der arbeitsmarkt | 06/2010 | Text: Annamaria Ress-Karl
Durch Boxen kommunizieren
Das Integrationsprogramm Türöffner im argauischen Wildegg will straffällige Jugendliche mithilfe des therapeutischen Boxens wiedereingliedern. In der Jugendwerkstatt «Work and Box» kämpfen sich die jungen Männer mit harter körperlicher Arbeit und im Ring zurück in die Realität.
«Wir schmeissen hier keinen raus. Wenn schon, dann tut er das selbst», sagt Adrian Häggi, der seit einem Jahr die Non-Profit-Organisation Türöffner im aargauischen Wildegg leitet. Mit dem Projekt Work and Box bietet der Boxtherapeut ein Integrationsprogramm für junge Männer aus der ganzen Schweiz an, die straffällig geworden sind. Die Jugendlichen, die hier eine Chance erhalten, sind zwischen 14 und 25 Jahre alt, gewaltbereit, polizeiauffällig, kriminell oder vorbestraft und kaum sozial integriert. Sie haben meist keinen Schulabschluss, häufig einen Migrationshintergrund und in der Regel weitere persönliche Probleme, etwa mit Sucht oder Schulden. Manche haben bereits eine Gefängnisstrafe verbüsst.
Zurzeit nehmen vier junge Männer mit krimineller Vergangenheit aus dem Kanton Aargau am Programm teil, die bereits mehrfach in anderen Massnahmen versagt haben. Türöffner will ihnen helfen, sich sozial und beruflich wiedereinzugliedern. Grundpfeiler des Programms ist eine straffe Tagesstruktur, deren wesentliche Bestandteile Arbeit und Sport sind. Jeden Morgen werden zuerst die Arbeiten besprochen, die an dem Tag ausgeführt werden müssen; dann werden sie umgesetzt. Später fährt das Team zum gemeinsamen Mittagessen. Am Nachmittag werden weitere Arbeiten ausgeführt, anstehende Probleme diskutiert und Lösungen gesucht. Der Programmverantwortliche Adrian Häggi ist nicht nur zuständig für die Struktur des Programms. Er erteilt den Jugendlichen auch täglich Boxtraining. Der ehemalige Plattenleger und Hafner hat eine Ausbildung zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen auf landwirtschaftlichen Betrieben und als Arbeitsagoge absolviert und sich zum Job Coach weitergebildet. Die Arbeitserfahrung in diversen Heimen und Motivationssemestern bewog ihn zur Umsetzung im Programm Work and Box.
Respekt und Liebe zu den Mitmenschen
Die Jugendlichen bekommen von der Programmleitung Hilfe und Unterstützung in allen Bereichen, wenn sie es wünschen. Sie werden vor Gericht und auf das Sozialamt begleitet, die Vermittlung von Suchtberatung wie auch das Bewerbungstraining stehen ebenso auf dem Programm. «Das Ziel ist die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt», erklärt Häggi. «Besonders wichtig ist mir die Erstausbildung. Deshalb wird auf die Lehrstellensuche grosser Wert gelegt.»
Jeweils am Vormittag sind die Teilnehmer mit verschiedenen handwerklichen Auftragsarbeiten beschäftigt. Die damit erworbenen Kenntnisse dienen der künftigen beruflichen Eingliederung. Mitarbeiter René Zinggeler und Praktikant Torsten Jeggle leiten sie dabei an. Zinggeler hat als gelernter Maschinenschlosser Lehrlinge ausgebildet. Als Monteur bereiste er zahlreiche Länder und leitete dabei viele Handwerker bei ihrer Arbeit an. Jeggle ist ausgebildeter Mechatroniker und betreibt seit vielen Jahren Boxsport. «Ich glaube nicht, dass die Ausbildung allein für unsere Arbeit massgebend ist. Es ist die Lebenserfahrung, die zählt. Man muss authentisch bleiben, sich selber kennen und mögen, sich weiterbilden wollen. Auch das Bauchgefühl zählt, der Respekt und die Liebe zu den Mitmenschen.»
Aus eigenen Erfahrungen gelernt
Work and Box hat ein Projekt in München zum Vorbild, das Häggi drei Monate lang studiert hat. Es überzeugte ihn, denn die Arbeit in Heimen befriedigte ihn längst nicht mehr. «Ich wollte nicht mehr Jugendliche hüten und ihnen Steine aus dem Weg räumen», erklärt er den Entscheid für den Aufbruch nach neuen Ufern. Es sei ihm daran gelegen, dass diese Burschen sich mit ihrer gewalttätigen und kriminellen Vergangenheit auseinandersetzen und dann einen neuen Start ins berufliche und soziale Leben wagen. «Ich heisse nicht gut, was sie verbrochen haben. Aber ich will sie darin unterstützen, im Leben wieder Tritt zu fassen.»
Die Jugendfreunde Zinggeler und Häggi wissen genau, wovon sie sprechen, wenn sie mit den Jugendlichen arbeiten und diskutieren. «Wir waren beide in unserer Jugend auch Rebellen und hatten ähnliche Probleme. Doch wir fanden dank der Unterstützung anderer wieder aus dieser Spirale
heraus», erzählt Häggi. Vielleicht ist es seine eigene positive Erfahrung mit Menschen, die an ihn glaubten, die Häggi motivierte, «schweren Jungs» beim Neustart zu helfen. Es handelt sich bei diesen Jugendlichen um einen Tätertyp, der in anderen Jugendhilfemassnahmen keinen Platz findet. Die delinquenten Teilnehmer werden durch Jugendanwaltschaften und die kantonalen Instanzen des Case Management Berufsbildung an das Programm Türöffner überwiesen.
Für manche ist es die letzte Chance
Auf diesem Weg wurde Cedo B.* auf Work and Box aufmerksam gemacht. Er kämpfte mit Drogenproblemen. Damit einher gingen Probleme innerhalb der Familie. Seine Motivation ist gross: «Ich wollte das Programm aus eigenem Antrieb besuchen, da ich es als meine letzte Chance sehe, mich zu integrieren und eine Lehrstelle zu finden», sagt er. Das Türöffner-Team hat ihm Vertrauen geschenkt und ihm gezeigt, dass er mit Einsatz seine Ziele erreichen kann. Oder wie es Cedo sagt: «Ich habe meine Stärken und Schwächen besser kennen gelernt.» Durch die geregelte Tagesstruktur bekommt er langsam sein Leben in den Griff. Ein Drogenentzug ist geplant, und der Umgang innerhalb seiner Familie ist entspannter geworden. Dies ist das Ergebnis langer Gespräche zwischen dem jungen Mann, seinen Angehörigen und der Programmleitung.
Im Sommer wird Cedo eine Lehre als Bootsmann beginnen können. Das ist möglich, weil er etliche Monate auf einem Schweizer Jugendschiff verbracht hat, auf dem neben der Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten auch Massnahmen sozialpädagogischer und erzieherischer Art durchgeführt wurden. Cedo befand sich nicht freiwillig auf dem Jugendschiff. Er wurde im Rahmen einer Massnahme überwiesen. Doch erst in der Jugendwerkstatt Work and Box begann er unter konsequentem Druck, sich intensiv mit seinen Problemen auseinanderzusetzen. Die bevorstehende Lehre wertet Häggi als messbaren Erfolg.
Dario M.* wurde von der Jugendanwaltschaft überwiesen. «Am Anfang habe ich mich dagegen gesträubt, jeden Tag hierherzukommen, um gratis zu arbeiten», sagt er. «Ich habe aber bald gemerkt, dass es hier nicht ums Geldverdienen geht, sondern darum, uns Jugendliche weiterzubringen. Wir werden unterstützt, damit wir die Kurve kriegen.» Dario ist durch seinen neuen Alltag abends müde, aber ausgeglichen. So hat er sich und seine Energien viel besser unter Kontrolle. Besonders motiviert ihn, dass er verschiedentlich die Möglichkeit für eine Schnupperlehre erhielt, zuletzt als Pflegeassistent in einem Heim. Sein Einsatz hat Früchte getragen: Dario hat die Zusage für eine Ausbildungsstelle ab nächsten Sommer erhalten. Nun wird er Work and Box bald verlassen. Schon in den noch verbleibenden Monaten bis Lehrbeginn wird er als Praktikant im Pflegeheim arbeiten und allfällige schulische Defizite aufarbeiten können. Gleichzeitig bekommt er bei Türöffner ein gezieltes Coaching.
Sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen
Praktisch alle Teilnehmer des Programms schauen auf eine Zeit zurück, in der Kriminalität und Übergriffe auf andere Menschen zu ihrem Alltag gehörten. Meist wissen sie auch, wie es ist, eine Haftstrafe absitzen zu müssen. Nur: «Das reicht meistens nicht, um sie aus der Kriminalität zu holen», erklärt Adrian Häggi. «Sie müssen sich mit ihren Taten, ihrem Leben, auch ihrem Versagen in gewissen Bereichen auseinandersetzen. Immer und immer wieder.» Bei der Arbeit mit den Jugendlichen seien auch die Eltern gefordert. Häggi nimmt sie vom ersten Moment an in die Pflicht. Manchmal muss er zu Beginn täglich anrufen, bis das einigermassen klappt. Die Unterstützung durch die Eltern sei enorm wichtig. So gelingt es schliesslich, dass die Teilnehmer morgens um acht Uhr in Arbeitskleidung in der Werkstatt bereitstehen.
Noch ist es zu früh, um Bilanz zu ziehen. Das knapp einjährige Programm nimmt erst seit Dezember 2009 Jugendliche auf. Doch das Gelingen zeige sich auch in den kleinen Fortschritten, sagt Häggi. «Tägliches pünktliches Erscheinen, keine Rückfälle in die Kriminalität und die Möglichkeit, bei verschiedenen Arbeitgebern zu schnuppern, sind kleine, aber ganz wichtige Erfolge.»
Weglaufen geht nicht mehr
Häggi ist sich bewusst, dass es schon ein Erfolg ist, wenn sich die jungen Männer ihm gegenüber öffnen. Dies geschieht manchmal auch unbewusst, zum Beispiel durch ihre Körperhaltung im Training, das sie täglich mit Boxtherapeut Adrian Häggi durchführen. Im Ring findet so eine andere, etwas ungewohnte Form der nonverbalen Kommunikation statt. Häggi sagt dazu:
«Es geht natürlich auch um die körperliche Anstrengung. So werden persönliche Probleme verarbeitet, oder sie kommen überhaupt erst zum Vorschein. Mit Boxen stellen sich die Jugendlichen zudem ihrem eigenen Gewaltpotenzial.»
Cedo findet das Boxtraining ideal, um seine Aggressionen abzubauen. «Ich will meine Kraft nicht mehr dazu benutzen, um Leute zu verletzen. Ich habe vor, Boxen als Sport zu betreiben», sagt er. Auch für Dario ist das körperliche Training wichtig. «Es gibt schon Situationen, die mich überfordern. Manchmal flippe ich aus, wenn ich etwas nochmals machen muss. Im Boxring habe ich die Möglichkeit, den Frust zu verarbeiten.»
Körperliche Arbeit kann auch bedeuten, dass Häggi bei Bedarf einen Jugendlichen am Arm packt und ihn zurückhält. «Weggelaufen wird nicht, das haben sie schon viel zu oft gemacht», erklärt er. Manchmal komme es sogar vor, dass die jungen Männer während oder nach dem Training erschöpft zu weinen beginnen. «Das ist ein deutliches Zeichen der Öffnung und wegweisend für den Beginn der Arbeit an der Persönlichkeit», sagt der Boxtherapeut. «Kämpfen oder aufgeben, das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss», reflektiert der Boxtherapeut. «Entscheidet er sich für Kämpfen um eine gute Zukunft, helfen wir ihm dabei.»