der arbeitsmarkt | 11/2010 | Text: olaf Kühne

Gabriela Stacher

Mein Tag als Weltmeisterin im Bankdrücken

Der Morgen ist nicht meine Zeit. Um mich wach zu bekommen, braucht mein Freund Philipp mehrere Anläufe. Dann lege ich mich als Erstes aufs Sofa. Mit einer Tasse Kaffee und meinen Katzen finde ich langsam in den Tag. Essen mag ich so früh noch nicht.
Eineinhalb Stunden später treffen wir in Philipps Studio ein, wo ich als Fitnesstrainerin arbeite. Jetzt gönne ich mir einen Proteinshake und eine Portion Haferflocken. Das Eiweiss brauche ich für die Regeneration und den Aufbau meiner Muskeln, die Kohlenhydrate im Hafer geben mir die nötige Kraft. Nachdem das Studio in Betrieb genommen ist, trifft auch bereits mein erster Personal-Training-Kunde ein. Eine Dreiviertelstunde lang trainiere ich mit ihm an Hanteln und Maschinen. Dabei steht der Aufbau einer schönen Muskulatur im Vordergrund. Seine Ausdauer schleife ich dann mit nochmals 45 Minuten auf dem Velo. Ehrensache, dass ich nicht nur daneben stehe und ihn anfeure, sondern selber kräftig in die Pedale trete. Zum Abschluss eines Personal-Trainings stelle ich meinen Kunden auf die Waage und vermesse ihn. Schliesslich sind mess- und sichtbare Fortschritte immer noch die beste Motivation für ein erfolgreiches Training.
Durch das Velofahren bin ich gut aufgewärmt für mein eigenes Training. Jeden Tag ist eine andere Muskelgruppe an der Reihe. Einzig am Samstag pausiere ich. Heute konzentriere ich mich auf Brust und Trizeps. Während ich auf der Hantelbank liege und Gewichte stemme, denke ich stolz an die Weltmeisterschaft in Prag zurück. 470 Athletinnen und Athleten traten im vergangenen September an, und ich wurde Weltmeisterin in meiner Kategorie, weil ich mit meinen 57,6 Kilogramm Körpergewicht die 80-Kilo-Hantel drückte. Diese Erinnerungen motivieren mich enorm, und ich gebe wieder einmal alles. Um das harte Training im Körper umzusetzen, ist eine schnelle Eiweissaufnahme wichtig. Deshalb gibt es nach meinen Workouts den nächsten Proteindrink, zusammen mit einer weiteren Portion Haferflocken. Das war dann auch schon meine Mittagspause.
Am Nachmittag widme ich mich wieder meinen Kunden und schreibe für sie Ernährungs- und Trainingspläne. Ist es einmal ruhig, ziehe ich mich gerne in mein Schmuck­atelier zurück. Schliesslich ist auch Philipp für die Trainierenden da. Mein Atelier habe ich vor einem Jahr im Studio eingerichtet. Hier kreiere ich Einzelstücke aus Murano-Glas und Silber oder setze Bestellungen von Kundinnen nach ihren Wünschen um. Bereits stecke ich im Weihnachtsgeschäft, denn ich möchte etwa 500 Schmuckstücke an den Weihnachtsmärkten von Interlaken und Wil zeigen und verkaufen. Die Arbeit an den filigranen Teilen ist für mich ein wunderbarer Ausgleich zum Hantieren mit den schweren Gewichten.
Etwa um drei Uhr nachmittags esse ich zum ersten Mal richtig: Fleisch und Gemüse, das ich am Vorabend gekocht habe. Danach bin ich wieder für meine Kundschaft da. Ein weiteres Personal-Training steht auf dem Plan. Abends um sieben leite ich noch eine einstündige Indoor-Cycling-Lektion. Beim Strampeln vor einer motivierten Gruppe kann ich mich ein letztes Mal richtig austoben. Nach einer wohltuenden Dusche geht es ans Aufräumen des Studios. Ich stelle liegen gebliebene Hanteln und Gewichtsscheiben in ihre Ständer, putze und fülle auf, was es zu putzen und aufzufüllen gibt. Um neun Uhr machen wir Feierabend; dann freue ich mich auf das Essen zuhause. Gemüse und Fleisch stehen wieder auf dem Speiseplan. Dabei bereite ich auch die Portion für den nächsten Tag vor. Während des Essens spreche ich mit Philipp über die kommende Wettkampfsaison. Ich werde nächstes Jahr nämlich nicht nur meine Titel als Welt- und Schweizermeisterin im  Bank­drücken verteidigen, sondern auch Wettkämpfe im Powerlifting bestreiten. In diesem Kraftdreikampf werde ich mich mit meinen Konkurrentinnen neben dem Bank­drücken auch in den Disziplinen Kreuzheben und Knie­beugen messen. Es bleibt aber beim Gespräch, denn unsere Wohnung haben wir zur sportfreien Zone erklärt. Weil es mir heute Nachmittag mit meinem Schmuck so gut lief, arbeite ich bis weit nach Mitternacht weiter - im Wissen, dass ich am nächsten Morgen wieder meinen Freund und meine Katzen brauchen werde, um wach zu werden.

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche