der arbeitsmarkt | 06/2010 | Text: Bianka Hubert
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zu Employability
Employable sind Arbeitnehmende, die nicht nur fachlich und methodisch, sondern auch persönlich und sozial kompetent sind. Der Employability-Fragebogen des FAU hilft Stellensuchenden bei der Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten.
«Ich lege Wert darauf, mein privates und geschäftliches Netzwerk zu pflegen», lautet eine von 85 Behauptungen, mit denen Hermann Lüscher seine Arbeitsmarktfitness oder zu Neudeutsch Employability bewertete. Auf einer sechsstufigen Skala von «Stimme voll zu» bis «Stimme überhaupt nicht zu» beurteilte er seine fachlichen, persönlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen. Der Stellensuchende nimmt seit Februar in der Projektwerkstatt an einer arbeitsmarktlichen Massnahme des Fachvereins Arbeit und Umwelt (FAU) teil. In der Einführungsveranstaltung «Vernetz dich im FAU» füllte der Ingenieur für Elektrotechnik den Employability-Fragebogen des Qualifizierungsprogramms aus.
Hermann Lüscher bringt langjährige Berufserfahrungen mit. Der Spezialist für Steuerungs- und Regeltechnik war als Entwicklungsingenieur tätig, bildete als Lehrmeister Jugendliche praktisch zu Elektronikern aus und unterrichtete zehn Jahre lang an einer technischen Berufsschule. Dann drohte die Arbeitslosigkeit. «Ich habe aus der Not heraus das erstbeste Angebot angenommen. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass es für mich langfristig nicht stimmt», erinnert sich Lüscher an schwere Zeiten. Nach zwei Kurzzeitjobs nimmt er sich nun Zeit und orientiert sich neu.
Zufriedene Nutzer ...
Der Employability-Fragebogen soll ihm helfen, seine Stärken und Schwächen sowie seine Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen. Am Anfang war er misstrauisch, liess sich dann aber auf das Experiment ein. «Ich habe den Fragebogen spontan und ehrlich ausgefüllt. Ich kann jedem nur empfehlen, es genauso zu machen. Ich habe dadurch schnell einen guten Überblick über mich selbst gewonnen.» Lüscher überraschten die Ergebnisse nicht. Der Fragebogen habe seine Mankos in Netzwerkfähigkeit und Unternehmertum in eigener Sache gut herausgebracht. «Netzwerken hat mich bisher nicht interessiert. Ich bin ein vielseitiger Einzelkämpfer und arbeite gerne selbständig.»
Um die Aufnahme ins Programm musste sich der Elektroingenieur wie um einen richtigen Job bei seiner Projektbetreuerin Brigitte Keller am Standort Zürich bewerben. Sie prüfte seinen Lebenslauf und stellte im Abklärungsgespräch gezielt Fragen. Brigitte Keller arbeitet seit September 2008 für den FAU und setzte den Fragebogen von Anfang an ein. Für sie ist das Instrument eine «wertvolle Unterstützung», die ihr hilft, die Teilnehmenden systematisch zu begleiten.
... mit besonderen Bedürfnissen ...
Seit 1995 bietet der Fachverein Arbeit und Umwelt (FAU) im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) gut qualifizierten Stellensuchenden vorübergehende Beschäftigungen an und bildet seine Teilnehmenden weiter. Vor einem guten Jahr führte der FAU mit seinem selbst entwickelten Employability-Fragebogen ein neues Arbeitsinstrument ein, das alle Teilnehmenden bei Eintritt in die arbeitsmarktlichen Massnahmen ausfüllen. Susann Mösle-Hüppi, Geschäftsleiterin des FAU, erinnert sich: «Früher haben unsere Projektcoachs die Teilnehmenden nur aus ihrem CV und in Gesprächen kennen gelernt. Wir hatten zu wenig Basis, um alle wichtigen Kriterien für die Arbeitsmarktfähigkeit der Teilnehmenden schnell und effizient aufzuspüren.» Man suchte deshalb nach einem nützlichen Arbeitsinstrument, das die eigenen Prozesse und Abläufe unterstützt. Zwar seien einige gute Testverfahren auf dem Markt. «Die Angebote sind aber alle sehr teuer und basieren nicht auf unseren eigenen Erfahrungen», begründet Mösle-Hüppi die Entwicklung eines eigenen Fragebogens.
Im November 2007 beauftragte der FAU eine Masterstudentin des Instituts für Organisation und Personal der Universität Bern unter der Leitung von Professor Norbert Thom, einen Fragebogen zu entwickeln. Zur Projektgruppe gehörten neben der Bereichsleiterin Weiterbildung auch Projektcoachs aller FAU-Standorte. Entstanden ist ein Fragebogen, der wissenschaftlichen Kriterien gerecht wird, vor allem aber auf den Erfahrungen der Projektcoachs aus ihrer täglichen Arbeit aufbaut. «Unser Fragebogen ist kein validierter Test», unterstreicht Susann Mösle-Hüppi und ergänzt: «Die Ergebnisse sind subjektive Einschätzungen der Teilnehmenden, die im persönlichen Gespräch diskutiert werden müssen.»
... in Coaching ...
Brigitte Keller führte diese Diskussion mit Hermann Lüscher in einem zweistündigen Coachinggespräch. Sie sprach Punkte an, zu denen sich der Ingenieur am Einführungstag geringe Kompetenzen zuschrieb. «Oft verbergen sich hinter solchen Selbsteinschätzungen persönliche oder berufliche Erlebnisse, die noch nicht ganz verarbeitet wurden. Die Teilnehmenden müssen ihre Geschichten einmal erzählen dürfen, um Erkenntnisse daraus zu ziehen und damit abschliessen und umgehen zu können», sagt Keller. Innert weniger Wochen hat Hermann Lüscher Selbstvertrauen gewonnen und beurteilt sich heute realistischer: «In einer Gruppe vergleicht sich jeder unbewusst mit den Kollegen. Ich habe im FAU und in den Weiterbildungen gemerkt, dass ich in vielen Punkten einiges zu bieten habe. Natürlich habe ich auch meine Schwächen gefunden.» Brigitte Keller weiss: «Hermann Lüscher arbeitete viele Jahre selbständig und konnte Entscheidungen selber und in kürzester Zeit treffen. Er ist mit sich selber eher ungeduldig und ein Einzelkämpfer.» Im Qualifizierungsprogramm schult er sich deshalb unter anderem in Kommunikation und Gesprächsführung, in Teambildung und in Projektmanagement.
... und Weiterbildung
Die Weiterbildungen hat Lüscher bereits kurz nach dem Eintritt in die Massnahme gemeinsam mit seiner Betreuerin ausgewählt. «Die Kurse suchen meine Teilnehmenden in Absprache mit mir in der Regel gleich zu Beginn aus, noch bevor sie sich in der Einführungsveranstaltung mit dem Employability-Fragebogen selbst einschätzen. Bisher mussten wir nur selten Kursanmeldungen ändern», erklärt Brigitte Keller ihr Vorgehen. Sie berät ihre Teilnehmenden mit Hilfe ihrer Erkenntnisse aus dem Abklärungsgespräch und der Zielvereinbarung, die sie mit jedem Teilnehmenden ausarbeitet und unterschreibt. Später gebe ihr der Fragebogen die Sicherheit, keine Facette der fachlichen, persönlichen, sozialen und methodischen Kompetenzen unbeachtet zu lassen. «Der Fragebogen spricht auch Punkte an, die im Gespräch vielleicht nicht angesprochen würden. Ein niedriger Wert in der Selbsteinschätzung hilft den Teilnehmenden, auch solche Themen anzugehen», sagt Keller.
Teilnehmende, die ihre Fortschritte nicht wahrnehmen und positive Feedbacks nicht annehmen können, bittet sie während ihres maximal sechsmonatigen Aufenthaltes beim FAU, den Fragebogen nochmals auszufüllen. Dann arbeitet Keller mit der grafischen Gesamtauswertung in Form eines Spinnennetzes (siehe Kasten). «Wenn wir die beiden Netze übereinanderlegen, sehen auch die Ungläubigsten ihre Erfolge.» In einem Fall habe ein solcher Vergleich gar ungeahnte Ergebnisse aufgedeckt. Eine Teilnehmerin arbeitete an einer bestimmten Kompetenz. Die Auswertungen zeigten dann, dass ihre Bemühungen andere Kompetenzen mitverbesserten.
Derzeit erarbeitet der FAU eine elektronische Version seines Arbeitsinstrumentes. Sie soll im Laufe dieses Jahres fertig gestellt werden. Dann wäre auch eine Nutzung des Fragebogens durch Anbieter anderer arbeitsmarktlicher Massnahmen denkbar. Die RAV möchten das Angebot nutzen. Die rechtlichen Abklärungen mit dem SECO, dem alle Eigenentwicklungen des FAU gehören, laufen bereits.