der arbeitsmarkt | 01/2012 | Text: Stefan Feuerstein

Stellensuche hinter Gittern

Rund 6000 Menschen sind in Schweizer Gefängnissen inhaftiert. Damit sie nach ihrer Entlassung ein deliktfreies Leben führen können, wird die Wiedereingliederung von Inhaftierten in den Arbeitsmarkt seit einigen Jahren mit Bildungsangeboten und RAV-Kontakten gefördert.

«Ich wurde mehrmals wegen Delikten gegen das Betäubungsmittelgesetz inhaftiert. Dabei kam es immer wieder vor, dass ich ohne jegliche Vorbereitung aus der Haft entlassen, praktisch mit meinen Habseligkeiten vor die Tür gestellt wurde», erzählt Leo Schmid*. Der Weg zurück ins Drogenmilieu sei so jedes Mal vorgezeichnet gewesen; insgesamt fast sechs Jahre verbrachte der 43-jährige Drogenabhängige schon hinter Gittern. Zurzeit schliesst er seine Haft in der neu eingerichteten Austrittsabteilung des Gefängnisses Horgen ab. Hier wird er erstmals intensiv auf die Zeit nach der Haft vorbereitet.

Wie Leo Schmid werden viele Strafgefangene nach ihrer Haftentlassung erneut delinquent, weil ihnen die Rückkehr ins Leben und in die Arbeitswelt nicht gelingt. Im Strafvollzug hat man das Problem vor einigen Jahren erkannt. Der Blick richtet sich nun vermehrt auf die Zeit nach der Haftentlassung, und mit entsprechenden Massnahmen werden Insassinnen und Insassen während ihrer Haft auf die Zeit danach vorbereitet. Die Angebote der Gefängnisse und Justizvollzugsanstalten sind jedoch sehr unterschiedlich und reichen von vereinzelten Massnahmen bis zu einem breiten Bildungsangebot.

«Arbeit schützt zwar nicht vor Kriminalität. Die Rückfallquote ist jedoch viel höher, wenn man nach der Haftentlassung zum Sozialamt gehen muss», weiss Urs Weibel, Leiter des Sozialdienstes der Strafanstalt Schöngrün in Solothurn. «Manche Inhaftierte haben keinen Schulabschluss, einige können nicht einmal schreiben.» Überzeugt von Bildungsprogrammen in Kanada, prüfte eine kleine Gruppe von Anstaltsleitungen 1999, ob solche Programme auch in schweizerischen Vollzugseinrichtungen angeboten werden könnten. Eine Umfrage in den Anstalten machte deutlich, dass der Aufbau eines Angebots an Grundbildung nötig war.

Selbstbewusst und motiviert

Schliesslich übernahm das Arbeiterhilfswerk Zentralschweiz die Ausarbeitung eines Bildungsprogramms, das auf die Wiedereingliederung von Straftätern nach ihrer Haftentlassung ausgerichtet ist – ohne finanzielle Unterstützung des Bundes. Auftraggeberin war die Drosos-Stiftung, die sich für die Würde des Menschen in jeder Situation einsetzt. Gleichzeitig mit fünf weiteren Anstalten wurde in Schöngrün das Projekt «Bildung im Strafvollzug» (BiSt) gestartet. In der Pilotphase zwischen August 2007 und Dezember 2010 nahmen rund 1157 Insassinnen und Insassen teil. Insgesamt neun Lehrpersonen begleiteten jeweils sechsköpfige Gruppen während eines halben Tags pro Woche; die übrige Zeit standen die Insassinnen und Insassen unverändert in einem der Gefängnisbetriebe im Einsatz.

Im Schulzimmer hinter Gittern stehen zum einen Fächer aus der Grundschule wie Deutsch und Mathematik auf dem Lehrplan. Andererseits werden die Teilnehmenden auch ihren Fähigkeiten entsprechend individuell betreut. «Mit jedem Gefangenen erstellen wir ein Bewerbungsdossier. Daneben ist die Hilfe sehr persönlich und reicht von der Alphabetisierung – auch von Schweizern – bis zur Schuldensanierung», berichtet Urs Weibel. «Sie sollen mit mehr Wissen, aber auch gestärktem Selbstvertrauen aus der Haft entlassen werden. Viele lernen Lob und Dank erst hier kennen.»

Die Rückmeldungen der BiSt-Teilnehmenden stimmen Weibel positiv. «Einige wenige Insassen hatten zwar anfangs Bedenken oder gar Angst vor dieser Schulerfahrung. Mittlerweile sind sie aber begeistert von diesem Bildungsangebot, und es gibt eine Warteliste von Personen, die möglichst schnell auch davon profitieren wollen.»

Doris Schüepp leitet die Fachstelle Bildung im Strafvollzug des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks. Sie bestätigt die grosse Motivation der Teilnehmenden. «Der Schulstoff wird ihnen so vermittelt, dass Bildung zum positiven Erlebnis wird. Hinzu kommt, dass sie mit mehr Grundwissen und besseren sprachlichen Fähigkeiten bei der Arbeit besser sind.» Davon liessen sich auch die Justizdirektoren der Kantone überzeugen. Seit Januar 2011 finanziert die öffentliche Hand die Grundbildung im Gefängnis und kommt damit der Vorgabe des revidierten Strafgesetzbuches nach, wonach Arbeit und Bildung im Gefängnis gleichgestellt sind. Zudem wird die Anzahl teilnehmender Anstalten bis 2015 auf 27 erhöht.

RAV-Kontakte im Vollzug

Dass die angebotenen Massnahmen sehr unterschiedlich sind, zeigt ein Blick ins Gefängnis Horgen. Nachdem die Jugendabteilung Mitte 2010 ins Gefängnis Limmattal verschoben wurde, beschritt Gefängnisleiter Max Hänni mit seinem Team einen in der Schweiz in diesem Ausmass einzigartigen Weg: Er ermöglichte die Zusammenarbeit zwischen einem Gefängnis und einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV). In der neu eröffneten Austrittsabteilung können Insassen, die kurz vor der Haftentlassung stehen, am Projekt AGIL teilnehmen, das ihnen einen besseren Umgang mit den Anforderungen des Lebens in Freiheit ermöglichen soll.

AGIL steht für «Auf gehts ins Leben», ein Durchgang dauert acht Wochen. In dieser Zeit arbeitet die Gruppe halbtags. Am anderen Halbtag nehmen die Teilnehmenden an verschiedenen Unterrichtslektionen teil, von Budget- und Versicherungsfragen über Sport bis hin zu Haushaltsführung. Den Unterricht leiten überwiegend Aufsichts- und Betreuungspersonen, die ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden, denn für das Projekt stehen praktisch keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung. Zudem werden damit versteckte Talente der Mitarbeitenden genutzt. Während der arbeitsfreien Tagesstunden steht die Abteilung offen. Die Inhaftierten kochen in der gemeinsamen Küche und erledigen auch ihre Wäsche selber. So soll ihre Eigenständigkeit aktiviert werden.

Fester Bestandteil des Wochenprogramms ist ein Gespräch mit einem RAV-Berater. Fünf Mitarbeitende des RAVs Thalwil wurden für diese spezielle Aufgabe geschult, damit die Sicherheitsbestimmungen eingehalten und der Persönlichkeits- und Datenschutz gewährleistet sind. Nach einer Informationsveranstaltung, an der die Gruppe kollektiv teilnimmt, werden die AGIL-Teilnehmenden innerhalb der Gefängnismauern individuell beraten. Daneben haben die Inhaftierten die Möglichkeit, per Internet nach Arbeit zu suchen. AGIL brachte bereits erste Erfolge. «Einige Stellen konnten schon vermittelt werden; die Verbesserungen sind aber auch in anderen Punkten offensichtlich», sagt Gefängnisleiter Max Hänni. «Durch den Umgang miteinander werden soziale Strukturen gestärkt, die Motivation der Teilnehmer für die Zeit nach der Haft ist deutlich zu spüren.» Mitte Oktober 2011 beendeten die ersten Teilnehmenden das Programm; seit Anfang November nimmt eine zweite Gruppe an AGIL teil. Bereits haben auch andere Gefängnisse ihr Interesse am Programm bekundet.

Dass AGIL den Austritt erleichtert, bestätigt auch der Insasse Leo Schmid: «Ich habe zwar noch keine Stelle gefunden, bin aber froh, für die Zeit nach der Haft den Kontakt zum RAV zu haben. Zudem konnte ich bereits riesige Fortschritte in der Drogentherapie erzielen. Das motiviert mich, ich blicke zuversichtlich in die Zukunft.»

 

 
 
 

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