der arbeitsmarkt | 09/2010 | Text: Urs Rüttimann
Drei Fallbeispiele mit typischem Charakter
Drei ausländische Jugendliche erzählen, wie schwierig es für sie war, eine Lehrstelle zu finden. Sie stehen stellvertretend für drei Typen von Menschen, die mit der Frustration, die sie auf dem Arbeitsmarkt erlebt haben, unterschiedlich umgehen.
Paolo: Das Berufsleben wird fremdbestimmt
Paolos Eltern sind noch nicht 20 Jahre alt, als sie von Portugal in die Schweiz auswandern. In Emmenbrücke absolviert Paolo, das erste von zwei Kindern, den Kindergarten, die Primarschule und die Realschule. «Alles ist gut gelaufen, es gab keine Probleme», kommentiert er die Schulzeit. Aufgrund seiner guten Noten hofft er, einen Beruf im Verkauf oder Detailhandel erlernen zu können. Am Ende der Schulzeit steht er trotz zahlreicher Bewerbungen ohne Lehrstelle da. Er ist resigniert und kann sich kaum noch überwinden, sich zu bewerben und weiter Absagen zu riskieren. Die Eltern setzen ihn stark unter Druck. Sein Vater empfiehlt ihm, sich auf einer Baustelle nach Arbeit umzusehen. Bald findet Paolo einen Hilfsjob als Gipser. Dabei hat er sich einen Beruf mit sauberer Arbeit gewünscht.
Die Mutter drängt ihn weiter, eine Lehrstelle zu suchen. Von Kollegen erfährt er über die Möglichkeit eines Brückenangebotes. Nach einem halben Jahr wird dort auf seine Erfahrung im Gipserberuf zurückgegriffen. «Sie wiesen mich darauf hin, dass man heutzutage flexibel sein muss», führt Paolo aus. «Dann bin ich eben auf den Bau gegangen, weil man ohne ein Diplom in der Schweiz nichts ist.» Die Lehre erlebt er als sehr anstrengend. Abends sei er jeweils «total kaputt». Seine Arbeitskollegen und seinen Chef, die alle aus Italien stammen, findet er nett. In der Berufsschule hat er Mühe, dem Stoff zu folgen. Er ist verzweifelt, weiss aber nicht, wie er sich extern Hilfe holen könnte. Die Lehre will er unbedingt abschliessen, um seine Eltern finanziell zu entlasten. Betroffen erzählt Paolo, dass sein Vater kurz nach einer Rückenoperation seine Arbeit auf dem Bau wiederaufgenommen hat. Er leide an starken Schmerzen, doch das Geld reiche sonst nicht. Die Mutter ist für ihn ein «Vorbild». Als junge Frau sei sie allein in die Schweiz gekommen, ohne Deutschkenntnisse und Ausbildung. Seit rund zwanzig Jahren arbeitet sie als Kassiererin in einem Lebensmittelgeschäft. Paolo nimmt schon früh das harte Los der Eltern als Ausländer wahr. Auch er fühlt sich als Ausländer. Er möchte ihrer Welt der harten körperlichen Arbeit und des Zwanges entrinnen. Mit dieser Hoffnung beginnt er, eine Lehrstelle zu suchen. Den eigenen Eintritt in die Arbeitswelt erlebt er jedoch zunehmend als fremdbestimmt. Der Glaube, Einsatz lohne sich und man könne selber auf sein Leben einwirken, schwindet. Auch wenn ihm die Lehre einigermassen gefällt und sein Lehrmeister ihn schätzt: Der Beruf wird für ihn kein Lebensbereich, für den er sich engagieren will. Kontakte zu Schweizern fehlen am Arbeitsort. Für ihn ist selbstverständlich, dass er Ausländer ist. Gleichzeitig findet ein Rückzug in die Freizeit statt. Hier findet Paolo Sinnwelten, die für ihn bedeutsam sind. Gemeinsam teilt er sie mit seinen langjährigen Freunden, die alle aus dem Ausland stammen und oft ebenfalls in der Baubranche gelandet sind. Mit ihnen spielt Paolo Fussball, und er begleitet sie in den Ausgang. Der Freundeskreis ist für ihn ein Ort der Solidarität.
Ardita: Nach der Schule fehlte eine echte Chance
Ardita stammt aus dem Kosovo. Als Kind reist sie zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in die Schweiz, wo bereits der Vater arbeitet. Nach einem Unfall auf der Baustelle wird ihr Vater IV-Rentner, die Mutter findet eine Stelle in der Reinigungsbranche. Ardita wird der Realschule zugeteilt. Ihr neuer Lehrer merkt, dass die aufgeweckte Schülerin in der Sekundarschule gut mithalten könnte. Ardita freut sich. Sie weiss, dass sie mit dem Sekundarabschluss aus einem weit grösseren Spektrum von Lehrstellen auswählen kann. Berufe wie Dentalassistentin oder Praxisassistentin schweben ihr vor. Mit Einverständnis der Eltern bricht sie den Koranunterricht ab, um sich voll auf die Schule konzentrieren zu können. Die Eltern wünschen sich für ihre Tochter eine gute Bildung.
Ardita ist mit der Familie und ihren Verwandten stark verbunden. Sie setzt sich auch intensiv mit einem möglichen Leben in ihrem Heimatland auseinander. Als sie begreift, dass aufgrund einer «älteren Tradition» dieser Weg mit früher Heirat und klarer familiärer Rollenerwartung verbunden ist, distanziert sie sich wieder davon. Sie konzentriert sich noch stärker auf die Schule und engagiert sich mit Erfolg im Schülerrat. In ihrer Klasse ist sie bestens integriert.
Nach Abschluss der Sekundarschule brechen diese Kontakte zu Schweizern abrupt ab. Sie findet keine Lehrstelle nach ihrem Wunsch. «Ich gab mir grosse Mühe. Für eine Lehrstelle habe ich wirklich viel gemacht.» Über ein Brückenangebot wird ihr ein Praktikum als Fachangestellte Gesundheit in einem Altersheim für demenzkranke Personen vermittelt. Ardita leidet. Oft kommt sie abends weinend nach Hause. Nach der Probezeit wird ihr eine Lehrstelle in diesem Altersheim angeboten. Alle raten ihr, die Chance zu ergreifen. Mit ihrer Chefin und ihren Arbeitskolleginnen versteht sie sich gut. Ihre hohe Bildungsmotivation hingegen ist gebremst. Der Wunsch kommt auf, sich mit einer frühen Familiengründung «etwas Eigenes» zu schaffen.
Gleichzeitig wecken Schwierigkeiten mit ihrem Partner in ihr den Gedanken, sich über die Berufsmatura und Weiterbildung im medizinischen Bereich beruflich zu entwickeln. «Ich traue mir nicht zu, so viele Pläne zu machen», winkt sie zugleich wieder ab. In ihrem sozialen Umfeld fühlt sich Ardita sehr wohl. Sie bewegt sich fast ausnahmslos unter Kosovo-Albanerinnen. Obwohl eine enge Freundschaft sie verbindet, möchte Ardita nach der Lehre aus Emmen wegziehen.
Blerim: Musik gab ihm auch im Beruf eine Perspektive
Blerim ist der älteste Sohn einer Familie aus dem Kosovo. Er wohnt seit seiner Kindheit in Emmen. Sein Vater arbeitet auf dem Bau; er ist gelernter, aber nicht ausübender Imam. Seine Mutter ist Bäckerin, die nach ihrer Einreise eine Stelle in der verarbeitenden Industrie gefunden hat. Blerim erlebt bereits in seinen ersten Schuljahren Ausgrenzungen als Ausländer. Gerne erinnert er sich noch an seine Primarlehrerin, die es geschafft hat, Bandenbildungen zwischen Schweizern und Ausländern in der Klasse aufzulösen. Blerim versucht unter anderem, im Fussballclub und in der Jungwacht Anschluss zu finden. Doch mangels Kollegen zieht er sich immer wieder zurück. In der Realschule kommt Blerim, wie er sagt, mit falschen Kollegen in Kontakt. Er schliesst sich einer Bande an, die sich auf Schlägereien mit Nazis einlässt. Anders als ein Teil seiner Kollegen hält er sich jedoch von Drogen und Alkohol fern und gerät nicht mit der Polizei in Konflikt. Vor allem deshalb, weil es dem Vater gelingt, seinen Sohn von der Strasse aus diesem Kollegenkreis zu holen und ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren.
Diese Krisenzeit schlägt sich auch auf die Schulleistung nieder. Blerim schliesst die Realschule nur mit mittelmässiger Note ab. Er besucht ein Brückenangebot, wird dann aber ausgeschlossen, weil er die Schule schwänzt. Seiner Mutter, die sich grosse Sorgen macht, gelingt es, bei ihrem Arbeitgeber einen Hilfsjob für ihn zu arrangieren. «Jeden Morgen, wenn ich aufstand, freute ich mich, dass ich tagsüber etwas tun kann», blickt Blerim auf die einstige Arbeitslosigkeit zurück, unter der er gelitten hat.
Privat schliesst er sich mit anderen Kosovo-Albanern zusammen und engagiert sich in der Jugendgruppe der Moschee. Auch wenn ihm Religion nicht allzu viel bedeutet, gibt ihm diese Aktivität Halt. Zusammen mit seinen Freunden beginnt er, albanische Hip-Hop-Musik zu machen und für seine Songs zu texten. Mittlerweile haben sie sich einen Namen geschaffen, so dass sogar im albanischen Fernsehen über sie eine Sendung ausgestrahlt wurde. Die Musik und ihre Einbettung in eine kosovo-albanische Jugendkultur bedeuten ihm viel. Sie versinnbildlicht Autonomie und Zufriedenheit.
Beruflich hat Blerim zu einem guten Selbstvertrauen zurückgefunden. Weil er sich «eine Zukunft aufbauen» will, beschäftigt er sich mit dem Gedanken, doch noch nach einer Lehrstelle zu suchen. Sein Vorgesetzter unterstützt ihn bei diesem Vorhaben, verschafft ihm die nötigen Referenzen und gewährt ihm Freiraum für Schnupperlehren. Nach eineinhalb Jahren Hilfsarbeiter-job kann Blerim einen Erfolg verbuchen. Er findet eine Lehrstelle als Bodenleger. Für seine geleistete Arbeit erhält er Anerkennung. Bereits setzt er sich mit dem Gedanken auseinander, nach der Lehre noch Weiterbildungen anzupacken.