der arbeitsmarkt | 05.01.2012 | Text: Sandra Kyburz

Jedem Frosch sein Teich

sk. Wovon hängt unser Lebensglück ab? Derweil die Mehrheit einem hohen Einkommen, Statussymbolen und Prestige nachrennt, plädiert der Ökonomieprofessor Mathias Binswanger für mehr Bescheidenheit und die Pflege des sozialen Miteinanders.

Jedem Frosch sein Teich
Mathias Binswanger sprach an der Jahrestagung 2011 des FAU in Luzern. Foto: Simone Gloor

«Bei der Verfolgung des Glücks rennen die meisten Menschen wie auf einem Laufband auf der Stelle. Sie glauben, je mehr Geld sie haben, desto mehr Möglichkeiten hätten sie, dieses Geld glückbringend einzusetzen. Es gibt aber eine alte Weisheit: Geld allein macht nicht glücklich.» Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, ist seit seinem Bestseller «Die Tretmühlen des Glücks» (2006) als «Glücksforscher» bekannt und gilt als begnadeter Redner.

Der quirlige 49-Jährige warnt davor, Glück mit materiellem Wohlstand gleichzusetzen, und sagt: «Dinge mit viel Glückspotential sind nicht käuflich.» Man könne wohl ein komfortables Bett kaufen, aber nicht den Schlaf. Man könne Nahrung erwerben, aber nicht den Appetit. Man könne Spielzeug kaufen, aber nicht die Freude, damit zu spielen. «Man kann sich gar einen Platz in der Kirche ergattern, aber nicht den Platz im Himmel», erklärt der Glücksforscher und fügt mit einem Schmunzeln an: «Obwohl die katholische Kirche dieses Prinzip auch schon gewinnbringend verfolgt hat.»

«Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus unserem Leben zu machen», zitiert Binswanger den berühmten irischen Dramatiker George Bernard Shaw. Eine effizient umgesetzte Ökonomie bewiesen zum Beispiel die Amischen in den USA. Laut Umfragen seien die Mitglieder dieser wertkonservativen täuferischen Glaubensgemeinschaft gleich glücklich wie die reichsten zehn Prozent der Amerikaner, und das trotz eines rigorosen Verzichts auf technische Errungenschaften. 

Auch der Faktor Zeit spiele eine grosse Rolle beim Streben nach Glück. Hier komme der moderne Mensch aber in eine Zwickmühle: Wer Ende Monat eine grosse Lohntüte mit nach Hause nehme, habe meistens keine Zeit, das Geld zum Vergnügen auszugeben, so Binswanger. Umgekehrt verfügten jene, die ohne Arbeit sind – ergo viel Zeit haben –, nicht über ein prall gefülltes Portemonnaie. «Beide sind am Ende nicht glücklich.»

Das Problem mit den Umfragestatistiken

«Umfragen haben gezeigt, dass das durchschnittliche subjektive Wohlbefinden von Gesellschaften ab einer bestimmten Einkommenshöhe stagniert», erklärt Binswanger. Wirklich exakte Daten gebe es aber nicht, denn das Problem bei diesen Umfragen sei, dass sich die Befragten gerne von einer allzu positiven Seite zeigen möchten. «Gerade wir Schweizer sind Weltmeister darin, den guten Durchschnitt zu mimen.» So wähle der durchschnittliche Schweizer bei einer Skala von 1 bis 4 (wobei 1 «schlecht» und 4 «sehr gut» bedeutet) typischerweise die 3.

Über die Jahre hinweg habe sich aber herauskristallisiert, dass Wirtschaftswachstum, sprich mehr Lohn, nicht unbedingt zufriedener mache. «Die Zufriedenheit bleibt im Schnitt immer gleich, egal wie hoch das Einkommen ist», erläutert Binswanger. Trotz eines niedrigen Einkommens seien Südamerikaner in etwa gleich zufrieden wie gut verdienende Skandinavier oder Schweizer. «Das mag auch mit dem angenehmeren Klima in diesen Ländern zu tun haben.» Auch über mehrere Jahrzehnte betrachtet richte sich die durchschnittliche Zufriedenheit nicht am Einkommen aus.

Was braucht es dann für das Glück? «Glücklich macht das soziale Miteinander, der Austausch untereinander», sagt der Volkswirtschaftsprofessor. «Weniger glücklich machen hingegen die Dinge, die mit Arbeit zu tun haben.» Diese These untermauert er mit einer Befragung von tausend texanischen Frauen, was ihnen an einem bestimmten Arbeitstag am meisten und was am wenigsten Spass gemacht hat. Hoch im Kurs standen das Zusammentreffen mit Freunden und der soziale Austausch; weniger Enthusiasmus lösten bei den Frauen «Pendeln» oder «mit dem Chef arbeiten» auf.

Lieber ein «local hero» als ein «global loser»

Warum aber jagen wir trotz solcher Fakten nur immerzu einem grösserem Einkommen hinterher? Ausschlaggebend dafür sind nach Binswanger die vier Tretmühlen des Glücks: die Statustretmühle, die Anspruchstretmühle, die Multioptionstretmühle und die Zeitspartretmühle. Der Mensch denke grundsätzlich in Relationen, sprich, er vergleicht sich mit Personen, die er für relevant hält. Und er will besser sein, einen bedeutenderen Status haben als der Nachbar. «Stellt man die Leute vor die Wahl, ob sie lieber 100 000 und alle anderen 90 000 Franken verdienen wollen, oder ob sie lieber 110 000 und die anderen 120 000 Franken verdienen wollen, wird sich die Mehrheit für die erste Option entscheiden», situiert Binswanger die Statustretmühle.

Die Anspruchstretmühle zeige, dass die Ansprüche in letzter Zeit gestiegen seien; Bekommen sei besser als Haben. In den vergangen Jahren sei aber auch die Vielfalt an Güter und Dienstleistungen immens gewachsen. Der Mensch befinde sich deshalb in einer Multioptionstretmühle, denn wer die «Qual der Wahl» hat, der kann seine Entscheidungen nicht mehr optimieren und wird unzufriedener. Bleibt noch die Zeitspartretmühle: Mit den heutigen Gadgets und technischen Errungenschaften könne man zwar enorm viel Zeit sparen, diese Einsparungen würden durch vermehrte Nutzung und Konsum aber stets überkompensiert.

Wie aber entkommt man diesen Tretmühlen? Binswanger liefert prompt vier einfache Strategien: Man solle ein attraktives Sozialleben führen, anstatt sich mit der Anhäufung materieller Güter zu beschäftigen. Ratsam sei aber auch, Stress im Familienleben zu vermeiden. Man solle nicht immer nach dem Besten suchen. Am wichtigsten überhaupt sei aber die Wahl des richtigen Teiches: Lieber solle man danach streben, ein grosser Frosch in einem kleinen Teich zu sein als ein kleiner Frosch in einem grossen Teich. Auf den Punkt gebracht: «Ein ‹local hero› zu sein ist besser als ein ‹global loser›.»

Mathias Binswanger, 1962 in St. Gallen geboren, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. Der mit eigenen Worten «glücklich Unverheiratete» hält Vorlesungen an Universitäten im In- und Ausland und befasst sich mit Makroökonomik und Finanzmarkttheorie. Er schreibt regelmässig über Wirtschaftsthemen in Wochen- und Tageszeitungen und publiziert Bücher zu diesen Themen. 2006 landete er mit «Die Tretmühlen des Glücks» einen Schweizer Bestseller.

Der vorliegende Text ist die Zusammenfassung eines Referats über «Arbeit, Einkommen und die Tretmühlen des Glücks», das Binswanger an der Jahrestagung 2011 des FAU – Fokus, Arbeit, Umfeld in Luzern gehalten hat.

 

 
 
 

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