HR Today | 1&2/2011 | Text: Marianne Rupp
Nicht immer stimmen Wollen und Tun überein. Zumindest was den Wunsch nach Teilzeitarbeit betrifft, sind Männer oft zu wenig «tatkräftig». Auch das bestehende System, Vorurteile und Präsenzdenken verhindern Teilzeitarbeit gerade in den höheren Etagen. Doch die Zeit arbeitet für die jüngere Generation mit einem neuen Familien- und Vaterbild.
Die Anzahl Teilzeit arbeitender Männer ist ge- mäss Bundesamt für Statistik seit 1991 von 77000 (Teilzeit von 50 bis 89 Prozent) auf 186 000 im Jahr 2010 gestiegen. Wie viele da- von die Arbeitszeit aus familiären Gründen reduzierten, bleibt jedoch offen. Dennoch: Junge Männer interessieren sich heute klar mehr für Teilzeitarbeit. «Die sogenannte Ge- neration Y reduziert ihr Pensum gerne zu Gunsten der Familie», sagt Matthias Mölleney, Promoter für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Unternehmen. «Von der mittleren Generation jedoch, so zwischen 30 und 50 Jahren, höre ich oft, Teilzeit sei toll, aber für sie gehe es gerade nicht.»
Eine veränderte Haltung zur Teilzeit stellt auch Daniel Huber fest. Er ist seit 13 Jahren Geschäftsführer der Fachstelle UND, die sich um Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen kümmert: «Früher wollten die Frauen ihre Männer dazu bewegen, Teilzeit zu arbeiten. Heute sind ein Drittel unserer Kund- schaft Männer, die ihr Pensum reduzieren wollen und nicht wissen, wie sie es ihrer Ar- beitgeberin oder ihrem Arbeitgeber sagen sol- len.» Huber stellt fest, dass Männer mit Teil- zeitwunsch dies im Betrieb oft zu wenig ein- fordern. «Die Motivation zur Stellenreduktion muss für den Mann selber klar sein, er muss wirklich wollen und den Gewinn darin se- hen», sagt der Fachmann. Nur so könne er überzeugend argumentieren und darlegen, wie die Arbeit neu zu organisieren ist, damit es für beide Seiten stimmt. Weiter müssen die Anstellungs-bedingungen definiert und klar geregelt werden. «Leider wird das häufig ver- nachlässigt», weiss Huber. Nicht selten werde nur die Arbeitszeit reduziert, die Arbeit blei- be mehr oder weniger die gleiche – was über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt ist. «Es heisst dann, Teilzeit funktioniere nicht, und die Männer stocken ihr Pensum wieder auf», sagt Huber. UND hat daher Checklisten entwickelt, die zeigen, welche Punkte für eine gelungene Teilzeitarbeit berücksichtigt wer- den müssen. Ebenso stellt Huber fest, dass die Männer in den Unternehmen generell wenig
Privates austauschen, geschweige denn über Teilzeitwünsche reden. «Sie sind jeweils rich- tig erleichtert, wenn sie erfahren, dass andere genau dieselben Anliegen haben und man gemeinsam darüber reden und Lösungen suchen kann.»
Wie eine kürzlich erschienene Studie des Schweizerischen Nationalfonds zeigt, ist das Bild von Vaterschaft im Umbruch: Alle dort interviewten Männer lehnen die Figur des «abwesenden Ernährervaters» ab und wollen genügend Zeit für die Familie haben und ih- ren Kindern ein präsenter, fürsorglicher Vater sein. Die Bereitschaft dafür, ein anderes Ar- beitsmodell zu finden, ist da – «in der Umset- zung ist bis jetzt noch nicht so viel gelaufen, das braucht noch etwas Zeit», sagt Huber. Auch Mölleney spricht von Lippenbekenntnis- sen und mangelnder Umsetzung, denn «Teil- zeitarbeit gilt immer noch als Karrierekiller».
Das dürfte wohl einer der Gründe sein, warum Teilzeit auf höheren Etagen wenig bis gar nicht verbreitet ist. Auf die Frage, wie viele Männer auf der obersten Geschäftsleitungs- ebene Teilzeit arbeiten, antworten einige der grossen Unternehmen wie Swisscom, UBS, ABB Schweiz, Migros-Genossenschafts-Bund einstimmig: keine. Auch der Executive Sear- cher Guido Schilling erklärt, dass er in den letzten zehn Jahren nie eine Teilzeitstelle zu besetzen hatte und auch nie danach gefragt wurde. Dasselbe sagt ein anderer Executive Searcher, der anonym bleiben will, und dop- pelt nach: «Vom Rekrutieren her ist man nicht offen für Teilzeit. Ich würde auch nie danach fragen, sonst würde ich mich disqualifizieren. Die Unternehmen brauchen jemanden, der durchgehend präsent ist.» Dass er selber, Va- ter von zwei kleinen Kindern auch «nur» 90 Prozent arbeitet, legt er gegenüber seinen Kunden nicht offen. «Als Berater muss man immer verfügbar sein. Ich kann nicht sagen, heute Nachmittag bin ich bei den Kindern, das würde auf Unverständnis stossen.»
Ist das wirklich so? Zwar fehle heute noch die allgemeine Akzeptanz von Teilzeit auf Führungsebene, sagt Mölleney. Aber: «Eine Führungskraft ist nie immer verfügbar. Ob ein Chef auf einer Halbleiterkonferenz in Japan ist und nur in Notfällen zu erreichen oder ob er seine Kinder betreut und nur in Notfällen erreicht werden kann, ist für den Mitarbeiter egal.» Und ein Chef, der sich um seine Kinder kümmert, bedeute heute keinen Statusverlust mehr, sondern werde von jüngeren Leuten positiv bewertet, weiss Mölleney. Trotzdem: «Heutzutage muss man zuerst noch beweisen, dass der GL-Job auch mit anderen Tätigkeiten kombinierbar ist.»
Ein kreatives HR kann dazu einiges beitra- gen. Mölleney selber hat als HR-Leiter bei der Swissair die Initiative gestartet, den GL-Mit- gliedern Lehraufträge an Fachhochschulen oder Universitäten zu beschaffen und sie so dazu zu bewegen, vertraglich auf Teilzeit zu- rückzugehen. Leider konnte die Initiative nicht mehr durchgeführt werden, da die Flug- gesellschaft ihren Betrieb einstellte. Ein ande- rer Weg wäre gemäss dem Fachmann, wenn all diejenigen, die mehrere (Verwaltungsrats-)
Mandate innehaben – «und praktisch sowieso Teilzeit arbeiten» – ihren offiziellen Hauptjob auf 80 Prozent kürzen würden. «Sobald sich Teilzeit auf der Führungsebene etabliert hat, ist es nicht mehr weit, bis jemand aus famili- ären Gründen kürzertritt», sagt Mölleney. «Wichtig sind Vorbilder, authentische Aussa- gen von Leuten, die Teilzeit arbeiten und dazu stehen.».
Zwar nimmt auch bei der Bank Coop die Teil- zeitarbeit gegen oben klar ab, tendenziell jedoch sei das Bedürfnis nach reduzierter Ar- beitszeit sowohl bei jüngeren wie auch bei älteren Mitarbeitenden gewachsen, wie Eveline Erne sagt. Als Leiterin HR Operations ist sie die treibende Kraft hinter etlichen Massnahmen, die zur Vereinbarkeit von Fami- lie und Beruf beitragen und dem Finanzinsti- tut eine Auszeichnung für seine familien- freundliche Unternehmenspolitik einge- bracht haben. Heute arbeiten rund 10 Prozent der Männer Teilzeit, im mittleren Manage- ment sind es 28 Prozent (2004: 13 Prozent). Sowohl Huber wie auch Mölleney bestätigen, dass vor allem Männer des unteren und mitt- leren Managements an Teilzeit interessiert sind. Die Bank Coop liegt ganz im Trend. The- oretisch sei bei ihnen Teilzeit auf allen Stufen möglich, sagt Erne, und die Stellen werden wenn möglich immer zwischen 80 und 100 Prozent ausgeschrieben. Auf der obersten Ge- schäftsleitungsebene arbeite aber niemand Teilzeit. «Ich glaube, das Bedürfnis ist nicht da», sagt Erne. «Altersmässig sind dort alles Leute, die ältere Kinder haben und die sich stark mit dem Job identifizieren.» Für die HR- Fachfrau ist Teilzeitarbeit zwar ein wichtiges Mittel, aber nicht auf allen Stufen und nicht in allen Lebensphasen. Gerade auf GL-Stufe sei nicht Teilzeit matchentscheidend, sagt Erne, sondern dass die Leute «dort oben» eine gute Work-Life-Balance leben und offen sind für andere Lebens- und Arbeitsmodelle.
Nicht jeder soll Teilzeit arbeiten müssen, aber wer will, der sollte die Möglichkeit dazu haben. Denn Teilzeitarbeit ist nicht nur für die Lebensbalance gut, sie ermöglicht auch andere Erfahrungen, neue Impulse und Per- sönlichkeitsentwicklung – was den Arbeitge- bern zugute kommt. Und Unternehmen, die Teilzeit anbieten, haben im Personalmarke- ting klare Vorteile: Arbeitnehmende achten vermehrt auf die Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit. Eine Befragung von Uni- versum unter 7740 Studierenden in der Schweiz zeigte, dass unter neun Karriere- zielen mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Studierenden die Work-Life-Balance als den wichtigsten Faktor zur Wahl des ersten Arbeit- gebers genannt haben. Die Wirtschaft wird nicht auf diese Leute verzichten können.
«Die Unternehmen setzen sich oft zu re- aktiv mit den gesellschaftlichen Trends ausei- nander», sagt Guido Schilling. «Die demogra- fische Entwicklung zeigt, dass immer weni- ger junge Leute auf den Markt kommen, und Fachkräftemangel haben wir schon. Die Un- ternehmen müssen also kreativ werden, wenn sie die für sie besten Leute rekrutieren und vor allem auch halten wollen.»
So gesehen stehen die Chancen gut, dass Teilzeitarbeit in Zukunft auf allen Stufen nicht nur möglich ist, sondern auch gelebt wird.