der arbeitsmarkt | 10/2010 | Text: Andreas Affolter
Unternehmerisch denken lernen
Auf vielen Bauernhöfen müssen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. «Praktiker unterstützen Praktiker» – dies ist das Motto des Aufbruchteams, das vom Kanton Bern aus in der ganzen Schweiz Beratung anbietet. «Wir legen bei den Landwirten die unternehmerische Ader frei», sagen die Initianten.
«Wir merkten, dass eine Lücke bestand: Wenn ein Bauer sich dafür entschieden hat, Getreide anzubauen, findet er Unmengen von Unterlagen, wie dies am besten gelingt. Wer unterstützt ihn aber bei der vorangehenden Entscheidfindung?» So gründeten die Berner Landwirte Karl Berger und Stefan Moser im Jahr 2004 das Aufbruchteam. «Natürlich braucht es die Fachausbildung, aber die Persönlichkeitsentwicklung ist ein wichtiger Faktor. Und Erfolg bedingt eine unternehmerische Ader. Diese haben die meisten Landwirte, aber sie ist oft etwas zugeschüttet.» Anders formuliert: Die ratsuchenden Bauern sollen befähigt werden, ausgefahrene Wege zu verlassen. Gemeinsam hinterfragt man die bisherige Betriebsform, wiegt Vor- und Nachteile ab und sucht nach massgeschneiderten Alternativen. Denn ein Patentrezept gibt es nicht.
Sich veränderndem Umfeld anpassen
Althergebrachtes aufgeben und Neues probieren: Dieses Wagnis sind die Initianten des Aufbruchteams selbst eingegangen. Seit 1868 befindet sich das Bauerngut, das Karl Berger in Linden BE bewirtschaftet, in Familienbesitz. Vor 12 Jahren hat er es von seinem Vater übernommen; die Eltern wohnen nun im Stöckli. Der Junior absolvierte die gängige landwirtschaftliche Ausbildung und legte die Meisterprüfung ab. Dann stiess er auf ein Angebot der deutschen Bauern- und Unternehmer-Schulung (BUS), die in der Schweiz Fuss fassen wollte. In den Wintern 1999/2000 und 2000/2001 belegte Berger Weiterbildungskurse. Und war fasziniert vom Ansatz, den er so bisher nicht gekannt hatte: «In der Schweizer Landwirtschaft ging man lange Zeit davon aus, dass der Absatz der Produkte zu festgelegten Preisen garantiert ist. Die Frage nach dem marktgerechten Verhalten stellte eigentlich niemand.» An der BUS sehe man hingegen den Bauern als Unternehmer, und so werde das Verhalten im sich verändernden Umfeld thematisiert.
Zum Betrieb gehören 16,5 Hektaren Land und 10 Hektaren Wald, seit jeher wird Milch produziert. «Die Schmerzgrenze, dies aufzugeben, ist hoch», meint Karl Berger. Hingegen erfolge die Bewirtschaftung heute anders, die Kühe gehörten einer neuen Rasse an, und er suche nach Zusatzeinkünften, so der 42-Jährige. Er hat 15 Milchkühe, die bei jeder Witterung auf der Weide sind, je sieben Aufzuchtrinder und -kälber sowie zwei Esel und zwei Kaninchen. Zwei Drittel der gemolkenen Milch bringt er als Verkehrsmilch in die Käserei, ein Drittel verwendet er zur Kälbermast. Berger baut selber Futtergetreide an. Im Wald schlägt er Nutzholz und zieht Tannenbäume. Die Idee der «Weihnachtsbäumchen» hatte er aus einem BUS-Kurs mitgenommen. «Anfänglich führte ich zusammen mit meiner Gattin Andrea jeweils vor Weihnachten einen Event durch, um unser Angebot bekannt zu machen.» Im ruhigeren Winterhalbjahr hat der Landwirt auch mal Zeit, sich der Kunst zu widmen: Er schmiedet in der eigenen Werkstatt Dekorationen aus Eisen. Weiter war er vor drei Jahren Mitbegründer einer Skischule, die er leitet. Mit Erfolg: «Wir haben im Dorf einen Skilift, und viele Kinder aus dem Flachland kommen zu uns.»
Wie tückisch es sein kann, eine Idee zu verwirklichen, erfährt Karl Berger am eigenen Leib. Vor Jahren hätte er vom Ballenberg ein Haus kaufen können; die Behörden verboten ihm jedoch, dieses aufzustellen. Jetzt möchte er in einem Nebengebäude eine Ferienwohnung einbauen, erhält aber die Bewilligung für die Küche nicht. «Wer in den Agrotourismus einsteigen will, hat es bei den vielen Vorschriften in der Schweiz nicht leicht», stellt Berger fest. Aber es gelte, dranzubleiben. «Jetzt sprechen wir halt von Gästezimmern, und wahrscheinlich gibts eine mobile Kücheneinrichtung», meint er verschmitzt.
Bubentraum Landwirt verwirklicht
An der BUS-Weiterbildung hat Berger auch den Mitbegründer des Aufbruchteams kennen gelernt: Stefan Moser aus Gondiwil. Der 49-Jährige ist ebenfalls Milchbauer. Er verarbeitet die Milch selbst, indem er verschiedene Käse, Joghurt und Quark herstellt. Seine Produkte setzt der Landwirt auf dem Markt in Thun ab, zudem bietet er einen Hauslieferdienst an. Moser ist gelernter Laborant. Nach Wanderjahren bei Bauern absolvierte er die landwirtschaftliche Schule: «Ich wollte meinen Bubentraum doch noch verwirklichen.» Vorerst arbeitete er als Pächter, vor gut zehn Jahren konnte er zwei nebeneinander liegende Betriebe kaufen. Das zweite ehemalige Bauernhaus baute er in ein Ferien- und Seminarhaus um und gab dem Ganzen den Namen «SinnPathie». Für die Vermietung ist seine Frau Regula Moser zuständig.
Heute ist das Aufbruchteam mit drei Männern und zwei Frauen gesamtschweizerisch tätig. Für rund 50 Betriebe ganz unterschiedlicher Grösse und Struktur wurde bisher die Beratung in Anspruch genommen, die Nachfrage steigt. «Praktiker beraten andere Praktiker», bringt es Karl Berger auf den Punkt. «Wenn eines der Teammitglieder auf einen Hof kommt, merkt es meist schnell, wo der Schuh drückt.» Das könne etwa eine schwierige finanzielle Situation sein, permanente Arbeitsüberlastung oder ein Generationenkonflikt. «Auf den Zahn fühlen tut manchmal weh, aber wir reden auf der gleichen Ebene. Das schafft Vertrauen.» Jeder Ratsuchende muss versuchen, sein Problem schriftlich zu beschreiben. Dann werden gemeinsam Lösungsansätze diskutiert. «Entscheiden, was er machen will, muss unser Kunde selbst», betont Berger. «Wir plädieren jeweils für kleine Schritte, die dann auch überprüfbar sind. Diese werden in einer Vereinbarung festgehalten. Während der Prozess abläuft, fragen wir telefonisch nach dem Stand der Dinge. Das soll verhindern, dass jemand frühzeitig aufgibt.» Wichtig ist dem Aufbruchteam, dass der Kunde die ganze Familie miteinbezieht: «Denn eine Situation kann nur verbessert werden, wenn damit alle zufrieden sind.»
Die Zeit besser einsetzen
Immer wieder stossen die Berater bei der Problemanalyse auf ähnliche Ursachen. «Viele Bauern rechnen zu wenig», konstatiert Karl Berger. «Sie müssen genau wissen, welche Aktivitäten einkommensproduzierend sind.» Er verweist auf das sogenannte Paretoprinzip: 80 Prozent der Ergebnisse werden in 20 Prozent der Gesamtzeit eines Projekts erreicht, die verbleibenden 20 Prozent der Ergebnisse verursachen die meiste Arbeit. Diese 80-zu-20-Regel sei auch auf die Landwirtschaft anwendbar: «20 Prozent des Aufwandes generieren 80 Prozent des Ertrags.» Die Buchhaltung sei Chefsache und dürfe nicht delegiert werden, ist Berger überzeugt. «Denn sie zeigt mir, ob ich auf Kurs bin, und bildet die Grundlage, um sinnvolle Veränderungen auszulösen. Wie soll ich von einer Bank einen Investitionskredit erhalten, wenn ich nicht einmal weiss, was ich woher einnehme?»
Das Zeitmanagement kann in vielen Betrieben ebenfalls verbessert werden: «Aber man muss sich der Zeitfresser bewusst sein, um etwas anders machen zu können», führt Stefan Moser aus. Der Spruch «Du bist gut, wenn du viel arbeitest - egal, was es bringt» stecke noch in manchem Bauernkopf. Er führt ein Beispiel von seinem eigenen Hof an: «Früher habe ich mit der Hacke die Blacken, ein zähes Unkraut, in stundenlanger Arbeit ausgestochen. Dies deshalb, weil ein Bauer im Bernbiet als ‹Souhong› gilt, wenn er davon viel auf der Weide hat. Dann stellte ich fest, dass die Landwirte im Luzernischen das Kraut einfach wachsen lassen - und niemand stört sich daran. Weil die Qualität des Futters für meine Tiere durch das Unkraut nicht schlechter wird, habe ich mit dem Jäten aufgehört - und so Zeit für Sinnvolleres gewonnen.»
Welche Rolle spielt die Betriebsgrösse bei der Existenzsicherung? «Wachsen oder aufhören» - von dieser Devise hält Moser nichts: «Das Grosse ist nicht a priori besser, die Betriebsgrösse ist ein relativer Faktor.» Nicht die Fläche sei entscheidend, sondern was man darauf mache: «Mit meinen fünfeinhalb Hektaren bewirtschaftetes Land könnte ich nicht überleben, wenn ich Molkereimilch abliefern würde. Ich brauche die Wertschöpfung, die ich mit der Veredelung und der Direktvermarktung erreiche; statt 65 Rappen erhalte ich so umgerechnet auf das Kilogramm Milch drei Franken.» Die Betriebsgrösse wirke sich auf die Menge der anfallenden Arbeit aus: «Diese muss von den zur Verfügung stehenden Arbeitskräften zu bewältigen sein. Ein Ein-Mann-Betrieb darf deshalb eine gewisse Grösse nicht übersteigen.» Was stimmen müsse, sei die Balance zwischen Beruf und anderen Tätigkeiten, erklärt Moser. «Auch ein Landwirt braucht Freizeit. Sonst ist irgendwann einmal die Luft draussen.»
Von der Beratenen zur Beratenden
Zu denjenigen, welche die Beratung in Anspruch genommen haben, gehören Peter und Sabine Jenni aus Scheunen: «Als mein Mann den elterlichen Hof übernahm, stellte sich die Frage nach der Perspektive», erzählt Sabine Jenni. «Meine Mutter sah ein Zeitungsinserat des Aufbruchteams, und wir meldeten uns. Da die Berater auch Bauern sind, entstand schnell ein Klima des Vertrauens. Es tat uns gut, wie unser Potenzial als Ehepaar aufgezeigt wurde. Weil ich in der Gastronomie tätig gewesen war, entstand die Idee einer Kombination von Bauernhof und Hotel.» Dazu ist es allerdings nicht gekommen - vor allem aus Kostengründen. «Die Beratung brachte uns trotzdem sehr viel, da wir gelernt haben, Visionen zu entwickeln und diese dann auf die Umsetzbarkeit hin zu überprüfen.» Peter Jenni schuf eine eigene Maschine an, als sich die Gelegenheit bot, Kundschaft zu übernehmen und als Lohnunternehmer Siloballen zu pressen. Weil die örtliche Käserei schloss, wurde die Milchwirtschaft aufgegeben. «Das Einrichten eines Kühlraums für die Milch hätte sich bei unserer Grösse nicht bezahlt gemacht, und so stellten wir auf Mutterkuhhaltung um.» Weitergeführt wurde der Ackerbau. Und eines Tages erhielt Sabine Jenni eine Anfrage des Aufbruchteams: Es werde eine zweite Frau gesucht, ob sie Interesse habe. «Das überlegte ich mir nicht lange, ich machte gerne mit. Denn ich hatte gesehen, wie viel es bringt, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dies verhilft zu einer anderen Sichtweise, ohne dass gleich gesagt wird, das gehe ja gar nicht.»
Die Leute vom Aufbruchteam vergleichen die Betriebe, auf denen sie beratend wirken, mit einem Eisenbahnwaggon: «Er fährt ziemlich schnell hinunter und rollt in der Ebene aus. Wir gehen um den Wagen herum. Vor einem Rad könnte ein grösserer oder kleinerer Stein liegen, der die Weiterfahrt verhindert. Wir versuchen herauszufinden, was blockierend wirkt. Und dann machen wir Vorschläge, wie der Waggon wieder zum Rollen gebracht werden könnte.» Es gebe oft mehrere Möglichkeiten, aber jede sei besser als der Stillstand. «Wenn der Wagen in Fahrt gekommen ist, braucht es uns nicht mehr.»