der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Simon Wolanin
Warum arbeiten Pensionierte weiter? Altersforscher François Höpflinger nennt Gründe und erklärt, wieso die Wirtschaft auf sie angewiesen ist.
Herr Höpflinger, Sie stehen kurz vor der Pension. Was haben Sie danach für Pläne?
Ich beziehe bereits eine Teilrente und bin zunehmend selbständig in der Altersforschung tätig. Dies erlaubt mir, unabhängig vom Pensionsalter weiterzuarbeiten. Anders als an der Universität muss ich die Finanzierung meiner Forschungsprojekte jedoch selber organisieren.
Sich zur Ruhe setzen kommt für Sie nicht in Frage.
Nein, mir macht meine Arbeit Spass. Aber ich achte darauf, dass ich Leitungsaufgaben an Jüngere übergeben kann und mein Pensum herunterfahre. Es ist ein fliessender Übergang.
In der Schweiz waren 2009 knapp 15 Prozent der Männer über 65 noch erwerbstätig. Wieso?
Die Gründe sind vielfältig. Kaderleute arbeiten oft länger, auch wegen ihres Netzwerkes, das sie im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Bei der ABB gibt es etwa Mitarbeitende, die gute Kontakte zu China haben. Diese sind unverzichtbar. Es gibt Selbständigerwerbende, die auf ein Einkommen angewiesen sind, weil sie keine Pensionskassenbeiträge gezahlt haben. Nicht selten sind es auch Familienbetriebe, die auf eine Person ausgerichtet sind. Da ist ein Generationenwechsel schwierig.
Es ist also oft ein Müssen und nicht ein Wollen.
Nein, die Mehrheit tut es aus Freude, weniger aus Zwang. Auch Pensionierte mit tiefen Renten sind in der Regel abgesichert durch Ergänzungsleistungen. Vor allem bei Männern in hohen Positionen spielen auch Status- und Machtansprüche eine wichtige Rolle.
Und was ist mit den Frauen?
Bisher verrichteten die Frauen im Alter meist unbezahlte Arbeit wie das Führen des Haushalts. Dies scheint sich jedoch zu ändern: 2009 waren knapp sieben Prozent aller Frauen über 65 erwerbstätig. Das ist gegenüber 2005, wo es nur rund fünf Prozent waren, ein deutlicher Anstieg.
Wieso arbeiten in der Schweiz im Vergleich zur EU fast doppelt so viele Pensionierte?
Wir haben eine hohe Erwerbsquote und viel Qualitätsarbeit. Erfahrung spielt eine grosse Rolle, Personen sind schwer ersetzbar. Zudem ist hier die körperliche Fitness nicht entscheidend. In der Schweiz gibt es mehr flexible Arbeitsformen, die auf die Bedürfnisse der Rentner ausgerichtet sind. Immer mehr Menschen arbeiten Teilzeit oder von zu Hause aus. Unser liberales Arbeitsrecht mit kurzen Kündigungsfristen begünstigt Altersarbeit. Unternehmen können sich nach den Wünschen der älteren Arbeitskräfte richten und beispielsweise ohne Probleme das Arbeitspensum reduzieren.
Wieso sind in Grossregionen mehr Rentner berufstätig als in ländlichen Gebieten?
Dicht besiedelte Gebiete sind eher auf soziale Dienstleistungen ausgerichtet. Dort sind flexible Arbeitseinsätze möglich, was den älteren Arbeitnehmern entgegenkommt.
| Prof. Dr. François Höpflinger, 63, ist seit 1994 Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich mit den Schwerpunkten Altersforschung, Demografie, Generationsfragen, Familiensoziologie und Sozialpolitik. Von 1999 bis 2008 war er Forschungsdirektor am Universitären Institut Alter und Generationen in Sion. 2003 wurde er zusammen mit Valérie Hugentobler mit dem Vontobel-Preis für Altersforschung ausgezeichnet. Höpflinger ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder sowie vier Enkelkinder und lebt in Horgen (ZH). www.hoepflinger.com |
Welche Rolle spielen Bildung und Herkunft?
Leute mit höherer Ausbildung arbeiten länger. Personen aus der unteren Sozialschicht, die über einen längeren Zeitraum harte, körperliche Arbeit verrichten, leiden öfter unter gesundheitlichen Problemen und brauchen Ruhe. Oft fehlt ihnen auch die Motivation, nach der Pension weiterzuarbeiten. Ausländer aus der ersten Generation arbeiten weniger lange als Schweizer. Auch hier liegt der Hauptgrund wohl darin, dass sie eher körperliche Tätigkeiten ausüben. Die Voraussetzungen, dass jemand im Ruhestand noch arbeitet, sind eine gute Gesundheit und Motivation.
In den letzten Jahren hat die Beschäftigung im Pensionsalter in der Schweiz leicht zugelegt. Woran liegt das?
Es ist weltweiter Trend. Dies liegt einerseits an den Rentenkürzungen. Andererseits herrscht zunehmend ein Mangel an jungen Arbeitskräften.
Welche Branchen sind davon besonders betroffen?
Da gibt es einige, beispielsweise der Ingenieurbereich. Dort wissen die Jüngeren nicht, wie die alten Systeme funktionieren, sei es bei Aufzügen oder Wasserkraftwerken. Nachwuchsknappheit gibt es auch in der Pflegebranche, im Bildungswesen, in der Landwirtschaft, im Gastgewerbe und im Kulturbereich. Dazu kommt das ganze Beratungsfeld, beispielsweise die Immobilienbranche.
Wo der Nachwuchs fehlt, braucht es Ersatz.
Genau, und hier kommt die ältere Generation ins Spiel. Sie wird als Konjunkturpuffer eingesetzt. Es zeichnet sich ab, dass sich dieser Trend in Zukunft verstärken wird. Oft sind Unternehmen auf das Wissen der älteren Arbeitskräfte angewiesen. Gerade im Umgang mit Kunden werden erfahrene Berater geschätzt.
Wodurch unterscheidet sich ein berufstätiger Rentner von einem normalen Angestellten?
Rentner sind weniger abhängig vom finanziellen Einkommen und können deshalb auch Gratisarbeit verrichten, aus der sich eventuell eine Bezahlung ergibt. Mischformen zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit sind nicht unüblich. Bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank werden Pensionäre für Beratungsgespräche eingesetzt. Diese erhalten zwar eine gewisse Entschädigung, aber von den getätigten Bankgeschäften profitieren auch die Jüngeren. Altersrentner sind eine spannende Ressource für die Wirtschaft: Die Arbeitskräfte sind finanziell durch die Altersvorsorge abgesichert, haben aber immer häufiger die Motivation und die Fähigkeiten, gute Arbeit zu verrichten. Zudem sind sie bereit, für weniger Geld beruflich tätig zu sein.
Es werden also kostengünstige ältere Arbeitskräfte eingestellt, und die Arbeitslosen bleiben auf der Strecke.
Nicht zwingend. Frankreich ist in den neunziger Jahren mit seiner Strategie gescheitert, durch Frühpensionierungen die Jugendarbeitslosigkeit zu reduzieren. Erstens sank nicht die Arbeitslosigkeit, sondern Arbeitsplätze gingen verloren. Zweitens waren die Rentner frustriert, weil sie nicht arbeiten konnten. Arbeitsplätze werden gesichert, wenn Ältere für einen tieferen Lohn zum Beispiel Steuererklärungen ausfüllen oder Beratungen durchführen. Vor allem Kleinbetriebe profitieren von flexiblen Teilzeiteinsätzen der Pensionäre. Sie können so eher auf Kundenwünsche eingehen und Spezialaufträge anbieten, die sich sonst finanziell nicht lohnen.
Gewerkschaften befürchten, dass mit Einsätzen, die nicht vertraglich geregelt sind, der Arbeitnehmerschutz leidet.
Die Arbeit von Rentnern im Graubereich nimmt zu, die Tendenz lässt sich nicht stoppen. Es entsteht ein neues Unternehmertum im Alter, das unsichtbar bleibt. Vieles geschieht hinter den Kulissen, ausserhalb vom gesetzlichen Rahmen. Eine Kontrolle ist schwierig. Vor allem in kleinen Betrieben gibt es viel Schwarzarbeit. Zum Beispiel helfen pensionierte Maler, Maurer oder Bäcker in Familienunternehmen aus. Wir sprechen hier über kleine Beträge, meist unter 20 000 Franken im Jahr.
Wie wird Arbeiten im Alter in der Schweiz gefördert?
Bisher sind es vor allem firmeninterne Massnahmen für Mitarbeitende ab 50 Jahren. Man will erreichen, dass diese bis zur Pension motiviert und engagiert bleiben. Dazu gehört die Gesundheitsförderung, aber auch die Möglichkeit, im Unternehmen andere Aufgaben wahrzunehmen. Oft ist nicht das Alter das Problem, sondern dass Angestellte zu lange dieselbe Arbeit getan haben. Sie konnten sich nicht weiterbilden, sehen keine Perspektive und sind demotiviert. Die AXA Winterthur hat ein interessantes Projekt lanciert, bei dem Mitarbeitende zwischen 58 und 68 Jahren Teilzeit arbeiten. Sie erhalten beispielsweise 20 Prozent weniger Lohn, behalten aber 100 Prozent Rentenanspruch. So können sich ältere Arbeitskräfte entlasten, ohne langfristige Renteneinbussen zu erleiden. Denn erst wenn Leute bis zur Pensionierung motiviert und einsatzfähig bleiben, kann man in einem zweiten Schritt über Beschäftigungen darüber hinaus nachdenken.
Welche Firmen setzten diese Massnahmen um?
Es sind insbesondere grosse Unternehmen wie Migros, SBB oder Swisscom. Bei den KMU ist die Altersförderung noch nicht ausgeprägt, dort gibt es viel Potenzial. Firmen entdecken immer mehr, dass die Erfahrung älterer Mitarbeitender wichtig ist. Zum Beispiel setzt Swisscom in ihren Callcentern vermehrt auf erfahrene Angestellte, weil dies die Kunden schätzen. Bei der Immobilien- und psychologischen Beratung gibt es einen ähnlichen Trend. Auch in der Bankenbranche sind ältere Finanzberater gefragt: Ein 70-jähriger Millionär will nicht von einem 20-Jährigen beraten werden.
Wie sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für arbeitende Rentner?
Arbeit nach der Pensionierung wird sozialpolitisch schlecht honoriert. Erwerbstätige Rentner müssen ab einem bestimmten höheren Lohnvolumen weiterhin AHV- und ALV-Beiträge zahlen, ohne dass dies Auswirkungen auf ihre Rente hat. Möchte jemand im Rentenalter wieder arbeiten, sollte er seine AHV-Auszahlungen unterbrechen können. Durch diese Flexibilisierung der ersten Säule wäre es auch für Pensionierte möglich, die eigene Rente aufzubessern. Die geleisteten AHV-Beiträge würden dann auch bei den Pensionierten wie bei normalen Arbeitskräften für das eigenen Rentenvolumen berücksichtigt.
Die ältere Generation ist wichtig für die Wirtschaft. Trotzdem wird sie bildungspolitisch vernachlässigt.
In der Bildung besteht in der Tat grosser Nachholbedarf. Arbeitskräfte über fünfzig müssen mehr Weiterbildungsmöglichkeiten haben. Ältere Menschen sollten einen Zweitberuf lernen und ausüben können. Das Absolvieren einer zusätzlichen Lehre oder Ausbildung auch nach fünfzig wäre denkbar. So könnten Personalengpässe in nachwuchsarmen Branchen wie im Pflegebereich reduziert werden.
Von älteren Menschen wird verlangt, länger produktiv zu bleiben. Überfordert man sie damit nicht?
Es geht ja nicht um eine Rentenkürzung, sondern um Arbeit auf freiwilliger Basis. 30 bis 40 Prozent der Rentner wollen beruflich tätig sein, aber im eigenen Rhythmus. Deshalb ist die Flexibilität bei den Arbeitseinsätzen wichtig.
Wie sehen solche flexiblen Tätigkeiten aus?
Senioren werden von Unternehmen beispielsweise als «Testpiloten» für neue Trends eingesetzt. So gibt es Versuche, Führungspositionen unter mehreren Personen aufzuteilen. Dann gibt es das Konzept der Seniorscouts, bei dem über 50-Jährige Produkte und Dienstleistungen testen. Ein anderes Beispiel sind Bauernfamilien im Engadin, die mit Hilfe von pensionierten Frauen Geschenkkörbe zusammenstellen und verkaufen. Die Furka-Eisenbahn könnte ohne Hilfe von Pensionierten nicht betrieben werden.
Wie sieht die Zukunft der Altersarbeit aus?
Man wird weltweit das formale Rentenalter erhöhen müssen, um die Altersvorsorge finanziell abzusichern. Die Altersguillotine wird zunehmend aufgehoben. Es gibt viel Erfahrungswissen, das nicht genutzt wird. Rentner, die weiterarbeiten wollen, sollen dies auch können. In England beispielsweise soll es bald keine obere Altersgrenze mehr geben. Ohne Produktivität im Alter können demografisch alternde Gesellschaften nicht funktionieren, die Staatsverschuldung würde ins Unermessliche steigen.
Rente trotz LohnRentenbezug Eine Person muss ihre Stelle nicht aufgeben, wenn sie das Rentenalter erreicht. Anspruch auf eine AHV-Rente haben Männer mit 65 Jahren, Frauen mit 64. Wer nach der Pensionierung Teil- oder Vollzeit arbeitet, erhält trotzdem seine volle Rente. Verdient eine pensionierte Person mehr als 1400 Franken im Monat beziehungsweise 16 800 Franken im Jahr, muss sie weiterhin Beiträge an AHV, IV und EO bezahlen. Der Beitrag an die Arbeitslosenversicherung entfällt. Bei einer Kündigung erhalten Rentner keine Arbeitslosengelder, können aber in einer finanziellen Notlage Ergänzungsleistungen zusätzlich zur AHV-Rente bei der Gemeinde beantragen. Die gleichen Regeln gelten für selbständig Erwerbende. Rentenhöhe Die vom Lohn abgezogenen AHV-Beiträge beeinflussen nicht die Höhe der Altersrente. Es gibt also keine zweite Rente. Wer hingegen seine Rente um ein bis maximal fünf Jahre aufschiebt, erhält für die gesamte Bezugsdauer eine höhere Rente. Nach fünf Jahren muss die Rente bezogen werden. Lässt sich eine Person ein bis zwei Jahre vor dem ordentlichen Rentenalter pensionieren, erhält sie eine gekürzte Rente. Unfallversicherung Erwerbstätige Rentner sind beim Unfallversicherer des Arbeitgebers für Berufsunfälle und -krankheiten versichert. Arbeitet jemand mehr als acht Stunden pro Woche, sind auch Nichtberufsunfälle gedeckt. Wer weniger arbeitet, ist im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung gegen Unfall versichert. PensionskasseWer das Rentenalter erreicht, bekommt Gelder aus der Pensionskasse. Es gibt aber Pensionskassen, die Altersleistungen erst nach Ende der Erwerbstätigkeit der Rentner auszahlen. |