der arbeitsmarkt | 01/2012 | Text: Corinne Invernizzi

Mirko Ganarin

Mein Tag als Lerncoach und Mentor

Als ich heute um sechs Uhr aufstand, waren Nico, mein vierjähriger Sohn, und meine Frau bereits auf dem Weg zur Kinderkrippe. Wie gewohnt legte ich mir einen roten Faden der anstehenden Aufgaben zurecht. Um sieben Uhr weckte ich meine Tochter Irina, sie geht in den Kindergarten. Ich arbeite im Schnitt an drei Tagen in der Woche, meine Frau an vier. Die anderen Tage widmen wir uns unseren Kindern, den Aufgaben im Haushalt und unseren Hobbys.

Als Lerncoach unterstütze ich Jugendliche und Firmenangestellte dabei, zu erkennen, dass es verschiedene Wege gibt, ans Ziel zu gelangen. Wichtig ist mir bei meiner Arbeit, dass ich Eltern oder Vorgesetzte mit ins Boot hole. Denn ich bin überzeugt, dass sie das, was sie von ihren Kindern oder Mitarbeitenden fordern, selber vorleben müssen, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Jeder Mensch lernt auf seine eigene Weise. Ein Kind mit schlechten Noten ist nicht dumm, ein langsamer Mitarbeiter nicht faul. Ob ein gestecktes Ziel erreicht werden kann, hängt oftmals nicht von der Kompetenz ab, sondern von der Art, wie etwas präsentiert wird.

Mein Leitspruch lautet: «Gehirn-Benutzer handeln anders als Gehirn-Besitzer». Wissensvermittlung kann einfach sein, wenn die Methode passt. Ein Beispiel: Man kann mit dem Hammer eine Schraube in eine Wand schlagen. Besser geht es, wenn man sie mit einem Schraubenzieher hineindreht. Auch das Gehirn kann man sich als Werkzeug vorstellen, als Denk- und Problemlösungswerkzeug. Der Gehirnbenutzer gebraucht sein «Werkzeug» der Situation angepasst, um effektiv zu sein. Ich helfe meinen Kunden, zu erfahren, wie man sich Wissen hirngerecht erarbeitet, und zu erkennen, dass sie das allein können. Das ist die Aufgabe, die ich mir als Lerncoach gesetzt habe.

Ich habe mich vor fünf Monaten selbständig gemacht und bin oft mit der Bahn unterwegs. Die Arbeit im Zug geniesse ich. Es ist inspirierend: Während die Landschaft an mir vorbeizieht, denke ich über neue Ideen nach. Häufig arbeite ich zwischen Terminen in der SBB-Lounge im Zürcher Hauptbahnhof. Nach der administrativen Arbeit bereite ich mich auf Schulungen oder Vorträge vor. Wie ein Künstler probe ich meine «Auftritte», damit ich überzeugend vorleben kann, was ich mit meinen Kunden erarbeite.

Heute arbeite ich zuhause, denn ich bin für das Mittagessen verantwortlich. Um zwölf Uhr gibt es Gemüsepfanne mit Sojanudeln und Frischkäse. Der Nachbarsjunge isst mit uns. Neben der Ernährung versuche ich, darauf zu achten, dass meine Kinder genügend Bewegung bekommen. Bewegung, komplexe Musik und Sprachenlernen fördern nämlich die Produktion neuer Gehirnzellen, die Neurogenese. Dies ist mit ein Beweggrund, dass ich monatlich das Vater-Kind-Turnen in meiner Gemeinde anbiete. Das Turnen stärkt die Vater-Kind-Beziehung, bietet einen Erfahrungsraum und kurbelt nebenbei die Bildung derjenigen Zellen an, die für das Lernen benötigt werden.

Am Nachmittag treffe ich mich mit einem Schüler, dem ich als Mentor zur Seite stehe. Mit dieser ehrenamtlichen Tätigkeit unterstütze ich das Mentoringangebot «Ithaka» der Berufsberatung des Kantons Zürich. Ich begleite Jugendliche beim Schreiben von Bewerbungen, trainiere mit ihnen Vorstellungsgespräche und finde mit ihnen heraus, was ihre Stärken sind. Jugendliche wissen meistens genau, wo ihre Schwächen liegen, und vergessen dabei, dass sie auch Stärken haben. Ich denke, sie müssen diese kennen und nutzen, um vorwärtszukommen.

Heute Abend nehme ich an einer Elternbildung teil. Mich interessiert, von Eltern zu hören, was sie und ihre Kinder für Schwierigkeiten und Fragestellungen zum Lernen haben. Spät in der Nacht, wenn die Familie schläft, höre ich manchmal Radiopodcasts oder schaue aufgezeichnete TV-Sendungen, oder ich beschäftige mich mit Literatur über Themen, die für mich wichtig sind. Da ich nicht viel Schlaf benötige, lösche ich meist erst um Mitternacht das Licht.

 
 
 

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