der arbeitsmarkt | 10/2010 | Text: Robert Hansen
Der Produktionsstandort Schweiz ist auch in der Landwirtschaft ein Thema. Trotz deutlich tieferen Lebensmittelpreisen im EU-Ausland und dem drohenden Agrarfreihandelsabkommen glaubt Hansjörg Walter an die Zukunft dieses Wirtschaftszweigs. Als Präsident des
Schweizerischen Bauernverbandes muss er das. Als Landwirt setzt er auf den Heimmarkt und den Export von ausgewählten Produkten.
Sie bewirtschaften im Kanton Thurgau ihren eigenen Hof mit 32 Hektaren Land, haben einen Meisterlandwirt und einen Lehrling angestellt, und im Stall ist Platz für 40 Milchkühe. Sie besitzen 57 Obstbäume und produzieren Getreide, Zuckerrüben, Raps und Mais. Können Sie gut davon leben?
Hansjörg Walter: Ohne mein politisches Mandat und meine Tätigkeit als Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes würde ich den Betrieb als Bauer zusammen mit einem Lehrling bewirtschaften. In diesem Fall könnte ich die notwendigen Investitionen und Abschreibungen vornehmen.
Sind Sie auch noch konkurrenzfähig, wenn in vier Jahren mit dem Agrarfreihandelsabkommen die Importzölle auf landwirtschaftlichen Produkten wegfallen und unser Land mit deutlich günstigeren Produkten aus dem Ausland beliefert wird?
Ob das kommt oder nicht, ist im Moment noch offen. In diesem Fall müssten wir uns sicher etwas einfallen lassen. Durch das Abkommen würden die Preise der Produkte und damit unser Einkommen massiv sinken. Billige ausländische Nahrungsmittel würden auch unseren Markt überfluten.
Wie würden Sie darauf reagieren?
Sicher müsste der Bund während einer bestimmten Phase die Landwirtschaft zusätzlich unterstützen. Das ist mit den Begleitmassnahmen so vorgesehen, und dafür werden Mittel angespart. Wir Landwirte müssten die Kosten weiter senken - was aber gar nicht so einfach ist. Ein möglicher Weg ist die Spezialisierung, indem sich die Landwirte beispielsweise nur auf Milchwirtschaft oder auf Ackerbau konzentrieren. Ein anderer ist die Extensivierung zusammen mit einem Nebenerwerb ausserhalb der Landwirtschaft. Welches das richtige Rezept ist, muss jeder Betrieb für sich entscheiden.
Kosten senken und Betriebe optimieren macht ja auch ohne Zwang eines drohenden Freihandelsabkommens Sinn.
Natürlich! Das ist ein Prozess, der bereits seit Jahren läuft. Jeder Betrieb muss sich auf seine Spezialität konzentrieren und wo immer möglich mit anderen zusammenarbeiten. Jeder Betrieb versucht möglichst rationell zu wirtschaften, weil er sonst schon heute nichts mehr verdient. Was ich meine, ist mehr, dass eine Kultur oder eine Produktionsart sich auch auf die besten Lagen konzentrieren würde respektive einzelne Sektoren wohl ganz auf der Strecke bleiben würden. Der Strukturwandel würde sich enorm beschleunigen.
Würden mit schrankenlosem und zollfreiem Handel den Schweizer Bauern nicht deutlich grössere Märkte erschlossen? Die Marke Schweiz bürgt ja für Qualität und verkauft sich auch im Ausland gut.
Wir haben ja bereits die Öffnung bei den Käseprodukten. Da gibt es eine gegenseitige Liberalisierung. Im Hochpreissegment haben wir positive Erfahrungen gemacht. Andererseits kommen sehr viele günstige Produkte in die Schweiz. Die Bilanz ist also etwas zwiespältig. Zudem darf man nicht vergessen: Für unseren Käse sind wir auf der ganzen Welt bekannt, aber wer möchte schon unbedingt einen Apfel oder ein Rüebli aus der Schweiz? Die Strategie des Schweizerischen Bauernverbandes sieht vor, dass wir dort öffnen, wo wir Chancen haben, beispielsweise mit Fleischwaren wie Würsten oder Trockenfleisch. Eine vollständige Öffnung hingegen hätte sehr negative Auswirkungen und würde die Landwirtschaft wie auch das Landschaftsbild nachhaltig verändern.
Befürworter des Freihandelsabkommens versprechen sich auch hierzulande tiefere Lebensmittelpreise auf EU-Niveau. Doch ein Schweizer Bauer mit einigen zerstückelten Hektaren Land wird nie konkurrenzfähig sein gegenüber einem dänischem Grossbauern, auf dessen Feld sieben Mähdrescher gleichzeitig fahren.
Der Preis für die landwirtschaftlichen Rohstoffe macht im Schnitt gerade mal einen Viertel des Ladenpreises aus. Der Rest sind die Auslagen und Margen für Verarbeitung, Handel und Verkauf. Auch das kostet in der teuren Schweiz mehr. Nur weil wir die Schutzzölle aufheben und damit die Preise für die Bauern fallen, ändert sich für die Konsumenten leider nicht viel. Es gibt also folglich wenig zu gewinnen, dafür umso mehr zu verlieren. Und wie erwähnt: Unsere Flächen sind klein und unsere Topografie schwierig und oft nur mit Handarbeit zu bewirtschaften. Wir werden nie mit den grossen Agrarnationen mithalten können. Unsere Landwirtschaft sollte deshalb in erster Linie eine gewisse Ernährungssouveränität garantieren. Das ist kein marktwirtschaftlicher, sondern ein rein politischer Entscheid.
Da müssen Ihnen die jüngsten Wirtschaftsmeldungen gelegen kommen. Russland verhängte nach dem trockenen Sommer ein temporäres Weizen-Exportverbot. Ist das nicht auch eine Chance des Bauernstandes, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, welchen Stellenwert die heimische Produktion hat?
Ja, das ist in der Tat so. Bereits in der Krise von 2008 zeigte sich: Sobald Lebensmittel knapp werden, schaut jedes Land zuerst für sich. Und langfristig werden Engpässe zunehmen. Die Erdbevölkerung wächst, und die landwirtschaftliche Nutzfläche ist begrenzt. Zudem wird das Wasser immer mehr zum limitierenden Produktionsfaktor. Hinzu kommt, dass stärker mit Agrarrohstoffen spekuliert wird, was ebenfalls zu höheren Preisschwankungen auf dem Weltmarkt beiträgt. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Ernährungssouveränität in Zukunft an Bedeutung gewinnt. Jedes Land sollte eine gewisse Grundversorgung selber gewährleisten können.
Kürzlich kaufte ein Fonds einen Fünftel der Weltproduktion von Kakaobohnen auf, um damit zu spekulieren. Wie kann die Schweizer Landwirtschaft sich in die Preisgestaltung einbringen und dafür sorgen, dass die Produzenten und nicht die Spekulanten Geld mit den Lebensmitteln verdienen?
Bei Produkten wie Getreide, wo eine gewisse Lagerfähigkeit besteht, wo Terminkäufe schon immer getätigt wurden, sehe ich keine Lösung. Die WTO muss sich damit befassen, ich gehe aber leider davon aus, dass sie keine verbindlichen Regeln aufstellen kann. Zwar behauptet Nestlé-CEO Peter Brabek, Spekulation spiele bei den Produktepreisen keine grosse Rolle. Ich teile diese Auffassung nicht. Sie sorgt in den Märkten für grosse Turbulenzen. Und die Spekulationen mit Lebensmittelrohstoffen werden eher noch zunehmen. Wir haben eine weltweite Bankenkrise hinter uns. Wenn der Aktienmarkt nichts mehr hergibt, weicht man in den Foodbereich aus. Gegessen wird immer.
Die Preise von Schweizer Produkten liegen weit über dem Weltmarktniveau. Der Schweizerische Bauernverband rechnet vor, dass mit dem Freihandelsabkommen das Einkommen der Betriebe um bis zu 50 Prozent sinken würde. Dabei liegt das durchschnittliche landwirtschaftliche Einkommen pro Betrieb schon jetzt bei nur 60 000 Franken. Wer kann da wirtschaftlich noch überleben?
Eine Halbierung des Einkommens ist für einen Grossteil unserer Bauernfamilien nicht verkraftbar. Es ist dem Bundesrat und dem Parlament klar, dass es in einem solchen Fall Begleitmassnahmen geben muss. Mit zusätzlicher Unterstützung und durch Übergangsfristen müsste man ein solches Szenario abfedern. Trotzdem würde sich unsere Produktion massiv verändern. Spezialkulturen und Ackerbau hätten einen besonders schweren Stand.
Sind die Szenarien des Bauernverbandes nicht etwas schwarzgemalt? Die Weltbevölkerung nimmt wie erwähnt zu, die Ansprüche der Konsumenten steigen, durch Lebensmittelskandale kommt das Qualitätsbewusstsein zurück. Eigentlich gute Perspektiven für Bauern.
Die Differenz zu den Weltmarkt- und EU-Preisen wird kleiner. Ungeachtet dessen sind wir ein kleines, bergiges und teures Produktionsland. Das führt dazu, dass wir immer ein Kostenproblem haben. Kommt hinzu, dass Nahrungsmittel dort gerne verkauft werden, wo die Kaufkraft am grössten ist. Die Schweiz wird deshalb bei offenen Grenzen sehr attraktiv sein für ausländische Produzenten. Vereinfacht gesagt, würden wir teure Spezialitäten produzieren, diese den Reichen in Europa verkaufen und auf der anderen Seite unseren Grundbedarf möglichst günstig mit ausländischen Lebensmitteln abdecken. Macht das Sinn? Für mich nicht. Global betrachtet, haben wir zudem immer grösser werdende Versorgungs- und Verteilungsprobleme zu bewältigen. 900 Millionen Menschen haben zu wenig zu essen, 900 Millionen sind übergewichtig. Rein kalorienmässig wäre es wohl möglich, zumindest in den nächsten 50 Jahren ausreichend zu produzieren.
In diesem globalen Massenmarkt haben die Schweizer Bauern mit ihren Produkten keine Chance. Aber können sie sich nicht zusätzlich zur erfolgreichen Rolle in der Schweiz als Nischenplayer mit hochqualitativen Produkten im Ausland etablieren? Migros und Coop lancierten Biolinien, schreiben die Herkunft der Produkte auf die Verpackung und verkaufen Lebensmittel mit regionalem Bezug. Sogar der deutsche Harddiscounter Aldi wirbt in seiner jüngsten Plakatkampagne mit lieblichen Landschaften und Qualität von Schweizer Bauernhöfen.
Für die schweizerische Landwirtschaft hat der Heimmarkt, also die Versorgung der eigenen Bevölkerung, erste Priorität. Wir haben derzeit einen Selbstversorgungsgrad von 58 Prozent. Im Exportbereich muss es uns gelingen, mit Spezialitäten im europäischen Markt Fuss zu fassen. Da sind wir auf bestem Weg.
Mit welchen Produkten?
Mit Käsemarken wie Gruyère, Appenzeller und Emmentaler im hohen Qualitätssegment, aber auch mit regionalen Spezialitäten. Beim Verarbeitungsfleisch wie Wurstwaren sehe ich ebenfalls gewisse Möglichkeiten. Die Schweiz hat sehr gute Destinationen im Fremdenverkehr, und wir haben einen guten Namen im Ausland. Wenn wir diesen Ruf und unser Angebot an qualitativ hochstehenden Lebensmitteln miteinander verbinden können, haben wir gute Chancen. Die Österreicher oder das Allgäu sind mit dieser Strategie ebenfalls erfolgreich. Dazu braucht es aber grosse Werbeanstrengungen. Wenn wir mit einer vernünftigen Logistik direkt an den Markt gelangen können, ist das sicher der erfolgversprechende Weg, wie wir zusätzlich den Absatz fördern können.
Sie haben damit quasi die Strategie des Bauernverbandes bei einer Einführung des Agrarfreihandelsabkommens präsentiert.
Das ist eine Strategie, die wir auch ohne Freihandelsabkommen vorantreiben.
Ob dieses noch auszuhandelnde Abkommen umgesetzt wird, hängt vermutlich über das fakultative Referendum auch vom Volkswillen ab. Führen Sie Argumente wie die eben besprochene Lebensmittelsicherheit, Qualität und Unabhängigkeit im Abstimmungskampf ins Feld?
Wenn es zu einem Abstimmungskampf kommt, werden das sicher Themen sein. Nahrungsmittelsicherheit wird durch immer offenere Grenzen nicht gefördert. Der Konsument muss sich beim Kauf eines Schweizer Produkts bewusst sein, dass er ein Stück Heimat einkauft und ein Stück Landschaftspflege und Erholungsraum mitfinanziert. Das sind unsere Botschaften, die wir vermitteln wollen.
Sinkende Produktepreise sind das eine Problem für die Landwirte. Aber auch die Direktzahlungen dürften nicht immer so erklecklich fliessen. Die Schweizer Landwirtschaft wird vom Bund jährlich mit 3,6 Milliarden Franken unterstützt. Die Schweiz hat neben Korea und Norwegen die höchste staatliche Unterstützung für die Landwirtschaft. In Deutschland liegen die Beiträge bei unter der Hälfte. Das lässt erahnen, dass die Subventionen auch in der Schweiz dereinst sinken werden.
Die Unterstützung der Landwirtschaft wird bei jeder Sparrunde immer wieder diskutiert. Bisher konnten wir mit unseren Argumenten überzeugen, dass in der Landwirtschaft nicht überproportional gekürzt worden ist. Die monetären Direktzahlungen liegen bei 2,6 Milliarden, hinzu kommen Investitionsbeiträge für ländliche Regionen, die nicht nur alleine der Landwirtschaft dienen. Die Landwirtschaft gibt über 6 Milliarden Franken pro Jahr für Dünger, Pflanzenschutzmittel, Maschinen, Bauten und so weiter aus. Geld, das wieder in die lokale Wirtschaft fliesst. Zudem tragen die Bauernfamilien gerade in abgelegenen Gebieten viel dazu bei, dass diese Gegenden belebt und die Infrastruktur im Dorf bleibt. Von den Direktzahlungen profitiert der gesamte ländliche Raum. Ganz abgesehen von der Versorgung mit sicheren und hochwertigen Lebensmittel für die ganze Bevölkerung.
Wie sieht der durchschnittliche überlebensfähige Schweizer Hof aus?
Dieser hat eine sehr gut ausgebildete Betriebsleiterfamilie, die innovativ ist und sich den Bedürfnissen des Markts anpasst. Um die Kosten im Griff zu haben, brauchte es heute eine gewisse Grösse des Betriebs, wenn man ausschliesslich davon leben will.
Kann diese quantifiziert werden?
Nein, auch ein kleiner Betrieb kann beispielsweise mit einer arbeitsintensiven Spezialkultur bestehen. Derzeit haben wir noch 60 000 Betriebe. Der Strukturwandel führte in den letzten Jahren dazu, dass jährlich rund 1,5 Prozent der Betriebe aufhören mussten. Sollte das EU-Agrarfreihandelsabkommen kommen, erwarten wir gegen 5 Prozent. Diese Entwicklung machen derzeit Österreich, Deutschland und Frankreich durch. Haupterwerbsbetriebe werden dort zudem vermehrt zu Nebenerwerbsbetrieben.
Der Bauernstand erwirtschaftet rund 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts und stellt noch etwa 3 Prozent der Arbeitsplätze. Wann ist die Strukturbereinigung abgeschlossen?
Strukturbereinigung ist ein fortlaufender Prozess, der, wie gesagt, stark von den politischen Rahmenbedingungen abhängt. Der Druck zu Rationalisierungen und Mechanisierungen nimmt auch in der Landwirtschaft zu, sodass immer weniger Menschen in der Landwirtschaft die anfallende Arbeit erledigen können. Ganz abgeschlossen wird dieser Prozess wohl nie sein. Es braucht nach wie vor Unterstützung im Berggebiet. Aber auch im Talgebiet führen die grössere Zersiedelung, immer mehr Strassen und damit kleinere Parzellen zu höheren Kosten. Bauern müssen ihre Höfe aufgeben. Andererseits fehlen auf der Alp Arbeitskräfte, wie diesen Sommer zu lesen und sehen war.
Die Arbeitskraftsituation in der Landwirtschaft ist generell angespannt. Wir bilden sehr gute junge Bauern aus, die aber ausserhalb der Landwirtschaft Chancen haben und dort mehr verdienen. Infolge der schlechten finanziellen Lage und den damit verbundenen tiefen Löhnen und den oft langen Arbeitstagen ist es grundsätzlich wenig attraktiv, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Wir müssen uns deshalb auf den Familienbetrieb fokussieren. Auf den Alpen ist das natürlich noch extremer, weil man dort noch einfacher leben muss und noch weiter von der Zivilisation entfernt ist. Zudem gibt es nur während drei Monaten Arbeit.
Die Landwirte sind auch für ein intaktes Landschaftsbild verantwortlich und prägen damit massgeblich das Bild der Schweiz. Der Tourismus, ebenfalls ein wichtiger Wirtschaftszweig in der Schweiz, ist davon abhängig. Könnten Sie sich vorstellen, dass der Bund Landwirte als Landschaftsgärtner beschäftigt, wenn die Lebensmittelproduktion nicht mehr lukrativ sein sollte?
Ich glaube nicht, dass Bauern beim Bund orange Kleider fassen wollen (lacht). Sie sehen ihre Aufgabe in der Produktion von hochwertigen Lebensmitteln und Rohstoffen. Wie eingangs erwähnt, gewinnt die Nahrungsmittelproduktion an Bedeutung. Klar können wir uns als reiches Land noch lange leisten, unser Essen im Ausland einzukaufen. Aber das fehlt dann anderswo. Die Landwirtschaft muss eine Kombination von Aufgaben erfüllen: Pflege der Landschaft, der natürlichen Ressourcen und Produktion von Lebensmitteln.