der arbeitsmarkt | 06.12.2011 | Text: Franziska Forter

Alte Werte prägen die Arbeitswelt

ff. Den viel beklagten «Werteverlust» gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Werte in der Arbeitswelt sind seit über 150 Jahren die gleichen geblieben. Nur werden sie je nach Wirtschaftslage anders gewichtet. Zu diesem Schluss kamen die Teilnehmenden einer Podiumsdiskussion des KV Zürich.

Alte Werte prägen die Arbeitswelt
Abt Martin Werlen sorgte mit seinen Voten
für aufgeräumte Stimmung im Kaufleutensaal. Foto: KV Zürich
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150 Jahre KV Zürich

Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Brüderlichkeit – diese Werte galten bei der Gründung des Kaufmännischen Verbands (KV) vor 150 Jahren als Leitlinien für das Geschäftsleben. Haben diese Werte auch heute noch Gültigkeit, sind andere Werte an ihre Stelle getreten – oder herrscht gar völlige Wertelosigkeit? Diesen Fragen widmeten sich an der Podiumsdiskussion zum Thema «Werte in der Arbeitswelt» Martin Werlen, Abt des Klosters Einsiedeln, Antoinette Hunziker, CEO und Gründungspartnerin Forma Futura Invest AG, David Bosshart, Direktor des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, und der Unternehmer Peter Spuhler, CEO und Inhaber Stadler Rail AG, auch bekannt als SVP-Politiker. Der Anlass wurde von Philippo Leutenegger moderiert. 
 
«Die Gründungsideen des KV sind topaktuell», sagte Abt Martin Werlen. «Den Wertewandel gibt es gar nicht. Unsere Werte sind uralt. Nur der Blickwinkel kann sich verschieben.» Das scheint der Videoclip zu bestätigen, der als Einstieg ins Thema gezeigt wurde. Jüngere Berufsleute schildern darin, was ihnen heute im Beruf wichtig ist. Genannt wurden Loyalität, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Teamgeist. Auch soll sich die Firma, in der man arbeitet, ethisch und sozial anständig verhalten. Gerechtigkeit mag heute Fairness heissen, Brüderlichkeit Kollegialität und Ehrlichkeit Glaubwürdigkeit – die alten Gründungswerte des KV sind leicht wiederzuerkennen.
 

«Kauf dir einen Hund»

Wie sieht es mit Ehrlichkeit in der Arbeitswelt heute aus? «Statt Ehrlichkeit würde ich lieber Transparenz sagen», so Antoinette Hunziker, deren Firma in nachhaltige Anlagen investiert. «Das heisst, offen zu kommunizieren, warum man welche Entscheidungen trifft.» Wenn eine Firma hohe Gewinne mache, ihre Manager sich Boni-Exzesse leisteten, sie aber gleichzeitig Angestellte entlasse, verstünden das die Leute nicht. Das könne zu sozialen Unruhen führen. «Da machen wir in der Schweiz etwas kaputt», gab sie zu bedenken. 
 
Früher hiess es «Wenn du Loyalität willst, kauf dir einen Hund», sagte Hunziker weiter, anspielend an ein Zitat des amerikanischen Autors Tom Wolfe. Das war in der Hochkonjunktur, als Loyalität und Treue geringgeschätzt wurden, vor allem ökonomische Aspekte das Handeln bestimmten und die Leute von Job zu Job wechselten. David Bosshart dazu: «In der Euphorie der Hochkonjunktur war die Motivation extrinsisch, am Geld ausgerichtet. Das hat die innere Motivation zerstört.» Dabei seien traditionelle Werte aber nicht verschwunden, sondern lediglich in den Hintergrund geraten. «Durch die heute grenzenlose Flexibilität und Mobilität ist nichts mehr klar, der Wunsch nach Führung und Loyalität wird wieder stärker.» 
 
Auch Erfolg werde wieder anders definiert. Man fragt nicht nur nach der Gewinnmaximierung, sondern auch nach dem Nutzen für Gesellschaft und Ökologie. Bosshart brachte es auf den Punkt: «Gute Werte kommen, wenn es allen schlechter geht.»
 

Lob der KMU

Ein solcher «guter Wert» ist für Antoinette Hunziker der Respekt: Respekt vor den Menschen, vor der Umwelt, vor den Mitarbeitern und den Kunden. «Zum Respekt gegenüber den Mitarbeitern gehört auch, dass der Chef eigene Fehler zugeben kann», ergänzte Peter Spuhler. Die Angestellten wiederum sollen der Firma gegenüber auch in schlechteren Zeiten Loyalität zeigen. Zum Beispiel, indem sie wegen der Frankenstärke eine vorübergehende Erhöhung der Arbeitszeit akzeptieren.
 
In der Schweiz arbeiten 70 Prozent der Beschäftigten in KMU. Dadurch sei eine gewisse Bodenständigkeit erhalten geblieben. «Das ist eine noch relativ heile Welt», sagte Peter Spuhler, «es gibt nur wenige Entgleisungen.» Doch der Druck durch die Entwicklungen auf internationaler Ebene werde immer grösser. Eine Firma könne schon mal gezwungen sein, einen Teil der Produktion auszulagern oder einen günstigeren Lieferanten im Ausland zu berücksichtigen. Was betriebswirtschaftlich richtig ist, kann volkswirtschaftlich fragwürdig sein, und umgekehrt. «Hier herrscht Konfliktpotenzial für einen Unternehmer», stellte Spuhler fest. Doch in den KMU gehörten Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen noch immer zur Firmenkultur, anders als in vielen globalisierten Firmen. «Es ist ein grosser Unterschied, ob es sich um ein lokal oder ein global agierendes Unternehmen handelt», sagte Peter Spuhler. 
 
Auch ein Kloster ist eine Art KMU. Was unternimmt Abt Martin Werlen, wenn es in seinem «Betrieb» zu Konflikten kommt, wenn die Brüderlichkeit ins Wanken gerät? «Das Kloster ist eine Zweckgemeinschaft, wie ein Unternehmen auch. Man kann sich die Mitbrüder nicht aussuchen und muss mit ihnen auskommen.» Konflikte, die hier entstehen, könne man weder durch Entlassungen noch durch Lohnkürzungen aus der Welt schaffen. 
 
Vom heiligen Benedikt hiess es: «Er war bei sich selbst daheim.» Bei Konflikten sich selbst zurücknehmen sei immer zu empfehlen. Das gelte zum Beispiel auch bei Konflikten mit der Denkmalpflege, wo ein Hagelsturm die strittige Frage um den Ersatz der Fenster im denkmalgeschützten Klostergebäude auf gleichsam himmlische Weise löste, indem er die alten Scheiben zerschlug.
 

Verantwortung für das Ganze

Die Betriebskultur wird auch durch unser direktdemokratisches politisches System geprägt. In der Schweiz bestehe eine Tradition der Kritik, der Mitbestimmung, der Entscheidung, die sich auch in den Betrieben niederschlägt, stellten die Podiumsteilnehmer fest. Hier kenne man sich noch, man rede miteinander – häufig per Du –, es herrsche nicht die Anonymität der globalisierten internationalen Firmen.
 
Auch zur Hierarchie hätten wir Schweizerinnen und Schweizer ein anderes Verhältnis  als die Menschen in Deutschland, Frankreich oder England, sagte Antoinette Hunziker. In diesen Ländern spiele die Hierarchie eine viel grössere Rolle, und Partizipation habe einen geringeren Stellenwert. «Der frühere Chef der Deutschen Börse fuhr von der Tiefgarage mit dem Lift direkt in sein Büro», sagte sie. «Der wollte mit den Angestellten nichts zu tun haben.» David Bosshart fasste zusammen: «In der Schweiz ist ein Verantwortungsgefühl für das Ganze da, auch in der Arbeitswelt.»
 

Das rechte Mass wiederfinden

Nach dem Boom der letzten Jahrzehnte werden wir den Gürtel enger schnallen müssen, sind sich die Teilnehmer einig. «Die Normalität wird zurückkehren, und auch die alten Werte werden wieder mehr Geltung bekommen», ist David Bosshart überzeugt. So, wie jeder entscheidet, welche Produkte er kauft und welche nicht, ist auch bei der Wahl von Job und Arbeitgeber Eigenverantwortung gefragt. Letztlich müsse jeder sich selbst fragen «Wo will ich arbeiten?», fand Antoinette Hunziker.
 
Abt Martin Werlen, um das Schlusswort gebeten, sagte, dass in den Schriften des heiligen Benedikt das Mass eine grosse Rolle spiele – die Überzeugung, dass jedes Ding seinen gebührenden Platz hat. «Den Ausdruck Work-Life-Balance finde ich schrecklich, das tönt so, als ob Leben und Arbeiten sich gegenseitig ausschliessen.» Wir müssten das rechte Mass wiederfinden, damit Arbeit wieder ein bereichernder Teil des Lebens werde. 

 
 
 

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