der arbeitsmarkt | 02.11.2011 | Text: Franziska Forter

Mut zum Querdenken

ff. Welchen Wert hat Querdenken in der Wirtschaft? Querdenken und Kreativität können zu neuen Lösungen führen. Das Verlassen von konventionellen Denkmustern setzt Wissen, Denken, Intelligenz voraus – und vor allem Leidenschaft für die Sache.

Mut zum Querdenken

 «Quer» lag auch die Tagungsmappe: eine zündrote Giesskanne. Foto: Christian Keller

Verwandte Infos
KMU-Tag

Eine liberale Wirtschaft braucht kreative Leute, die mit Querdenken, mit neuen Ideen überraschen. Manchmal führt nur ein Denken abseits von ausgetretenen Pfaden zum Ziel. Nicht nur eine kognitive, sondern auch eine emotionale, «leidenschaftliche» Auseinandersetzung mit der Sache ist dabei notwendig.

Das heisst aber nicht, dass man als Unternehmerin, als Inhaber eines KMU oder gar als Angestellter immer querdenken kann. Für ein erfolgreiches Wirtschaften braucht es auch das Geradeausdenken – genaues, geradliniges, rationales Denken. Dem Spannungsfeld zwischen Querdenken und Geradeausdenken widmeten sich Vertreter aus Wirtschaft, Forschung und Kultur am KMU-Tag 2011.

«Träume muss man leben»

Ein passionierter Querdenker ist Frank A. Rinderknecht. Vor über 30 Jahren gründete er die Firma Rinspeed, die mit extravaganten Fahrzeugkonstruktionen und mit innovativen Mobilitätskonzepten bekannt wurde. Er sei in seinem Leben oft als verrückt bezeichnet worden, sagte Rinderknecht. Für ihn ist das ein Kompliment, denn «Ver-rücken heisst Bewegen». «Manchmal muss man Lösungen finden, die neu und anders sind. Nur so lässt sich etwas bewegen.»

Man müsse über das Bekannte hinausgehen statt zu sagen «wir haben es schon immer so gemacht». «Ein Schweizer braucht eine Minute, um seinen Traum zu beschreiben – und zehn Minuten, um darzulegen, warum es nicht geht.»

Für Rinderknecht hingegen sind Träume zum Verwirklichen da. «Träume sind mein Lebenselixier, Träume muss man leben.» Nicht nur als Visionär und Erfinder, sondern auch als Inhaber und CEO von Rinspeed hat Rinderknecht nie geradeausgedacht. Jahresstrategien und Zielsetzungen habe er nie gemacht, wie er in einem Interview im Vorfeld der Tagung sagte. «Ich will in meinem Leben die Dinge passieren lassen.»

«Streng nach Rezept»

Neue Wege ging auch Daniel Frei, um die vegetarische Küche der «Tibits»-Kette vom «Chörnlipicker»-Image zu befreien und einem urbanen, trendbewussten Publikum schmackhaft zu machen. Zu Beginn seines Referats warf Daniel Frei die Frage ins Publikum: «Wer von Ihnen ist der Ansicht, dass zu einem richtigen Essen ein Stück Fleisch gehört?» Zahlreiche Männer streckten auf. «Eben», sagte Daniel Frei, «die Männer sind in Sachen Ernährung eher konservativ.»

Frei führt mit seinen zwei Brüdern in Zusammenarbeit mit dem Gastronomen Rolf Hiltl «Tibits»-Restaurants in verschiedenen Schweizer Städten und neu auch in London. Hier waren die Vorurteile gegen die vegetarische Küche besonders hartnäckig: Buffet gleich Junkfood, Selbstbedienung gleich schlechte Qualität, Vegi-Essen gleich Hippie.

Wichtig für den Erfolg seien neben der Gastronomie vor allem ein ansprechendes Design und ein frischer Werbeauftritt – «quer» zum bisherigen Vegi-Image –, ebenso eine Führungskultur, bei der es keine Vorgesetzen gibt, sondern «Vorbilder».

Doch auch bei «Tibits» braucht es Geradeausdenken. «Köche sind von Natur aus kreative Leute. Bei uns muss aber ein Rüeblisalat in jeder Filiale gleich schmecken. Deshalb müssen sie streng nach Rezept kochen.»

«Querdenken setzt Denken voraus»

«Eine Wand vollschmieren ist nicht kreativ», sagte der Neurowissenschaftler Frank Spitzer, der Psychiatrie, Psychologie und Philosophie studierte. «Kreativität äussert sich darin, dass man bestehendes Wissen neu verknüpft.» Unsere vielen Milliarden Nervenzellen im Hirn beziehungsweise die Synapsen, die benutzt werden, verändern sich ständig durch die Erfahrung.

Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Querdenker mehr lesen und sich allgemein besser informieren als Geradeausdenker. «Wissen und Intelligenz sind die Voraussetzungen für Kreativität. Querdenken setzt Denken voraus.» Um sich Wissen anzueignen, muss der Mensch lernen. Was ebenfalls erwiesen ist: Angst verhindert erfolgreiches Lernen und damit Kreativität. In einer realen oder vorgestellten Gefahrensituation denkt der Mensch nämlich geradeaus, rational, genau.

Das sind uralte Reaktionen, die im Mandelkern des Gehirns stattfinden und überlebenswichtig sein können. Je nach Situation denkt der Mensch entweder genau, oder er denkt kreativ, nicht beides gleichzeitig.

«Schreiender Widerspruch»

Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer sagte zu Beginn seines Referats: «Nicht die Phantasie soll an die Macht, sondern die Vernunft.» Der Autor des Erfolgsstücks «Top Dogs» über geschasste Manager widmete sich zunächst der Sprache. Obwohl der einheitliche Jargon der Wirtschaftswelt Klarheit und Eindeutigkeit und damit Geradeausdenken vortäusche, fehle es häufig an Vernunft. Es gebe kein autonomes, eigenes Sprechen mehr. «Standardisiertes Sprechen heisst auch standardisiertes Denken.»

Auch untergebene Angestellte bedienten sich dieser «Munition der Sprachgeschütze», die für sie eine Schuhnummer zu gross sei. «Ein Vasella hingegen hat es nicht nötig, einen ‹Sklavenjargon› zu verwenden.» Angst und andere menschliche Gefühlsregungen seien in der Geschäftswelt noch immer tabu.

«Der Abschied vom Grössenwahn macht glücklich», sagte Widmer. Um Lösung für unsere aktuellen Probleme zu finden, wären neue, querdenkende Leute mit Sachverstand nötig, die nicht ins herrschende Netz verstrickt sind.

Zum Schluss wies er darauf hin, dass ein «schreiender Widerspruch» unseren Alltag präge: «Abends am Stammtisch sind wir glühende Demokraten und wollen überall mitbestimmen, aber unsere Arbeitswelt ist ganz und gar nicht demokratisch geregelt.»

«Arbeiten darf Spass machen»

Nicht nur quer gedacht, sondern auch quer gehandelt hat Karl Rabeder. Bekannt geworden ist der ehemalige Multimillionär durch die Verlosung seiner Luxusvilla im Tirol. Seine erfolgreiche Firma für Heiminterieur verkaufte er an Mitarbeiter und widmet sich seitdem sozialen Projekten in der Dritten Welt.

Er lebe heute in 16 Quadratmetern für 250 Euro und fühle sich glücklich und frei. Denn: «Wenn man mehr und mehr Besitz erwirbt, wächst nicht die Freiheit, sondern das Hamsterrad, in dem man sich bewegt.» Während seiner langjährigen Tätigkeit als Geschäftsmann habe er sich immer gefragt: «Was wollen unsere Kunden?» Schliesslich fragte er sich: «Was will ich selbst?» Die Antwort lautete: «Ich will identisch mit mir selbst leben, und Arbeit darf Spass machen.»

Die «perfekte Fülle» führe zu Unglück, und materielle Sicherheit sei sowieso Wunschdenken, ist Rabeder überzeugt. Wir würden in ein Angstgebilde gedrängt, denn Politik und Industrie könnten es nicht ertragen, wenn wir alle mündige Bürger wären. Wie Frank A. Rinderknecht hat Karl Rabeder festgestellt, dass Europäer eher die dunkle, «unmögliche» Seite einer Sache in den Vordergrund stellten und dem Querdenken und Querhandeln tendenziell misstrauten.

 

Quer denken können ist eine Voraussetzung für Kreativität. Kreativität wiederum ist notwendig, um beispielsweise neue Lösungen für alte Probleme zu finden. Doch im Geschäftsumfeld braucht es zwingend auch das Geradeausdenken und das Handeln nach bewährten, eingeschliffenen Prozessen. Entscheidend ist letztlich die richtige Balance zwischen beidem.

 

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche