der arbeitsmarkt | 01/2012 | Text: Katrin Wahl
Was haben so «urschweizerische» Unternehmen wie Nestlé oder Maggi gemeinsam? Sie wurden von Einwanderern oder ihren direkten Nachkommen gegründet. Heute baut jeder zehnte Migrant in der Schweiz ein Unternehmen auf. Einige davon könnten die Nestlés oder Maggis der Zukunft sein.
Sieht man sich die Liste der 50 grössten Unternehmen der Schweiz an, hat mindestens ein Fünftel etwas gemeinsam: Sie wurden nicht von Schweizern geschaffen. Grosskonzerne wie etwa ABB, Bally, Hero, Knorr, Nestlé, Rolex, Wander haben Gründer mit Migrationshintergrund und ihren Ursprung im 19. Jahrhundert, als Ausländer – die meisten aus den Nachbarländern – hierzulande gern gesehen waren.
Kluge Köpfe wollte das Land haben im Zeitalter der Industrialisierung. «Es gab so viel zu entdecken. Zu dieser Zeit herrschte eine unglaubliche Aufbruchstimmung», sagt Gianni D’Amato, Professor für Migration und Staatsbürgerschaft an der Universität Neuenburg. Händeringend suchten die Unternehmer der neu entstandenen Fabriken nicht nur Arbeiter, sondern auch Ingenieure, um der wachsenden Nachfrage nach industriell hergestellten und somit erschwinglichen Produkten nachkommen zu können.
Das kleine Land Schweiz hatte bei weitem nicht so viele Arbeitskräfte, wie es brauchte. Und so setzte es auf die Politik der offenen Grenzen, wie sie etwa schon die reformierten Kantone in den Jahrhunderten zuvor, bei der Aufnahme der Hugenotten, praktiziert hatten – zum Wohl der Schweizer Wirtschaft und Wissenschaft. An den Universitäten stammte ein Grossteil der Professoren aus anderen europäischen Ländern. Einige der klügsten, aber in ihrem eigenen Staat nicht erwünschten Köpfe bekamen an den eidgenössischen Universitäten die Möglichkeit, zu lehren.
Ein Vorteil für Wandervögel war, dass alle, die im 19. Jahrhundert in die Schweiz einreisten, keine Papiere brauchten. Innerhalb der Grenzen konnten die Ausländer schalten und walten wie Schweizer, solange sie die öffentliche Sicherheit nicht gefährdeten.
Auf der einen Seite strömten daher viele Menschen ins Land, um in Schweizer Industrien zu arbeiten und ein eigenes Unternehmen zu gründen, andererseits wanderten alteingesessene Schweizer Familien nach Amerika aus, weil sie in ihrem eigenen Metier, der Landwirtschaft, ihr Brot verdienen wollten und nicht in den stickigen Industriehallen beim Lärm der Maschinen.
Findige Migranten tüftelten an neuen Techniken und schufen damit die Grundpfeiler der Schweizer Industriegesellschaft. Beste Beispiele sind der Deutsche Henri Nestlé und der Italiener Julius Maggi, die mit Milchpulver und Brühwürfel zur Ernährung der stetig anwachsenden Bevölkerung beitrugen. In der Lebensmittelindustrie schufen weitere Deutsche bekannte Produkte, die heute als «urschweizerisch» gelten, wie Carl Heinrich Knorr mit dem Kartoffelstock «Stocki» und Georg Wander mit der Ovomaltine. In der Schuhbranche reüssierte der innovative Unternehmer Carl Franz Bally, der Sohn eines Österreichers, und die Basler Pharma- und Chemiebranche verdankt ihre Existenz dem Franzosen Alexander Clavel, der in seiner Fabrik Ciba den synthetischen roten Farbstoff Fuchsin produzierte. Nicht zuletzt geht auch der Konzern ABB auf Charles E. L. Brown, den Sohn eines Engländers, und den Deutschen Walter Boveri zurück, die einen Elektrotechnikbetrieb in Baden auf die Beine stellten.
Heute gibt es einen Namen für von Ausländern gegründete Unternehmen in der Schweiz – Ethnic Business. Damit bezeichnet man im deutschsprachigen Raum Geschäfte in allen Branchen, die Menschen mit Migrationshintergrund geschaffen haben. Laut einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) waren im Jahr 2009 knapp zehn Prozent der erwerbsfähigen Menschen mit Migrationshintergrund in der Schweiz selbständig. Sie stellten in ihren Unternehmungen 275 000 Arbeitsplätze zur Verfügung. Und zwar nicht nur in Restaurants und Reisebüros, sondern auch als Liegenschaftsmakler, Informatiker sowie Industrie- oder Bauunternehmer, Wirte oder Hoteliers.
Mehrere Gründe sind verantwortlich dafür, dass das Umfeld für Unternehmer mit Migrationshintergrund im 21. Jahrhundert vergleichbar günstiger ist als im 20. Jahrhundert. Die Migrationsbevölkerung hat sich in den vergangenen 20 Jahren stabilisiert: Die Zahl der Niedergelassenen mit einer C-Bewilligung und die Einbürgerungen wuchsen. Immer mehr Ausländer gehören zur zweiten und dritten Generation, die hier auf die Welt kamen und Schweizer Schulen besuchten. Diese Entwicklung fördert laut Etienne Piguet, Professor für Geographie an der Universität Neuenburg und Mitverfasser der OECD-Studie, die Unternehmensgründung. Für Niedergelassene gelten dieselben Bestimmungen wie für Schweizer. Eine B-Bewilligung reicht nur aus, falls die ausländische Person mit einem Schweizer oder einer Schweizerin verheiratet ist.
Zudem schaffte die Politik im 21. Jahrhundert Hürden ab. Mit dem Personenfreizügigkeitsabkommen aus dem Jahr 2002 erhalten Unternehmer aus der EU eine fünfjährige Aufenthaltsbewilligung. Sie müssen allerdings in einer Probezeit, die sechs bis acht Monate dauert, beweisen, dass sie von ihrer Tätigkeit leben können. Seit 2008 dürfen auch Hochqualifizierte, die aus Nicht-EU-Staaten stammen, ein eigenes Unternehmen in der Schweiz führen, sofern sie damit Arbeitsplätze schaffen.
Das Bundesamt für Migration (BFM) will Unternehmensgründungen von Migranten in der Schweiz fördern. So unterstützt das BFM das Gründungszentrum für Migrantinnen «Crescenda» in Basel, das Kurse für Unternehmensgründer mit Migrationshintergrund anbietet. «Wir sehen diese Unternehmen als Bereicherung der Schweizer Unternehmenslandschaft an», sagt Adrian Gerber, Abteilungschef Integration beim BFM. Die Stadt Zürich hat die Bedeutung des Ethnic Business erkannt und 2008 in zwei Quartieren eine Bestandesaufnahme durchgeführt. Etienne Piguet kommt in seinem OECD-Bericht über das Phänomen in der Schweiz zum Schluss: «Unternehmertum reflektiert vor allem einen Prozess der Integration mit der einheimischen Bevölkerung.»
Tüftler und Tatkräftige gibt es heute wie im 19. Jahrhundert zuhauf. Manchmal ist eine geniale Idee, manchmal einfach ein Mangel im Gastland Grund, dass ein neues Unternehmen entsteht. So wie bei Ghansham Aggarwal, der 1981 in Zürich ein indisches Gewürz nicht finden konnte und es zunächst für sich, dann für seine Kunden importierte. Innerhalb von 30 Jahren florierte sein Unternehmen für Lebensmittel: Der Inder beschäftigt heute 30 Mitarbeitende, besitzt fünf Läden in der Schweiz und drei Produktionsstätten in Indien und Sri Lanka.
Die Personenfreizügigkeit in der Schweiz und der Ruf nach hochqualifizierten Arbeitskräften haben die Schleusen geöffnet. Kluge Köpfe strömen ins Land. Für Migrationsprofessor Gianni D’Amato ist die Situation heute vergleichbar mit der Entwicklung im 19. Jahrhundert. «Rund 50 Prozent der Doktoranden an der ETH oder EPFL sind keine Schweizer. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige davon Unternehmen in der Schweiz gründen.»
Insbesondere in der Spitzenforschung in den Bereichen Chemie oder Biotechnologie könnten neue Industrien entstehen. Die ETH habe in den vergangenen Jahren einige hochinteressante Start-ups von Migranten unterstützt. Da wisse man noch nicht, wo sie in zwanzig, dreissig Jahren stünden. Aber: «Sie alle haben das Potenzial, die Nestlés, Maggis oder Ballys von morgen zu werden.»
| Bally Gegründet 1851 von Carl Franz Bally, Sohn des österreichischen Einwanderers Peter Bally. Produkte: Damen- und Herrenschuhe Heute im Besitz der Labelux Group Branche: Luxusgüterindustrie Umsatz Bally 2007: 373 Millionen Franken Mitarbeitende: nicht bekannt Sitz: Caslano TI www.bally.com Brown, Boveri & Cie. (BBC) Die BBC war ein Unternehmen der Elektrotechnik und wurde 1891 in Baden von Charles Eugene Lancelot Brown, Sohn eines englischen Maschinenkonstrukteurs, und dem deutschstämmigen Walter Boveri gegründet. Durch Fusion mit dem schwedischen Unternehmen Asea Teil des Konzerns ABB. Heute ABB Branche: Energie- und Automationstechnik Umsatz 2010: 31,589 Milliarden US-Dollar Mitarbeitende 2011: 130 000 Sitz: Zürich www.abb.com Ciba, heute Novartis Gegründet 1859 von Alexander Clavel aus Lyon (Frankreich). 1884 in Chemische Industrie Basel umbenannt, ab 1945 offiziell Ciba. Erstes Produkt: Produktion von Fuchsin (synthetischer roter Farbstoff). Heute Novartis Branche: Biotechnologie und Pharmazie Umsatz 2010: 50,6 Milliarden US-Dollar Mitarbeitende 2008: ca. 96 700 Sitz: Basel www.novartis.com Hero 1886 gründeten die beiden Deutschen Gustav Henckell und Gustav Zeiler in Lenzburg AG eine Konservenfabrik. Branche: Nahrungsmittel Umsatz 2008: 1,919 Milliarden Franken Mitarbeitende 2007: 3500 Sitz: Lenzburg AG www.hero-group.ch IWC Florentine Ariosto Jones, ein Uhrmacher aus Boston, Massachusetts, gründete 1868 eine Uhrenfabrik in Schaffhausen. IWC gehört seit 2000 zum Luxusgüterkonzern Richemont. Branche: Uhren Umsatz: nicht veröffentlicht, für 2005 von der NZZ auf 400 bis 500 Millionen Franken geschätzt Mitarbeitende 2011: 650 Sitz: Schaffhausen www.iwc.com Kaba Der in Mannheim geborene Schlosser Franz Bauer gründete 1862 in Zürich eine Schlosserei und Kassenfabrik, bekannt als Kassabauer, kurz Kaba. Bekanntes Produkt: der Wendeschlüssel Branche: Sicherheitstechnologie Umsatz 2009: 1,16 Milliarden Franken Mitarbeitende 2009: 7660 Sitz: Rümlang ZH www.kaba.com Knorr 1838 gründete Carl Heinrich Theodor Knorr in Heilbronn (Württemberg) ein «Specereiwarengeschäft». Um die steigenden Zölle zu umgehen, eröffnete die Firma 1885 eine kleine Abpackstelle in St. Margrethen, die den Schweizer Markt belieferte. Erste bekannte Produkte: Bouillonwürfel und Kartoffelstock «Stocki» Heute Tochtergesellschaft der Unilever Branchen: Nahrungsmittel, Waschmittel und Kosmetika Umsatz Konzern 2009: 39,8 Milliarden Euro Mitarbeitende Konzern 2009: 164 000 Sitz: Thayngen SH www.knorr.ch Maggi 1872 übernahm der italienischstämmige Julius Maggi den väterlichen Mühlenbetrieb in Kemptthal. Erste bekannte Produkte: Fertigsuppen und Brühwürfel Heute gehört Maggi zu Nestlé www.maggi.ch Nestlé Gegründet 1866 von Henri Nestlé, Schweizer Apotheker deutscher Abstammung, in Vevey VD Erstes Produkt: lösliches Milchpulver Branche: Lebensmittel Umsatz 2010: 104,6 Milliarden Franken Mitarbeitende 2009: ca. 278 000 Sitz: Vevey VD www.nestle.ch Patek Philippe 1839 gründeten der polnische Adlige Antoine Norbert Graf de Patek und der französische Uhrmacher Jean-Adrien Philippe in Genf eine Uhrenmanufaktur. Bekannteste Erfindung: die Aufzugskrone, die den bislang üblichen Schlüssel zum Aufziehen der Uhren ersetzte Branche: Uhren Umsatz: nicht veröffentlicht Mitarbeitende 2009: 1300 Sitz: Genf www.patek-philippe.ch Rolex Diese Uhrenmanufaktur wurde 1905 als Importunternehmen für Schweizer Uhren vom Deutschen Hans Wilsdorf in London gegründet. 1912 erfolgte der Umzug in die Schweiz. Branche: Uhren Umsatz 2006: ca. 3 Milliarden Franken Mitarbeitende 2006: ca. 5800 Sitz: Genf www.rolex.com Wander Gegründet 1865 von Georg Wander aus dem deutschen Osthofen als chemisch-technisches und analytisches Laboratorium in Bern. Erstes bekanntes Produkt: Ovomaltine (ab 1904 produziert) Heute Tochtergesellschaft der Associated British Foods (ABF) Branche: Lebensmittel Umsatz Konzern 2010: 8,2 Milliarden Pfund Mitarbeitende Wander 2011: 300 Sitz: Neuenegg BE www.wander.ch |