der arbeitsmarkt | 11/2011 | Text: Robert Hansen

Die Suche nach dem 1100 Kilometer entfernten Job

Ein Jahr war Manfred Stuber bei der Swisscoy im Kosovo. Dabei half der reformierte Pfarrer vielen Soldaten noch während ihres Auslandeinsatzes eine Stelle in der Schweiz zu finden. Über 100 Bewerbungsdossiers gab er den Feinschliff und bot Deutschkurse an.

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Beweggründe für einen Auslandeinsatz

«Bewerben – zeigen, was man wert ist.» Der Armeeseelsorger der Swisscoy im Kosovo wirbt am Anschlagbrett vor seinem Bürocontainer nicht nur für die Gottesdienste, sondern auch für eine Dienstleistung anderer Art: Er hilft beim Schreiben von Bewerbungsbriefen und Lebensläufen, fertigt Bewerbungsfotos an und erstellt zusammen mit den Interessenten Bewerbungsdossiers. Die Wunschtermine für diese Beratung können die Soldaten gleich eigenhändig in seinen Terminkalender eintragen. Was rege benutzt wird: «Während meines einjährigen Einsatzes habe ich bei 110 Dossiers mitgeholfen», sagt Manfred Stuber. Er ist in seinem «normalen Leben» reformierter Pfarrer in der Heiliggeistkirche in Bern. Jetzt sitzt er in einem bequemen Stoffstuhl in Suva Reka zwischen weissen Militärcontainern, seinem bevorzugten Ort für persönliche Gespräche. Er ist seit einem Jahr im Kosovo, sein Einsatz neigt sich dem Ende entgegen.

«Einige Leute haben seit der Berufsschule kein Bewerbungsdossier mehr verfasst. Viele der Swisscoy-Soldaten sind Handwerker, diese stellten sich bisher bei einem potenziellen Arbeitgeber persönlich vor und schrieben nie Bewerbungen», begründet er, weshalb so viele Leute kaum Erfahrung mit schriftlichen Dossiers haben und Unterstützung brauchen. «Ich will keine Standardtexte. Die Motivationsschreiben müssen individuell sein», betont Manfred Stuber. Seine Kompetenz hat er sich im Berufsleben erarbeitet: Als Präsident des Cevi Region Bern hat er zahlreiche Bewerbungsgespräche geführt und weiss, worauf die Stellensuchenden achten müssen. «Meist geht es nicht nur um die Gestaltung oder die Formulierungen. Die Gespräche um die Stellensuche haben durchaus auch eine seelsorgerische Note. Es geschieht oft, dass wir beim Thema Lebenslauf abschweifen und stundenlang über sehr persönliche Dinge reden.» Dann zieht er sich mit seinem Gesprächspartner oft auf den nordöstlichen Wachturm zurück, vom Militärcamp am weitesten entfernt und mit Weitblick über die Hügellandschaft des Südkosovos. Beim Armeeseelsorger sind vertrauliche Worte gut aufgehoben. Er untersteht der Schweigepflicht.

Berührende Geschichten

Etliche Lebensläufe sind nicht gerade verlaufen. Soldaten in Uniform werden bei ihm zu Menschen mit individuellen Problemen. Die Motivation, auf dem Balkan einen Einsatz zu leisten, ist unterschiedlich begründet: Berufsmilitärs sammeln internationale Erfahrungen, die bei der Karriereplanung gut anstehen. Manch ein freiwilliger Zeitsoldat will mit dem gut verdienten Geld Schulden tilgen. Viele wollen im Kosovo etwas Aussergewöhnliches erleben. Andere leisten sich eine Auszeit und sind froh um den vorgegebenen Tagesablauf weit weg von den Lebensfragen, die sie sich woanders stellen müssten. Die Zeitsoldaten kündigen Wohnung und Beruf, ohne zu wissen, was nachher auf sie wartet. Weit entfernt von Angehörigen und Freunden, leben sie in einer eigenen Welt. Einige Liebesbeziehungen überstehen die räumliche Trennung trotz Skype und Mail nicht. So kommt es vor, dass weniger als 160 Zeichen einer SMS reichen, ein ganzes Leben umzukrempeln. Solche persönlichen Schicksale berühren den Seelsorger. «Es gibt schon heftige Situationen. Das wird zu einer Gratwanderung, ich möchte helfen und muss mich abgrenzen. Wichtig ist, zu wissen, dass ich für das Schicksal anderer Leute nicht verantwortlich sein kann. Zudem habe ich selber ein stabiles Umfeld, und ich weiss, wo ich auftanken kann», sagt er ruhig, zieht an seiner Tabakpfeife und räkelt sich auf seinem Stuhl.

«Ich bin kein Berufsberater»

Einblicke in ganz andere Welten, diesseits und jenseits des Stacheldrahtes des Militärcamps, haben Manfred Stuber motiviert, sich für ein Jahr im Kosovo zu engagieren. «Viele der Soldaten möchten in ihrem Leben etwas verändern. Für mich ist spannend, zu sehen, wie diese Leute leben.» Das erleben im Militärcamp alle hautnah. Die Privatsphäre beschränkt sich auf einen zwei mal fünf Meter kleinen Wohncontainer, den man sich mit einem Kameraden teilt. Nur die ranghöheren Militärs wohnen alleine.

Manfred Stuber bringt das Gespräch wieder auf die Jobsuche zurück: «Meist schicke ich die Leute auf die Reise durch das Internet. Sie müssen selber herausfinden, welche Stelle sie sich wünschen. Ich bin kein Berufsberater.» Ein Mechaniker will sich beispielsweise nach seinem Einsatz zum Sozialpädagogen ausbilden lassen. Einige beginnen nach mehrjährigem Berufsleben ein Studium oder machen einen Sprachaufenthalt. Solche radikalen Wechsel gibt es aber selten. Zahlreiche Soldaten möchten auf die Polizeischule, eine erfolgreiche Bewerbung scheitere oft an mangelnden Deutschkenntnissen. So hat Manfred Stuber auch einen Deutschkurs angeboten, büffelte mit den Soldaten in ihrer Freizeit Grammatik, Wortarten und Kommaregeln. «Ich bin stolz, wenn daraufhin Leute die Prüfung der Polizeischule bestehen, die zuvor durchgefallen sind.» 60 Soldaten hatten sich zu den Lektionen angemeldet, auch wenn bedingt durch die unterschiedlichen Arbeitszeiten, aber auch Interessen viele mit der Zeit nicht mehr kamen. Den wöchentlichen Gottesdienst am Sonntagabend im Camp besuchen vier bis fünf Leute. «Die religösen Tätigkeiten machen im Kosovo nur zehn Prozent meines Engagements aus.»

Verzögerte Stellensuche

Stellensuchende sind im Kosovo gleich mit mehreren Handicaps konfrontiert: Die Zeitungen mit den Stellenanzeigen treffen erst mit einigen Tagen Verspätung im Militärcamp ein, die Computer mit Internetzugang sind gut belegt, und vor allem lässt es sich nicht immer einrichten, zu einem Vorstellungsgespräch in die Schweiz zu fliegen. Die Flugtage der vom Militär gebuchten Maschine sind fix: jeweils dienstags und freitags. Mehr als zwei Reisen in die Schweiz sind während des halben Jahres kaum möglich.

Bleibt die Jobsuche erfolglos, bietet sich für viele eine gute Alternative: Sie verlängern ihren Einsatz. Von den 212 Swisscoy-Soldaten des 24. Kontingents blieben 60 für ein weiteres halbes Jahr im Kosovo. Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Arbeit ist bekannt und vertraut, der Arbeitsalltag ist geregelt und vorbestimmt, viele Kameradschaften bleiben erhalten. Zudem und nicht zuletzt ist das Gehalt lukrativ und liegt inklusive der Einsatz- und Gefahrenzulage oft deutlich über dem Einkommen in der Schweiz. Und beim Swisscoy-Einsatz mit Kost und Logis inklusive sind die Lebenshaltungskosten tief – ausser man erliegt dem Angebot der vielen Militaria- und Elektronikshops. Der Nachteil eines langen Auslandaufenthaltes ist die schleichende Entfernung vom Arbeitsalltag in der Schweiz und dass der vermeintlich sichere Militärjob trotzdem irgendeinmal zu Ende ist. Soldaten, die mehr als zwei Einsätze am Stück leisten oder immer wieder in den Kosovo zurückkehren, werden als «Mission Junkies» bezeichnet. Nicht die Abhängigkeit vom Militärleben wird zum Problem, sondern die durch die lange Zeit im Ausland schwierige Wiedereingliederung in das soziale Umfeld und in einen «normalen» Arbeitsalltag.

Dagegen steuert der Pfarrer aus Bern. «Von 70 Stellensuchenden, mit denen ich vor einem halben Jahr Dossiers bearbeitet habe, fand nur ein Landschaftsgärtner keine Stelle», sagt Manfred Stuber stolz. «Ich habe aber auch Leute erlebt, die bereits eine Stelle in der Schweiz hätten antreten können, aber aus Bequemlichkeit ihren Einsatz verlängert haben. Ein Jahr lang kann man gut weg sein. Aber nach drei bis vier Jahren im Einsatz wird die Rückkehr zum Problem», ist Manfred Stuber überzeugt. Er kehrt bald wieder an seine ehemalige Wirkungsstätte zurück, mit der Überzeugung, in jede Richtung den richtigen Weg gegangen zu sein.

Einsätze auf drei Kontinenten

Swisscoy Seit Oktober 1999 stellt die Schweiz ein Kontingent mit bis zu 220 Soldaten im Kosovo, meist Milizangehörige. Auch wer seine Militärdienstpflicht bereits geleistet hat, kann sich für einen militärischen Auslandeinsatz verpflichten. Der friedensfördernde Einsatz im Rahmen der Kosovo Force (KFOR) hat ein Mandat des eidgenössischen Parlamentes bis Ende 2014. Über eine weitere Verlängerung befindet das Parlament. Das Jahresbudget beläuft sich ab 2012 auf 40 Millionen Franken.

Verlängerung In der Regel dauert ein Einsatz sechs Monate. Wer über besondere Eignungen verfügt, kann sich für eine Verlängerung oder andere militärische Friedensförderungsdienste bewerben, beispielsweise in Bosnien-Herzegowina, Korea oder im Kongo. www.vtg.admin.ch

Stellensuche Je nach aktueller Lage im Kosovo können die Soldaten zu Vorstellungsgesprächen in die Schweiz reisen. Vor der Rückkehr kann die psychologische Betreuung beansprucht werden, Arbeitslosigkeit wird ebenfalls thematisiert. Der Personalchef der Swisscoy hilft beim Erstellen von Bewerbungsdossiers. Diese Aufgabe können auch die Presseoffiziere oder der Armeeseelsorger wahrnehmen. Eine Swisscoy-Broschüre ermahnt, sich rechtzeitig mit der Stellensuche nach dem Einsatz auseinanderzusetzen respektive mit dem RAV Kontakt aufzunehmen. Nach der Rückkehr des 23. Kontingents im April 2011 meldeten sich rund 20 Personen bei den RAV als stellenlos an.

Administratives Soldaten, die Auslandeinsätze leisten, bleiben in der Schweiz steuerpflichtig. Das Gehalt wird aus der Schweiz ausbezahlt, abzüglich der üblichen Arbeitnehmerbeiträge.

 
 
 

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