der arbeitsmarkt | 09/2011 | Text: Simon Wolanin
Erneuerbare Energien sind gefragt wie noch nie. Was bedeutet dies für den Schweizer Arbeitsmarkt? Experten zeigen, wie gross das Potenzial ist, welche Branchen profitieren und wo die Herausforderungen liegen.
Die Schweizer Energiebranche befindet sich im Umbruch. Im Mai 2011 beschloss der Bundesrat den Ausstieg aus der Atomenergie – ein historischer Entscheid. Spätestens 2034 soll das letzte Atomkraftwerk vom Netz genommen werden. Die fünf AKW in der Schweiz produzieren heute rund 40 Prozent des Schweizer Strombedarfs. Alternativen wie erneuerbare Energien geraten deshalb vermehrt in den Fokus. Das Potenzial der Stromgewinnung durch Sonne, Biomasse, Wind, Wasser, Geothermie und Umgebungswärme ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Einerseits sorgen technologische Fortschritte dafür, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Erneuerbaren laufend gesteigert wird. Dazu kommt, dass diese Form der Energiegewinnung in der Gesellschaft nicht zuletzt nach dem GAU in Fukushima ein zunehmend positives Image hat.
Die weitgehend umweltfreundliche Produktion von Strom durch erneuerbare Energien wird vom Staat durch Subventionen gefördert. Die Wachstumsprognosen in diesem Sektor sind optimistisch Eine 2010 veröffentlichte Studie von McKinsey & Company im Auftrag des Bundesamtes für Energie untersuchte die Wachstumschancen der Bereiche Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Berücksichtigt wurden dabei technisch und ökonomisch realisierbare Massnahmen zur Treibhausgasreduktion sowie der zu jenem Zeitpunkt geltende Unterstützungsbetrag für erneuerbare Energien. Bis 2020 geht man insgesamt von 2,6 Milliarden Franken Zusatzinvestitionen aus, davon 1,5 Milliarden im Gebäudesektor und 0,5 Milliarden zur Förderung der Erneuerbaren. Diese Investitionen schaffen laut Studie in der Schweiz 25 000 Arbeitsplätze, davon 20 000 in der Bauwirtschaft. Schweizer Unternehmen werden bis dann Anlagen zur Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien (Wind, Solar, Wasser, Biomasse) im Umfang von rund 540 Milliarden Franken bauen, so die Prognose. Die Einsparungen an fossilen Brenn- und Treibstoffen sowie die Finanzierung der Investitionen verursachen jedoch auch Umsatz- und Arbeitsplatzverluste. So rechnet man mit einem Nettoüberschuss von circa 11 000 Arbeitsplätzen und einer Wertschöpfung von rund 620 Millionen Franken bis 2020. Allerdings wurden hier der inzwischen beschlossene Atomausstieg und die Anpassung der kostendeckenden Einspeisevergütung nicht berücksichtigt.
«2009 konnten in der Schweiz dank den staatlichen Fördermassnahmen 1890 Stellen im Segment erneuerbare Energien geschaffen werden», sagt Umweltökonom Ueli Bernhard. Er ist Gründer und Geschäftsleiter von Greenjobs, einem unabhängigen Umweltbüro für Stellen im Cleantech-Bereich. Bernhard verweist auf eine Umweltmarktstudie des WWF aus dem Jahr 2005, die den Beschäftigungseffekt für die Schweiz bei einem Atomausstieg bis 2035 errechnet hat. «Geht man davon aus, dass die notwendigen erneuerbaren Energien im Inland produziert werden, könnten bis 2035 bis zu 160 000 neue Stellen in der Umweltbranche entstehen», erklärt er. «Dies würde einen durchschnittlichen Beschäftigungseffekt von 5300 Jobs pro Jahr bedeuten.»
Ein Blick über die Grenzen zeigt, wie gross das Potenzial ist. Deutschland hat sich dank einer gezielten staatlichen Förderung als weltweiter Marktführer im Bereich der Solar- und Windenergie etabliert. «2009 gab es in Deutschland 340 000 Arbeitsplätze im Bereich erneuerbare Energien», sagt Bernhard. «Das sind mehr als doppelt so viele wie 2004.» Allein 2009 konnten 22 500 Menschen neu eingestellt werden. Die deutsche Windkraftindustrie beispielsweise hat ihren weltweiten Umsatz seit 2003 mehr als verdreifacht. Bis 2020 sollen dank dem Klima- und Energiepaket der Bundesregierung weitere 500 000 Jobs entstehen. Herzstück des Pakets ist das seit April 2000 geltende Erneuerbare-Energien-Gesetz, das privaten Anbietern von Ökostrom die Abnahme durch den lokalen Netzbetreiber zu festgelegten Mindestpreisen garantiert. Die Einspeisevergütungen variieren je nach Technologie und Standort, sind auf 20 Jahre befristet und werden für Neuanlagen fortlaufend abgesenkt. So zwingt man die Hersteller, ihre Anlagen immer effizienter und kostengünstiger zu bauen. Auch in der Schweiz wurde 2009 mit der kostendeckenden Einspeiseverfügung für Strom aus erneuerbaren Energien (KEV) ein Förderinstrument eingeführt.
Michael Meier vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) sieht den Wertschöpfungseffekt für die Schweizer Wirtschaft skeptischer. «Man muss berücksichtigen, dass die Subvention erneuerbarer Energien das Einkommen von Haushalten und Unternehmen reduziert und deshalb die Wettbewerbsfähigkeit darunter leidet», sagt er. Zudem würden die Einsparungen an fossilen Brenn- und Treibstoffen auch Umsatz- und Arbeitsplatzverluste verursachen. «Die positiven und negativen Effekte auf die inländische Wertschöpfung werden sich bis 2020 in etwa ausgleichen», so Meiers Prognose. Das Hauptproblem sieht Meier darin, dass bei Investitionen in erneuerbare Energien ein Grossteil der benötigten Technologien aus dem Ausland importiert würde, beispielsweise Module für Fotovoltaikanlagen aus China. Es sei vor allem die Baubranche, die vom Boom erneuerbarer Energien profitiere. «Durch die örtliche Erstellung und Montage der Anlagen wird der Bausektor angekurbelt, welcher sehr personalintensiv ist», sagt Meier.
Wasserkraft als HauptenergiequelleEnergieformen Erneuerbare Energien sind im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen nachhaltig zur Verfügung stehende Energieressourcen. Dazu zählen Wasserkraft, Windenergie, Sonnenenergie, Erdwärme, Gezeitenkraft und aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnene Biomasse wie Holz, Biogas und Bioethanol. 2009 waren von der gesamten schweizerischen Netto-Elektrizitätsproduktion 56,2 Prozent erneuerbaren Ursprungs. Der überwiegende Teil mit 54,1 Prozent stammt aus der Wasserkraftnutzung (siehe Grafik). Subventionen In der Schweiz werden die erneuerbaren Energien durch Subventionen gefördert. Hauptpfeiler ist dabei die sogenannte «kostendeckende Einspeisevergütung», die 2009 mit dem revidierten Energiegesetz in Kraft getreten ist. Die Stromverbraucher zahlen dafür einen Zuschlag pro verbrauchte Kilowattstunde Strom. Im Sommer 2010 hat das Parlament beschlossen, diesen Zuschlag bedarfsgerecht bis auf maximal 0,9 Rappen pro Kilowattstunde zu erhöhen. Damit stehen ab 2013 bis zu 500 Millionen Franken Fördergelder für erneuerbare Energien zur Verfügung. Ausserdem wird ab 2012 ein neuer Zuschlag von 0,1 Rappen pro Kilowattstunde zur Finanzierung von Gewässerschutzmassnahmen erhoben. Es ist anzunehmen, dass mit dem Ausstieg aus der Atomenergie dieser Sektor in Zukunft noch mehr forciert wird. Im Juni 2011 hiess der Nationalrat bereits eine Motion von Martin Bäumle (glp/ZH) gut, welche die finanzielle Obergrenze bei der kostendeckenden Einspeisevergütung aufheben will. Nicht nur die Gesamtbegrenzung, sondern auch die Begrenzung für einzelne Technologien soll abgeschafft werden.
|
Doch nicht nur im Baugewerbe kann mit einem Stellenzuwachs gerechnet werden. «Auch für die Maschinenindustrie werden neue Möglichkeiten eröffnet, wie beispielsweise die Produktion von Sägen für die Durchtrennung von Siliziumblöcken im Solarzellenbereich», sagt Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien und Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen. Vermehrt gefragt seien ausserdem Elektroinstallateure für die Installation und Wartung von Solaranlagen. Auch für Schweizer Banken biete sich die Chance, die Finanzierung von Cleantech-Projekten auszubauen. «In der Schweiz gibt es schon jetzt zahlreiche Fonds, die international in den Bereich erneuerbare Energien investieren», sagt der 41-jährige Wirtschaftsingenieur. Zu beachten sei zudem der Exportmarkt, der Schweizer Unternehmen Chancen im Ausland biete. «Die ABB beispielsweise macht bereits heute einen Grossteil ihres Umsatzes in der Zulieferung für Windkraftprojekte ausserhalb der Schweiz.»
Schliesslich dürften auch in der Forschung neue Stellen geschaffen werden. Derzeit wendet der Bund jährlich rund 160 Millionen Franken für die Energieforschung auf. Ziel ist, eine gesicherte und nachhaltige Energieversorgung zu garantieren und den Technologiestandort Schweiz zu stärken. Wüstenhagen leitet den «GoodEnergies»-Lehrstuhl für Management erneuerbare Energien, wo derzeit etwa zehn Personen beschäftigt sind. «An der ETH Zürich gibt es bereits diverse Forschungsgruppen im Wind- und Solarbereich, die weiter ausgebaut werden», erklärt der Energieexperte. An der ETH Lausanne gibt es ein Labor, das sich ausschliesslich mit Dünnschichtsilizium und seiner Anwendung in Solarzellen beschäftigt. «Auch die Geothermie-Forschung hat in jüngster Zeit einen Aufschwung erfahren.»
Nicht alle Energiegewinnungsarten haben in der Schweiz die gleichen Wachstumschancen. «Die Solarenergie hat viel Potenzial», sagt Wüstenhagen. «Sie ist dezentral anwendbar und bringt in Kombination mit Energieeffizienz viele innovative Ideen.» Ein gutes Beispiel seien Plus-Energie-Häuser, die übers Jahr mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Auch bei der Windenergie und der Geothermie gebe es noch viele ungenutzte Möglichkeiten. «Das Spannende an erneuerbaren Energien ist, dass es eine grosse Bandbreite gibt. So ist man nicht mehr so abhängig von einer Energiequelle und kann das Risiko besser streuen.»
Bei den Prognosen für den Schweizer Arbeitsmarkt wird in der Regel davon ausgegangen, dass der benötigte Strom in der Schweiz produziert wird. Energiewirtschaftler Michael Meier vom VSE sieht allerdings die Gefahr, dass das Energiedefizit durch den kommenden Atomausstieg nicht nur durch inländische Stromproduktion kompensiert wird. Es sei durchaus möglich, dass in Zukunft vermehrt Strom aus auswärtigen Atom- und Gaskraftwerken eingekauft werde. «Es ist volkswirtschaftlich für die Wertschöpfung und die Beschäftigung immer besser, Anlagen im Inland zu betreiben, als Strom zu importieren.»
Meier weist darauf hin, dass insbesondere Solarstrom- und Windanlagen unregelmässig und dezentral Strom produzieren und deshalb die Transportnetze in der Schweiz um- und ausgebaut werden müssen. Ausserdem brauche es mehr netzwerkfähige Energiemanagementsysteme. «Ein Netzausbau wird nötig, um den steigenden Anteil an erneuerbaren Energien in die Stromversorgung zu integrieren», so Meier. Wie viele Stellen dadurch geschaffen werden können, sei schwierig vorauszusagen. «Es gibt in diesem Bereich noch keine relevante Studie», sagt Greenjobs-Gründer Ueli Bernhard.
Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien steigt die Nachfrage nach qualifiziertem Fachpersonal. «In der Schweiz gibt es in der höheren Berufsbildung keinen eidgenössisch anerkannten Beruf im Bereich der erneuerbaren Energien», sagt Bernhard, der 19 Jahre lang das Bildungszentrum des WWF geleitet hat. Es bestehe noch grosser Nachholbedarf. In der Solarbranche beispielsweise gibt es einen steigenden Personalbedarf in den Bereichen Installation und Montage, Planung, Projektleitung und Finanzierung sowie Service, Wartung und Instandsetzung. «Sanitär- und Elektroberufe verfügen über beste Voraussetzungen, um sich für die Wachstumsmärkte der erneuerbaren Energien mit anerkannten Abschlüssen fit zu machen.» Bernhard empfiehlt, an höheren Fachschulen ein Berufsbild Techniker/-in mit Richtung erneuerbare Energien zu schaffen. Ausserdem soll bei der Grundausbildung der Berufe Polybau, Elektroinstallateur und Sanitär der Schwerpunkt Solar gesetzt werden. Die Fachhochschule Nordwestschweiz bietet seit 2008 einen Zertifikatslehrgang zu Theorie und Praxis der erneuerbaren Energien an, der berufsbegleitend von Fachleuten aus der Bau- und Gebäudetechnikbranche absolviert werden kann. «Es sollte auch vermehrt Marketing für Solarberufe bei Jugendlichen und insbesondere auch bei Frauen betrieben werden», schlägt Bernhard vor. «So steigert man die Attraktivität der Berufsbildung und der Sanitär- und Elektroberufe.»
Auf die Schweizer Energiebranche kommen also einige Veränderungen zu. Sicher ist, dass durch den zu erwartenden Boom erneuerbarer Energien Arbeitsplätze geschaffen werden. Wie gross die Wirkung auf den Beschäftigungsmarkt sein wird, ist schwierig abzuschätzen. Politische Veränderungen, technologische Entwicklungen und bedeutende Ereignisse wie der GAU in Fukushima werden auch weiterhin die Energiedebatte in der Schweiz beeinflussen. Vieles deutet im Moment darauf hin, dass die Zukunft den erneuerbaren Energien gehört.
Effizienz als WettbewerbsfaktorEnergie ist für rund 40 Prozent der Umsätze in der Schweiz von strategischer Bedeutung. In folgenden Sektoren spielt der effiziente Einsatz von Energie eine besondere Rolle: Energieerzeugung: In diesem Bereich waren in der Schweiz 2008 rund 25 000 Erwerbstätige beschäftigt, und es wurde ein Umsatz von 72 Milliarden Franken erwirtschaftet. Der Hauptteil sind die Produktion von Elektrizität und die Versorgung mit Elektrizität und Wasser und damit auch die erneuerbaren Energien. Dazu kommen die weniger beschäftigungsintensive Ölraffinierung und die Atomindustrie. In der Schweiz ansässige Firmen beschäftigten 2008 weltweit 8400 Personen im Bereich Windenergie, 5000 in der Wasserkraft, 4800 in der Solarbranche und 500 im Bereich Biogas und Biomasse. Energieproduktivität: Hierzu gehören alle Branchen, bei denen Energie für die Produktion und Anwendung der Produkte eine grosse Bedeutung hat – Transport und Verkehr, energieintensive Industrien wie Zement und Chemie, Maschinen- und Anlagenbau, IT und IT-Dienstleistungen sowie der Gebäudebereich mit der Bauwirtschaft. Insgesamt sind hier über 700 000 Arbeitnehmer beschäftigt, der Umsatz beträgt rund 326 Milliarden Franken. Finanzdienstleistung: Auch hier gibt es energierelevante Bereiche, die circa 1 Milliarde Franken Umsatz generieren. Dazu gehören in der Schweiz gemanagte Anlagefonds zu Klima und erneuerbaren Energien, Versicherungsprodukte für Klimarisiken, der Handel mit CO2-Zertifikaten sowie die Zertifizierung und Projektleitung von «Clean Development Mechanism»-Projekten. Bei diesen flexiblen Mechanismen kann ein Industrieland, das sich im Rahmen des Kyoto-Protokolls zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen verpflichtet hat, Entwicklungsländer durch Geld und Technologie bei ökologisch nachhaltigen Projekten unterstützen. Quelle: Wettbewerbsfaktor Energie. Chancen für die Schweizer Wirtschaft. Studie von McKinsey & Company, 2010. |