der arbeitsmarkt | 09/2011 | Text: Jonas Baud
Trotz der hohen Lohnkosten ist der Werkplatz Schweiz für die Solarindustrie interessant. Das zeigt das Beispiel des Maschinenherstellers MB Wafertec aus Thun. Die Tochterfirma des weltweiten Solartechnik-Marktführers, der Meyer-Burger-Gruppe, verzeichnete 2010 einen enormen Wachstumsschub.
Ein halbes Dutzend Monteure klettern an der zwanzig Tonnen schweren und drei Meter hohen eisernen Hightechmaschine empor und befestigen einen komplexen vorgefertigten Kabelbaum. Andere setzen Blechteile ein oder kontrollieren die elektronische Bedienung.
Sie beschäftigen sich mit der Montage einer Spezialsäge der Firma Meyer Burger Wafertec (MB Wafertec) in Thun, die ihre Anwendung vor allem in der Photovoltaik findet. In der Maschine befinden sich Stahldrähte, die sich mit bis zu 20 Metern pro Sekunde bewegen und den Block aus Solarsilizium in dünne Scheiben schneiden. Diese sogenannten Wafer haben etwa die Dicke eines menschlichen Haares und werden für die Herstellung von Solarzellen benötigt. Diese werden aber nicht bei MB Wafertec hergestellt, darum kümmern sich andere Firmen in der Gruppe. Es gibt heute zwei Trenntechnologien: Stahldraht mit Trennpaste sowie Diamantdraht. «Die Technologie mit Diamantdraht bietet eine höhere Produktivität bei tieferen Herstellkosten», sagt Marcel Niederhauser, der Leiter Serienmontage von MB Wafertec.
Die Firma MB Wafertec gehört zur Meyer-Burger-Gruppe, dem weltweiten Marktführer in der Herstellung von Technologien für die Photovoltaik in der Solarindustrie. Neben der Herstellung von Spezialsägen bietet die Firma Systemlösungen an für das Schneiden von Silizium, Saphir und anderen Kristallen. Die Angebotspalette der Firma umfasst daneben auch Verbrauchsmaterial, Schulungen und andere Dienstleistungen. Die Maschinen und Technologien werden in der Photovoltaik und auch in der Halbleiter- und Optikindustrie eingesetzt.
MB Wafertec hat sich auf dem Gelände des Technologie- und Rüstungsunternehmens RUAG in Thun eingemietet. Auf einem Rundgang durch die Produktionshallen erläutert Marcel Niederhauser die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Fertigung. «Bis eine Maschine zur Auslieferung bereitsteht, vergehen neun Tage», so der Leiter Serienmontage. In den ersten drei Tagen erfolgt der Rohbau des Teils. Weitere vier Tage werden für Endmontage, Inbetriebnahme und Tests benötigt. Für die Demontage und die Verpackung müssen weitere zwei Tage einberechnet werden, damit die Ware ordnungsgemäss geliefert werden kann. Etwa achtzig Prozent der Firmenkunden stammen aus dem asiatischen Raum, vorwiegend aus China. Die Lieferung erfolgt meist per Schiff. Bis die Maschine beim Kunden eintrifft, vergehen vier bis sechs Wochen. «Vor Ort setzen dann von uns bereitgestellte Techniker die Spezialsäge wieder zusammen», so Niederhauser.
«Pro Woche werden momentan etwa 20 Drahtsägen fertig gestellt», weiss er. «Doch dank unserer effektiven Logistikkette können wir sogar eine Spitzenbelastung von vierzig Maschinen pro Woche abdecken», sagt Niederhauser. «Die Spitzenbelastung decken wir mit temporären Arbeitskräften ab. Dies ermöglicht uns, eine hohe Flexibilität zu erreichen.» So arbeiteten im Mai dieses Jahres 82 Festangestellte und 294 temporäre Arbeitskräfte in der Produktion von MB Wafertec. Anfang Juni mussten davon 100 den Betrieb verlassen. Die befristete Anstellung sei schon zu Beginn eines Engagements geklärt worden, so Niederhauser. Die Mitarbeitenden sind Leute, die eine Berufslehre als Polymechaniker, Automatiker oder in artverwandten Berufen abgeschlossen haben. Für die Herstellung der Maschinen sei keine Weiterbildung nötig, die Mitarbeitenden würden «on the job» eingearbeitet.
MB Wafertec bildet den Kern der Meyer-Burger-Gruppe. Rund um diese Firma entwickelten sich alle anderen Tätigkeitsfelder des Gesamtkonzerns. Martin Plüss ist der Leiter Produktion und Logistik von MB Wafertec und seit August auch CEO der Firma. Er sieht in der Solarenergie die wichtigste Energieform der Zukunft. «Unser Ziel ist es, dass Solarstrom günstiger wird als konventioneller Strom», sagt er. In den nächsten zwei Jahren will man jedenfalls die Gridparität erreichen. Das bedeutet, dass der Preis für Solarstrom gleich hoch ist wie der Preis, der für Strom aus Atom- oder Wasserkraftwerken bezahlt wird. «Wenn wir diesen Punkt erreichen, wird Photovoltaik ein Selbstläufer», so Plüss. Dann sei auch das ambitiöse Ziel des Bundesrates realistisch, dass die Solarenergie bis 2025 zwanzig Prozent Anteil an der Stromproduktion generieren könne. Plüss: «Es ist sehr erfreulich, dass die Politik nun vermehrt auf erneuerbare Energien setzt.» Davon profitiere auch die Meyer- Burger-Gruppe.
Das Erfolgsgeheimnis des Unternehmens sei es, dass man die Strategie voll auf Photovoltaik ausgerichtet habe, so Plüss. Doch der Erfolg sei auch den Mitarbeitenden zu verdanken, meint er. Es sei deshalb von zentraler Bedeutung, dass die Firma nur die besten Talente engagiere, egal welcher Nationalität. Den rund 600 Mitarbeitenden würden marktgerechte Löhne angeboten. «Doch mit Geld alleine kann man eine Arbeit nicht attraktiv machen», behauptet Plüss. Es gehöre deshalb zur Firmenphilosophie, eine «Macherkultur» zu kreieren. «Wir wollen die Eigenverantwortung fördern.» Bei MB Wafertec gebe es eine flache Hierarchie. So könnten die Mitarbeitenden auch Ideen einbringen, wie man Arbeitsprozesse optimieren könne.
Die Meyer-Burger-Gruppe deckt die gesamte Wertschöpfungskette innerhalb der Solarbranche ab – vom Wafering bis hin zur Zell- und Modulproduktion. Das Unternehmen kann also von den Schneidmaschinen für das Rohmaterial Silizium bis zur fertigen Solaranlage alles anbieten. Dies wurde aber erst möglich durch den Zukauf von anderen Unternehmen. Letztes Jahr fusionierte der Konzern mit der Lysser Firma 3 S, die Produktionsanlagen zur Herstellung von Solarmodulen fabriziert. Und im Juni dieses Jahres wurde für 350 Millionen Franken die deutsche Solarmaschinenfirma Roth & Rau «einverleibt». Dieses Unternehmen kümmert sich um die Beschichtung und Bearbeitung von Solarzellen. Durch diese Erweiterungen verdoppelte der Gesamtkonzern die Mitarbeiterzahl von 1276 auf etwa 2400 und hat nun einen Umsatz von rund einer Milliarde Schweizer Franken. Allgemein verzeichnete die Meyer-Burger-Gruppe in letzter Zeit einen gigantischen Wachstumsschub. Allein 2010 verdoppelte sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr.
Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Thun, hier arbeiten 600 Menschen. Doch ist Meyer Burger auch mit Tochtergesellschaften in Deutschland, China, Japan und den USA vertreten und unterhält Servicestützpunkte weltweit.
Die Produktionsbereiche in der Schweiz sind auf momentan fünfzehn Standorte zwischen Thun und Interlaken verteilt. «Ein unhaltbarer Zustand», sagt Martin Plüss. Deshalb entschied sich Meyer Burger, in Thun für etwa 50 Millionen Franken einen neuen Campus zu bauen, der 2012 fertig gestellt sein soll. Dadurch sollen die Infrastruktur und die Arbeitsbereiche an einem Ort konzentriert und dadurch die Produktionseffizienz massiv gesteigert werden.
«Selbstverständlich bauen wir energieoptimiert, und das Dach werden wir für Photovoltaik nutzen», sagt Plüss schmunzelnd. Die Fortschritte der Bauphase kann man sogar mittels einer Webcam verfolgen.
«Die Photovoltaik ist bereits heute auf dem technischen Stand, dass sie zehn Prozent des schweizerischen Strombedarfs abdecken könnte», sagt Plüss. Es werden zwei grosse Hallen gebaut. In der einen wird die Produktion untergebracht, in der anderen befindet sich dereinst der Bereich Forschung und Entwicklung. Dieser Bereich sei für die Firma sehr wichtig, so Plüss. So gibt die Meyer-Burger-Gruppe etwa sieben Prozent des Umsatzes dafür aus, um für die aktuellen und kommenden Herausforderungen optimal gerüstet zu sein.
Die Meyer-Burger-Gruppe und damit auch MB Wafertec seien global tätig, man könne sich deshalb durchaus vorstellen, gewisse Produktionen ins Ausland auszulagern, um somit auch näher beim Kunden zu sein. Laut Plüss schätze die Firma an der Schweiz die Stabilität, die gute Infrastruktur und das gute Bildungssystem. So arbeite man eng mit Fachhochschulen wie der ETH zusammen. Gerade den Neubau in Thun könne man als Commitment zur Schweiz sehen. Grundsätzlich wolle man aber alles, was mit Know-how zu tun habe, in der Schweiz behalten. So wird Thun weiterhin der Hauptsitz bleiben. Plüss betont: «Wir sind und bleiben ein schweizerisches Unternehmen.»
Geschichte: Gegründet wurde Meyer Burger 1953 im Thuner Vorort Steffisburg. Die Firma konzentrierte sich in den Anfangsjahren auf die Produktion von Uhrensteinmaschinen. Doch man sah bald in der Solarenergie eine Riesenchance für eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft. Unternehmensstruktur: MB Wafertec bildet den Kern der Meyer-Burger-Gruppe. Rund um diese Firma entwickelten sich alle anderen Tätigkeitsfelder des Gesamtkonzerns. Kennzahlen: Heute ist die Meyer-Burger-Gruppe der weltweit führende Zulieferer für Solartechnikprodukte. Das Unternehmen beschäftigt global 2400 Mitarbeitende, davon 600 in Thun, und macht einen Umsatz von rund einer Milliarde Franken. |