der arbeitsmarkt | 10/2011 | Text: Peter Jeck
Mein Tag als Schlagzeuger und Alphornbläser
Heute ist für mich, was die Arbeit angeht, ein relativ lockerer Tag, eigentlich untypisch. Am Abend probe ich mit dem Bassisten, mit dem ich seit zwanzig Jahren ein- oder zweimal in der Woche zusammen spiele. Da tüfteln wir an der Entwicklung komplexer Rhythmen. Es geht ums Experimentieren und Suchen – verrückte Dinge. Wir treten in dieser Formation nicht auf. Es gab andere, in denen wir schon zusammen spielten.
Kein Tag sieht wie der andere aus. Das hängt weitgehend mit meinem Probenplan und den Auftritten zusammen. Ich habe aber gerne eine Tagesstruktur. Immer zur gleichen Zeit stehe ich zwar nicht auf, nach einem Konzert muss ich einfach ausschlafen. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde lang in Ruhe Müesli essen und dabei Zeitung lesen – das ist mir wichtig. So ein Frühstück ergibt einen guten Einstieg in den Tag.
An der Kantonsschule Aarau unterrichte ich an zwei Tagen pro Woche Schlagzeug. Das ist etwas, was ich sehr gerne mache: den jungen Schlagzeugern auf die Sprünge helfen. Dieses Engagement gibt mir ein finanzielles Standbein.
Ich bin ein «gwunderiger» Mensch. Wenn Anfragen für Projekte auf mich zukommen, sage ich meistens spontan zu. Das führt dazu, dass ich oft völlig überlastet bin. Die Zahl der Auftritte schwankt saisonal. Diesen Sommer war ich untypisch stark beschäftigt. Da ich in verschiedenen Musikformationen spiele, muss ich deren Konzerte und Tourneen zu Blöcken komprimieren.
Keine der Formationen, in denen ich spiele, läuft im kommerziellen Sinn sehr gut. Die Jazzszene bietet recht wenig Auftrittsmöglichkeiten, und es ist wenig Geld im Spiel. Es ist bei mir generell so, dass ich phasenweise noch weitere Engagements annehmen könnte. In einer einzigen Band zu spielen, die sehr intensiv probt und auftritt – das ginge allerdings nicht. Es ist mir wichtig, unterschiedlich ausgerichtete Projekte gleichzeitig zu verfolgen.
Arbeit und Freizeit sind in meinem Leben weitgehend das Gleiche. Ich habe das Glück, dass meine Arbeit mir sehr viel Freude macht. Arbeiten im Sinn von Gelderwerb, das sind die zwei Tage Unterricht.
Seit drei Jahren spiele ich Alphorn. Dafür nehme ich mir bald mehr Zeit als fürs Schlagzeug. Dennoch ist es eine Freizeittätigkeit. In Aarau haben wir mit den Auenwäldern an den Aareufern mit ihren Sand- und Kiesbänken ein kleines Naturparadies. Da gehe ich oft spazieren. Ausserdem betreibe ich Tai-Chi und eine Stockkampfsportart. Ich bleibe also bei den Stöcken. Die Bewegung brauche ich als Ausgleich.
Ich habe Jahrgang 1951. Das Alter spielt für meine Arbeit keine Rolle. Wenn man so Schlagzeug spielt wie ich, ist das keine grosse körperliche Anstrengung. Ich bin ja kein Heavy-Metal-Drummer, der wie wild hämmert, sondern versuche möglichst entspannt zu spielen. Ich spüre eigentlich keine Müdigkeit. Es erstaunt mich, wie gut ich in meinen Sportarten mit den Jungen mithalten kann. Die beklagen sich über schmerzende Hände. Beim Alphornblasen komme ich dagegen an die Grenzen. Mit einem kleinen Teil der Wangen und der Lippen muss ich da grossen Druck erzeugen. Nach einer Stunde bringe ich dann schon mal keinen Ansatz mehr zustande.
Ein eigentliches Ritual vor einem Konzertauftritt habe ich nicht. Ich versuche einfach, ruhig und konzentriert zu werden. Aus dem Qigong, das ich ebenfalls praktiziere, kenne ich Konzentrations- und Atemübungen. Sie helfen mir, «herunterzukommen». Am liebsten bin ich in dieser Phase allein.
Heute muss ich Gesuche um finanzielle Unterstützung schreiben. Im November und Dezember mache ich eine Tournee mit dem Ensemble Kazalpin. Das belarussische Vokaltrio Akana und unser «Albin Brun Alpin Ensemble» verbinden dabei Volksmusik und Jazz. Das wird eine teure Angelegenheit, die sich nur schon wegen der Reisen von und nach Belarus nie selber finanziert. Ich bin also auf Geldgeber angewiesen. Solche Gesuche schreiben ist eine recht komplizierte «Nifelibüez» – mit dem Onlineformular für Pro Helvetia mühte ich mich einen halben Tag lang ab. So etwas mache ich überhaupt nicht gerne. Eigentlich bräuchte ich jemanden, der das Management besorgt. Aber viel zu verdienen gäbe es dabei nicht.