der arbeitsmarkt | 10/2011 | Text: Simon Wolanin

Verbannt auf die Ersatzbank

Im Fussballgeschäft sind Trainerentlassungen an der Tagesordnung. Die Jobsuche ist schwierig, die Stellen sind begrenzt.

«Nicht ich entlasse den Trainer, sondern das Spielergebnis entscheidet», pflegt Christian Constantin, Präsident des FC Sion, zu sagen. Die Aussage zeigt: Im Tagesgeschäft eines professionellen Fussballtrainers wird man oft knallhart an den Resultaten gemessen. Ein paar Niederlagen zu viel, und schon droht die Entlassung. So kommt es, dass Trainer häufig mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sind.

Der ehemalige Profifussballer Andy Egli (53) ist seit 1995 als Trainer tätig und kennt die Höhen und Tiefen des Geschäfts. «Fussball ist eine extrem emotionale Angelegenheit», sagt Egli. «Es braucht eine gewisse Distanz, damit der Frust nicht zu gross wird.» Sein letzter längerer Job als Trainer war 2006 bei Busan l’Park, einem südkoreanischen Fussballverein. Bis auf ein paar kurze Engagements beim SC Zofingen, beim FC Langenthal und beim SC Cham ist der Zürcher seither auf Stellensuche. «Ich ging auch schon fünf Monate auf dem Arbeitsamt stempeln. Das war schwierig für mich», erinnert sich Egli. «Ich fragte mich: Wieso finde ich keinen Job? Ich kann so viel, habe eine kaufmännische Ausbildung und schon mehrmals unter Beweis gestellt, dass ich etwas von Fussball verstehe.»

Melden sich Trainer bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) an, gelten für sie dieselben Rechte und Pflichten wie bei Stellensuchenden anderer Branchen und Berufsgattungen, die Arbeitslosengeld beziehen. Dazu gehört, dass sie sich nötigenfalls auch ausserhalb der eigenen Berufsgruppe bewerben müssen. «Ein Fussballtrainer könnte zum Beispiel als Sportlehrer arbeiten, wenn er über die nötigen Voraussetzungen verfügt, oder sich im Umfeld seiner vorgängigen Ausbildung bewerben», sagt Martin Brügger, Leiter Koordination Arbeitsmarkt beim Amt für Wirtschaft und Arbeit in Zürich. Es sei immer empfehlenswert, sich mehrere Laufbahnoptionen offenzuhalten. «Auch sollte sich ein Fussballtrainer nicht nur in der Schweiz, sondern international nach geeigneten Einsätzen umsehen.» Ein spezielles Arbeitsprogramm für Trainer gebe es nicht, auch weil die Anzahl der Betroffenen gering sei. Ende Juli waren 51 Stellensuchende bei den RAV gemeldet, die den Beruf «Sporttrainer» ausüben wollen. Dazu kamen 80 Personen, die «Fussballer» als gesuchte Beschäftigung angeben.

Kleiner Stellenmarkt

Nach erfolgloser Stellensuche entschloss sich Andy Egli, andere Beschäftigungsmöglichkeiten zu suchen und «die Sache selbst in die Hand zu nehmen», wie er sagt. Aktuell ist er Vizepräsident beim «Club Suisse 4 Football», einem Verein zur Förderung des Fussballs. Mit ehemaligen Fussballstars organisiert er Events wie Matchs, Autogrammstunden, Referate oder Trainingsdemonstrationen. Ziel sei es, den Spitzen- und den Breitenfussball näher zusammenzuführen. Zudem bietet Egli Individualtrainings für Nachwuchsspieler an, die im Jugendbereich nicht auf die nächste Stufe befördert wurden. «Wichtig ist für mich der Support meiner Familie», betont der Ex-Fussballer. «Meine Frau führt ein Bed and Breakfast in Bern und trägt so zu unserer finanziellen Absicherung bei.» Im Moment sei er genügend ausgelastet, würde aber trotzdem gerne wieder als Trainer arbeiten.

Wieso ist es so schwierig, als Fussballtrainer einen Job zu finden? In der Schweiz gibt es nur eine sehr beschränkte Anzahl von Arbeitsplätzen für hauptberuflich tätige Coachs. Einzig in der höchsten Schweizer Liga, die zehn Teams umfasst, arbeiten alle Trainer hundert Prozent. In der zweithöchsten Spielklasse, der sogenannten Challenge League mit 16 Mannschaften, gibt es auch Trainer, die nur Teilzeit angestellt sind. In den tieferen Ligen ist ein Profitrainer die absolute Ausnahme. Auf der anderen Seite gibt es über hundert Schweizer Trainer, die die höchstmögliche Ausbildung besitzen, die UEFA-Pro-Lizenz (siehe Kasten), und gerne Vollzeit bei einem Klub arbeiten möchten. Viele sind deshalb gezwungen, im Ausland nach einer Stelle zu suchen.

Jobsuche mit Agenten

Der Verband Union Schweizer Fussballtrainer (USFT) bietet seinen Mitgliedern Unterstützung an, um mit der Arbeitslosigkeit fertig zu werden. «Wenn ein Trainer entlassen wird, nehmen wir in der Regel Kontakt auf und fragen nach, ob wir etwas tun können», sagt USFT-Präsident Philip Müller. «Manche wünschen beispielsweise ein Gespräch, um das Geschehene zu reflektieren.» Eine Freistellung sei immer eine persönliche Niederlage und die Enttäuschung oft gross. «Zudem bieten wir Trainerkongresse an, bei denen sich die Coachs austauschen und ihr Netzwerk pflegen können.» Viele Trainer würden auch von sich aus Studienreisen machen und andere Klubs besuchen, um sich weiterzubilden.

Wie geht man als Fussballtrainer bei der Jobsuche vor? «Gewisse Trainer bekommen durch ihren Bekanntheitsgrad laufend Angebote von Klubs», erklärt Müller. «Andere bewerben sich direkt beim Verein, wenn sie wissen, dass eine Stelle frei wird.» Immer mehr Trainer heuern Agenten an, die ihnen Jobs vermitteln sollen. Davon hält Andy Egli nichts: «Ich hatte in meiner Spielerkarriere viel mit Agenten zu tun. Die meisten sind Blutsauger, die nur auf das schnelle Geld aus sind.» Meist kontaktiert der 76-malige Nationalspieler direkt die Klubpräsidenten, falls eine Trainerstelle zur Verfügung steht, die ihn interessiert.

Es zählt der schnelle Erfolg

Da die Entlassungsquote im Profitrainerbereich hoch ist, gestaltet sich eine längerfristig ausgerichtete Arbeitsweise schwierig. «Ich habe mit der Zeit gelernt, Verständnis für frustrierte Sponsoren und Vereinspräsidenten aufzubringen, die auf den schnellen Erfolg aus sind», meint Andy Egli. «Man muss sich auch verkaufen und zum richtigen Zeitpunkt ins gute Licht stellen können.»

USFT-Präsident Philip Müller war selbst sieben Jahre als Spitzentrainer im Juniorenbereich tätig. «Trainer ist ein intensiver, aufreibender und mitreissender Job», sagt er. «Es gibt oft grossen Druck, nicht zuletzt durch die Medien.» Der Trainer sei die wichtigste Person im Klub und stehe deshalb im Fokus der Öffentlichkeit. «Man setzt sich dadurch einem Risiko aus und braucht in vielen Situationen eine dicke Haut.» Als Juniorenspitzentrainer habe man es etwas ruhiger, und die Resultate stünden weniger im Vordergrund. «Auf Dauer lohnt sich eine längerfristige Zusammenarbeit auch für die Vereine, da Trainerwechsel nur selten einen positiven Effekt haben», ist Müller überzeugt. In England beispielsweise seien Trainer mit grossem Erfolg seit langer Zeit beim selben Verein: Arsène Wenger ist seit 15 Jahren bei Arsenal London, Alex Ferguson arbeitet sogar seit über 25 Jahren bei Manchester United.

Oft haben Profitrainer wie Andy Egli früher erfolgreich Fussball gespielt. Meist zeichnet sich schon während der Karriere ab, ob ein Spieler Trainer werden will. «In der Vergangenheit war es so, dass Topspieler mit ihrer Erfahrung automatisch auch gute Trainer waren», sagt Philip Müller. «Heute ist das reine Fachwissen aber nur noch ein Teil, und die Sozialkompetenz wird immer wichtiger.» Dabei sei es nicht mehr zwingend nötig, eine erfolgreiche Fussballerkarriere hinter sich zu haben. José Mourinho, einer der besten Trainer der Gegenwart, war beispielsweise nur ein durchschnittlicher Fussballer. «Der Umgang mit den Spielern, mit dem Verein und den Medien ist ein Schlüsselfaktor und macht den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Trainer», erklärt Müller. Als Beispiel nennt er Ottmar Hitzfeld, den aktuellen Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, der bekannt sei für seine Qualitäten im zwischenmenschlichen Bereich. Auch für Andy Egli ist eine hohe Sozialkompetenz entscheidend: «Als Trainer muss man den Athleten in seiner Entwicklung weiterbringen, man muss seine Stärken ausbauen und die Defizite verringern. Es braucht Empathie, um mit den Spielern umgehen zu können.»

Trainermangel im Breitensport

Für Müller ist das Arbeiten als Fussballtrainer trotz grossem Druck ein Traumjob: «Es ist wunderschön, im Fussball tätig zu sein. Ich kann mein Hobby zum Beruf machen.» Auch für die Zukunft gebe es in der Schweiz viele talentierte junge Trainer, die ihre Arbeit mit grosser Leidenschaft ausübten. Murat Yakin (37), Ciriaco Sforza (41) und Urs Fischer (45) sind derzeit erfolgreich in der höchsten Schweizer Liga tätig. Zu wenig Trainer gebe es allerdings im Breitenfussball: «Die ehrenamtlichen Engagements sind deutlich zurückgegangen», sagt Müller.

Trotz Rückschlägen bei der Jobsuche ist der Optimismus bei Andy Egli ungebrochen. Er fühle sich im täglichen Leben nach wie vor als Fussballtrainer und warte auf seine nächste Chance. «Ich bin nicht unter Druck und nehme mir alle Zeit, die ich brauche. Denn ich weiss genau, dass ich früher oder später wieder eine Mannschaft trainieren werde.»

Fussballtrainer in der Schweiz

Viele Trainer, wenig Jobs

Personalbestand Wie viele Personen in der Schweiz hauptberuflich als Trainer tätig sind, ist schwierig zu beziffern. «Viele Trainer haben im Verein auch noch administrative Aufgaben und kommen dadurch auf ein 100-Prozent-Pensum», erklärt Philip Müller. Im Nachwuchsbereich gibt es sogenannte «technische Leiter», die auch als Trainer gezählt werden können. Je nach Zählweise arbeiten laut Müller ungefähr 100 bis 150 Personen hauptberuflich als Trainer.

Ausbildung Es gibt verschiedene Diplome, die ein Trainer durch Lehrgänge erwerben kann. Für den Juniorenspitzenfussball braucht es ein A-Diplom, das man nach erfolgreichem Bestehen des C- und B-Diploms absolvieren kann. Will man in der höchsten Schweizer Liga als Profitrainer tätig sein, benötigt man seit 1998 die UEFA-Pro-Lizenz. Über 100 Coachs besitzen dieses Diplom. Oft besuchen Spitzenfussballer schon in ihrer aktiven Zeit Trainerkurse, um nach dem Karriereende eine Perspektive zu haben.

Verband Bei der Union Schweizer Fussballtrainer mit Sitz in Bern sind ungefähr 700 Trainer von der Super League bis zu den F-Junioren Mitglied. Die meisten sind Amateurtrainer aus dem Breitensport, die den Trainerberuf als Hobby ausüben. Der Verband organisiert Fort- und Weiterbildungskurse und bietet den aktiven Trainern verschiedene Beratungsfunktionen, wie beispielsweise einen Rechtshilfedienst. www.usft.ch

 

 
 
 

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