der arbeitsmarkt | 01/2012 |

Sind Frauenparkplätze breiter?

Um Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen, braucht es keine Sonderregelungen für Frauen. Es genügt, das Gleichstellungsgesetz umzusetzen.

«Wie, was? Frauenparkplätze? Weshalb, wozu? Sind die etwa breiter?», fragte meine jüngste Tochter, als sie die Anschrift zum ersten Mal sah. Seither schmunzle ich darüber und auch über den Vorschlag eines Bloggers, die Frauenparkplätze in «geschützte Parkplätze» umzubenennen, damit sie auch ängstlichen Männern zugänglich würden. Gleichberechtigung ist ja auch für mich ein wichtiges gesellschaftliches und politisches Thema. Allerdings in viel zentraleren Lebenssituationen als im Parkhaus.

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist in der schweizerischen Gesetzgebung verankert, jedoch in vielen Bereichen noch nicht umgesetzt. Seit 30 Jahren sind die Unternehmen verfassungsrechtlich verpflichtet, die Lohngleichheit zwischen weiblichen und männlichen Arbeitnehmenden einzuhalten. Auch das Gleichstellungsgesetz von 1996 verpflichtet alle Arbeitgeber in der Schweiz, Lohndiskriminierungen zu beseitigen. Dort steht geschrieben: «Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dürfen aufgrund ihres Geschlechts weder direkt noch indirekt benachteiligt werden.» Zwar geht wohl der allergrösste Teil der Arbeitgeber davon aus, dass in ihren Betrieben die Lohngleichheit gewährleistet ist. Beim näheren Hinsehen zeigt sich jedoch, dass dem, leider zu oft, nicht so ist. Frauen verdienen durchschnittlich 20 Prozent weniger als Männer. Rund 40 Prozent dieser Differenz sind unbegründet und diskriminierend. Kaderfrauen verdienen sogar bis zu 30 Prozent weniger als Männer. Die Arbeitswelt ist geprägt von typischen Frauen- und Männerberufen. Das Lohnniveau in typischen Männerberufen ist im Vergleich zu Frauenberufen immer noch deutlich höher.

Die Dachverbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und der Bund haben deshalb im März 2009 das Projekt «Lohngleichheitsdialog» gestartet. Der Dialog soll den Unternehmen helfen, den Verfassungsauftrag «gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit» umzusetzen. In einer Zwischenbilanz kamen die Sozialpartner kürzlich zum Schluss, dass die Ergebnisse des Projektes trotz vieler positiver Trends zu mehr Interesse seitens der Unternehmen nicht den erhofften Erfolg brachten. Ausgegangen wurde von jährlich 20 beteiligten Firmen. Im Moment sind es deren 16. Da jedoch eine zunehmende Dynamik bei den interessierten Arbeitgebern festzustellen ist, wollen die Sozialpartner dem Projekt frischen Wind verleihen und sich noch stärker dafür einsetzen, dass in ihren Verbänden der Lohngleichheitsdialog weit oben auf der Prioritätenliste steht.

Aber auch wir Politikerinnen und Politiker sind gefordert. Viele Kandidierende für einen Sitz im Bundesparlament haben in ihren Wahlparolen und -versprechen der vergangenen Monate auch die bessere Umsetzung der Gleichstellung von Frauen und Männern propagiert. An uns Gewählten ist es nun, zusammen mit den Arbeitgebern die nächste Legislatur zu nutzen, um die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt vermehrt sicherzustellen, die Lohnunterschiede zu verringern und schliesslich aufzuheben. Einen Schritt weiter in der Chancengleichheit kommen wir zum Beispiel mit Massnahmen zu besserer Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit. Dazu gehören unter anderem Teilzeitstellen für Frauen und Männer, die Bereitstellung von familienergänzenden Angeboten und Elternurlaube.

In diese Richtung zielt auch eine Motion, die ich letztes Jahr eingereicht habe. Sie verlangt einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub, der durch die EO finanziert wird. Unerwartete und hoffnungsvolle Unterstützung dafür erhielt ich seitens der Jugendsession. Sie hat zuhanden des Parlamentes eine Petition mit gleichem Inhalt verabschiedet. Verschiedenste Unternehmen und Verwaltungen haben auf freiwilliger Basis entsprechende Massnahmen ergriffen. Eine generell gültige Bundeslösung ist daher ein längst fälliger Schritt.

Marianne Streiff, 54, ist Nationalrätin der Evangelischen Volkspartei. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und lebt in Oberwangen bei Bern.

 
 
 

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