oder verkleiden. Die Basis ist schon vorhanden, ich brauche nur den Feinschliff. Das bringe ich hin.

 
 
 

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