der arbeitsmarkt | 11/2011 | Text: Thomas Kümin

Mit Grossinvestitionen Geld sparen

Wer sein Gebäude energietechnisch auf Vordermann bringen lässt, verringert nicht nur Heizkosten und CO2-Ausstoss. Die Sanierung der Schweizer Liegenschaften bedeutet auch milliardenschwere Aufträge für KMU. Bund und Kantone kurbeln die Wirtschaft mit Förderbeiträgen für Fassaden oder Solarinstallationen an.

Die Debatte um die Stilllegung der Schweizer Atomkraftwerke hat dem Thema der nachhaltigen Energiegewinnung neuen Wind verliehen. Das grösste Potenzial, sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich, bietet sich dabei in der Gebäudesanierung. Mit der richtigen Isolierung der eigenen vier Wände und einem Solarpanel auf dem Dach können Hausbesitzer auf Atomstrom und Heizöl verzichten. Dieses Statement kann die Solar Agentur Schweiz (SAS) mit solidem Zahlenmaterial untermauern. Ihre Mitglieder lesen ganz einfach den Stromzähler und die Tankuhr diverser Gebäude aus, vom Eigentumshaus über den Wohnblock bis zur Fabrikhalle. Dies vor und nach einer Sanierung.

Mit 125 000 Milliarden Wattstunden beziffert die Solar Agentur das Schweizer Gesamtenergiepotenzial im Gebäudesektor. 16 nukleare Grosskraftwerke wie Gösgen mit einer Jahresenergieerzeugung von 7,5 Terawattstunden liessen sich damit substituieren. Von den ökologischen Fragen einmal abgesehen: Auch wenn nie die gesamte Gebäudelandschaft der Schweiz saniert wird, bietet die energetische Um- und Aufrüstung ein Potenzial für die hiesige Wirtschaft, das ebenfalls im Milliardenbereich liegt – an Aufträgen für die Bauwirtschaft und gleichzeitig langfristigem Sparpotenzial für die Eigentümer der Liegenschaften.

Mit Gesuchen überschwemmt

Den möglichen Umsatz beziffert das Schweizer Gebäudeprogramm. 2010 unter der Ägide von Bundesrat Moritz Leuenberger ins Leben gerufen, besteht das Ziel des Programms darin, den Energieverbrauch im Schweizer Gebäudepark bis 2020 erheblich zu reduzieren und damit den CO2-Ausstoss zu senken. Bund und Kantone streben an, mit dem Gebäudeprogramm gesamthaft zwischen 34,5 und 51,8 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid einzusparen. Immerhin verbrauchen Schweizer Wohnhäuser, Büroblöcke und Fabrikhallen 40 Prozent der Energie und sind für 40 Prozent der CO2-Emissionen des Landes verantwortlich.

Laut Angaben des Gebäudeprogramms sind rund 1,5 Millionen Häuser energetisch sanierungsbedürftig. Jährlich wird aber nur gerade ein Prozent des Gebäudebestandes energetisch erneuert. Total wurden für das Gebäudeprogramm drei Milliarden Franken für einen Zeitraum von zehn Jahren budgetiert. Der Bund kommt jährlich für 200 Millionen Franken auf, die Kantone bezahlen 80 bis 100 Millionen Franken pro Jahr.

Um die Gebäudesanierung voranzutreiben, unterstützt das Gebäudeprogramm Hauseigentümer, die Wände, Decken, Dächer oder Fenster ihres Heims besser isolieren wollen. Die Auswertung der eingereichten Gesuche und ausbezahlten Fördergelder zeigt ein lukratives Geschäft für Betriebe, die auf Fassaden und Dächer spezialisiert sind. 2010, also im ersten Betriebsjahr des Gebäudeprogramms, wurden allein für den Ersatz von Fenstern und die Dämmung von Fassaden, Dächern und Böden 29 307 Gesuche eingereicht, mit einem Bauvolumen von 244 Millionen Franken. Von diesen Gesuchen wurden 26 164 bis Ende 2010 bewilligt, mit einer Summe von fast 205 Millionen Franken. «Das Programm war von Anfang an sehr populär», erklärt der Medienverantwortliche Markus Spörndli. Die Beliebtheit ist ungebrochen: Im ersten Quartal 2011 wurden 6350 Gesuche eingereicht und 6245 bewilligt, mit einer Summe von 52 Millionen Franken.

Aus den Zahlen ergibt sich ein Schnitt von rund 8000 Franken pro bewilligtem Gesuch. Die Summe, die Hausbesitzer für eine Sanierung aufwenden, liegt aber um einiges höher. «Die Beiträge zur Gebäudesanierung decken 10 bis 20 Prozent der Gesamtkosten, wenn Dach, Wand und Boden erneuert werden», so Markus Spörndli. Ein optimal isoliertes Gebäude schone das Portemonnaie. «Denn längerfristig spart man auch Heizkosten.»Die durchschnittliche Beitragssumme variiert stark je nach zu sanierendem Gebäudeteil.

Die Gesuchsteller wandten sich im ersten Betriebsjahr am häufigsten für Fenstersanierungen an das Gebäudeprogramm. Beim Gebäudeprogramm ortet man laut Spörndli die Ursache darin, dass Fenstersanierungen relativ kostengünstig und schnell realisiert werden können, verglichen mit einer Erneuerung der übrigen Fassade oder des Dachs. Die hohe Zahl an sanierten Fenstern trug dazu bei, dass sich Bund und Kantone schon nach dem ersten Jahr mit Liquiditätsfragen befassen mussten. Als Folge davon muss seit April 2011 die minimale Fördersumme 3000 Franken betragen – zuvor lag die Schwelle bei 1000 Franken. Ausserdem wird ein Quadratmeter sanierter Glasfläche noch mit 40 Franken vergütet anstelle von 70 Franken.

Der Erfolg des Gebäudeprogramms hat den Ständerat veranlasst, bereits wieder eine Änderung der Spielregeln zu initiieren. Vorgeschlagen ist die Erhöhung der Subventionsmittel um 100 Millionen Franken pro Jahr. Entschieden werden dürfte noch dieses Jahr.

Private drehen den Fränkler zweimal um

Der Hauseigentümerverband Schweiz (HEV) bietet auf seiner Homepage ausführliche Informationen zum Thema Bauen und Sanieren. Kein Wunder, war es doch der HEV mit dem damaligen Vorstandsmitglied alt Nationalrat Rolf Hegetschweiler, der eine Teilzweckbindung der CO2-Abgabe zur energetischen Gebäudesanierung anstrebte. Der Direktor des Hauseigentümerverbands, Ansgar Gmür, bestätigt das milliardenschwere Potenzial für die Schweizer Wirtschaft. «3,5 Millionen Wohnungen zählen wir hierzulande. Die Hälfte des Gesamtgebäudebestandes wurde noch nie saniert. Und in die Schweizer Wohngebäude sind 2000 Milliarden Franken investiert.» Der Haken, so Gmür, liegt bei den Hauseigentümern, von denen 305 000 Mitglied beim HEV sind. «Die Mehrheit der Mietwohnungen gehört privaten Eigentümern. Diese investieren emotioneller und spontaner als institutionelle Eigentümer, wie zum Beispiel Versicherungsgesellschaften. Zudem steht Privaten nicht immer das nötige Kapital zur Verfügung, oder eine Gesamtsanierung ist aus steuerlichen Gründen nicht lukrativ.» Der HEV propagiere deshalb etappenweise durchgeführte Teilsanierungen. Vorher sollte aber immer ein Gesamtkonzept erstellt werden, rät Gmür, das nicht nur die Gebäudehülle, sondern auch Heizung und Lüftung umfasst. Wer saniert, löst eine Kettenreaktion aus: Mit einer besseren Isolierung wird allenfalls die alte Ölheizung obsolet, weil sie zu fest wärmt. Darum sollte auch diese möglichst bald ersetzt werden. Soll man nun als Ersatz eine Wärmepumpe installieren oder Solarkollektoren auf dem Dach? Und wie zirkuliert kühle und warme Luft im Haus? Um nicht von einem Problem zum nächsten zu geraten, wird ein Gesamtkonzept empfohlen.

Lukratives Geschäft nicht nur für den Glaser

Von der Sanierung und der damit verbundenen Reduktion des CO2-Ausstosses profitieren diverse KMU. Das weiss auch Ruedi Lustenberger, CVP-Nationalrat aus dem Kanton Luzern und Präsident des Verbands Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten sowie Mitglied der Gruppe Ausbaugewerbe von Bauen Schweiz. Letztere vertritt unter anderem die Holzbauer, Maler, Gipser, Elektriker und Gebäudeinstallateure. Auch Lustenberger setzte sich für die Teilzweckbindung der CO2-Abgabe ein. Umweltschutz nennt er mit diesem Hintergrund immer in einem Atemzug mit der wirtschaftlichen Wertschöpfung im Inland. Zum Beispiel bei der Schweizer Rohstoffquelle Nummer eins: «Wir sollten Holz noch besser nutzen und vermehrt in Neu- und Umbauten einsetzen. Dass nun auch der Ständerat den Beitrag von verbautem Holz in der CO2-Bilanz als Senke anrechnet, ist zu begrüssen. Schliesslich wachsen in unseren Wäldern jährlich 10 Millionen Kubikmeter nach, ohne dass der Mensch etwas dazutun muss, anders als Beton und Stahl, deren Herstellung CO2-Emissionen verursacht.»

Wer sich entschliesst, auf seinem Gebäude eine Solaranlage zur Stromproduktion oder Solarkollektoren zu installieren, sorgt damit bei weiteren spezialisierten Firmen wie der Meyer Burger AG aus Thun für Umsatz, die Maschinen zum Schneiden von Silizium für Solarpanels produziert (der «arbeitsmarkt» berichtete in Ausgabe 9/2011). Die konkreten Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden unterschiedlich bewertet. In einem Positionspapier zum CO2-Gesetz beziffern der Gebäudehülle- und der Ausbaugewerbeverband (GAG-Verbände) die Umsetzung von Energieeffizienzmassnahmen für die Schweiz: 11 000 neue Arbeitsplätze sollen bis 2020 geschaffen werden. Die verstärkte Betonung ökologischer Aspekte im Bau mache die entsprechenden Berufsfelder für junge Leute attraktiver.

Gleichzeitig mit der CO2-Reduktion muss nach dem Willen der GAG-Verbände auch die Stromeffizienz gesteigert werden. Pirmin Gassmann, Präsident Verband Schweizerischer Elektroinstallationsfirmen (VSEI): «Die Spitzenbelastung der Stromnetze ist ein zunehmendes Problem. Mit intelligenten Netzen, sprich Smart Grids, und technologisch eingebundenen Abnehmern und Klein-Stromeinspeisern könnte allein in der Schweiz die Stromproduktion in der Grössenordnung des baselstädtischen Stromverbrauchs eingespart werden. Weiter sollten nur noch die energieeffizientesten Haushaltgeräte zum Einsatz kommen und sollte alles unternommen werden, um den Stand-by-Verbrauch von Elektrogeräten zu stoppen. Auch dies bringt schon Stromeinsparungen im zweistelligen Prozentbereich und ohne Komfortverlust.» Der Präsident des Schweizerisch-Liechtensteinischen Gebäudeverbands, Peter Schilliger, betont den Einfluss von über 230 000 veralteten Elektro-Widerstandsheizungen in der Schweiz auf die Verbrauchsenergie: «Wenn all diese Elektroheizungen durch Wärmepumpen ersetzt würden, könnte der Stromverbrauch um die Jahresproduktion eines Atomkraftwerks gesenkt werden. Wir haben heute in der Gebäudetechnik die Möglichkeiten, Anlagen und Geräte einzusetzen, die auch eine Netto-Energielieferung nach aussen zulassen. So wie bei den Plusenergiehäusern, die nicht nur genug Energie produzieren, um sich komplett selbst zu versorgen, sondern überschüssigen Strom zurück ins Netz speisen.» Die Realisierung von Niedrigenergie- oder Plusenergiehäusern würde auch der Umsetzung des Zieles der 2000-Watt-Gesellschaft dienen (siehe Kasten).

Rolf Hegetschweiler, Ruedi Lustenberger und Peter Schilliger sind Gründungsmitglieder und im Vorstand der Energieallianz. Diesem 2008 gegründeten Verein unter der Ägide von FDP-Nationalrat Otto Ineichen gehören Parlamentarier der fünf grossen Parteien und beider Räte an sowie Vertreter prominenter Verbände. Mit der aufgeflammten Diskussion zum Atomausstieg der Schweiz erneuerte auch die Allianz mit Nachdruck ihr Credo: den Energieverbrauch in Gebäuden zu senken. 

Das Eigenheim als Kraftwerk

Prämierung. Die Eigentümer und Planer von Gebäuden mit der grössten Energieersparnis zeichnet die Solar Agentur seit den 90er-Jahren aus. Die Kategorien und die Bedeutung des Solarpreises sind mit den Jahren gewachsen. Heute werden unter «PlusEnergieBauten» auch Gebäude prämiert, die nicht nur Energie sparen, sondern mehr Energie erzeugen, als sie im Jahresdurchschnitt für Warmwasser, Heizung inklusive des gesamten Haushalts- und Betriebsstroms benötigen. Und seit 2010 hat kein Geringerer als Stararchitekt Norman Foster mit dem Norman Foster Solar Award das Patronat für die Kategorie der ästhetisch schönsten «PlusEnergieBauten» übernommen.

 
 
 

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