der arbeitsmarkt | 11.01.2012 | Text: Peter Jeck
pj. Ein bisschen wie Monopoly – aber mit ernsthaftem Inhalt: Mit der Wirtschaftssimulation «Napuro» lernen Studierende auf spielerische Weise, wie Nachhaltigkeit und unternehmerisches Handeln unter einen Hut gebracht werden können.
Im Spiel die Folgen wirtschaftlichen Handelns erkennen – und daraus lernen. Foto: Peter Jeck
Diesen Montagmorgen verbringen sie mit Spielen. 18 junge Männer sitzen je zu dritt an einem Tisch, vor sich ein Spielbrett, ein Kartongebäude, Spielmarken und -steine, einen Tresor: Gespielt wird Management im Jahr 2017.
In der Zentrale von «Clean-Busters» fällt die Geschäftsleitung nach längerer Diskussion den Entscheid, in die Entwicklung eines ökoeffizienten Putzroboters zu investieren. Die Kartongebäude auf den Tischen stellen Fabriken dar, wo Firmen mit Fantasienamen wie «Eco-Bot», «i-Robot» und «Roboclean» Haushaltsgeräte der übernächsten Generation produzieren.
Im Planspiel «Napuro» geht es weniger um Spass als vielmehr ums Lernen. Die virtuellen Firmen akkumulieren dann am meisten «Klötze», wenn sie die richtigen unternehmerischen Entscheide treffen. Die Klötze stellen Cash, Gewinn und Reputation dar. Richtig sind die Entscheidungen dann, wenn sie unternehmerisch nachhaltig sind.
Der Begriff «Nachhaltigkeit» wird im dabei im umfassenden Sinne der Brundtland-Definition für nachhaltige Entwicklung verwendet (siehe Kasten). Eine Entwicklung gilt als nachhaltig, wenn sie die «B&B-Kriterien» berücksichtigt: Bedürfnisse müssen für alle heute und in Zukunft lebenden Menschen gedeckt sein, wobei Grundbedürfnisse vor Luxusbedürfnissen Vorrang haben. Und: Globale Begrenzungen für die Bereitstellung von Energie und Ressourcen und die Aufnahme von Abfällen sind in der Produktion zu respektieren.
Die jungen Männer, die an diesem Morgen in einem Schulraum der Fachhochschule Nordwestschweiz Brugg das Planspiel Napuro testen, sind Studenten im fünften Semester des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen. Als Spielleiter fungiert Markus Ulrich, Dozent für Nachhaltiges Management. Er hat das neue Simulationsspiel in seiner Firma UCS Ulrich Creative Simulations entwickelt.
Napuro geht von dem Umstand aus, dass das Konzept der unternehmerischen Nachhaltigkeit im Sinne der nachhaltigen Entwicklung den wenigsten richtig klar ist. Gerade in der Wirtschaft fehlt dieses Wissen, und die Unternehmen können dieses Potenzial für den eigenen Betrieb nicht Nutzen stiftend einsetzen.
Die zukünftigen Wirtschaftingenieure sollen besser gerüstet sein. Wenn Ulrich die Spielanlage erklärt, muss er nicht bei Null beginnen, denn die Studenten – Frauen sind keine dabei – sind mit den theoretischen Grundlagen nachhaltigen Managements bereits vertraut. Das komplexe Spiel soll ein Instrument für praxisnahe Strategieentwicklung und wirkungsvolles Lernen sein.
«Die Studierenden lernen ein klares Modell für unternehmerische Nachhaltigkeit kennen. Damit können sie die vielen Begriffe, Konzepte und konkreten Umsetzungen unternehmerischer Nachhaltigkeit einordnen», erklärt Ulrich. So sollen die Lernenden die verschiedenen Faktoren in Interaktion sehen, Wechselwirkungen erleben und die Folgen ihres Handelns in Gestalt unerwarteter Effekte. Sie erleben im Simulationsspiel, wie unternehmerische Nachhaltigkeit zur Risikovorsorge beiträgt und neue Chancen eröffnet.
Die drei Spieler übernehmen während der sechs Geschäftsjahre Rollen als Vorsitzender, Marketingleiter oder Beobachter. Als Mitglieder der Geschäftsleitung sollen sie ihre Firma in eine gesicherte Zukunft führen. Dazu gehört, einen Gewinn zu erzielen und die Produkte laufend weiterzuentwickeln. Und sie sollen Chancen und Risiken in den Bereichen soziale Verantwortung und Ökologie frühzeitig erkennen und nutzen, um den Geschäftserfolg langfristig zu sichern.
Während jedes Geschäftsjahrs hat die Geschäftsleitung Massnahmen zu evaluieren und umzusetzen. Sie muss auf Ereignisse reagieren, zum Beispiel steigende Energiepreise oder neue gesetzliche Vorschriften, und die Putzroboter produzieren, bewerben und verkaufen. Trifft die Geschäftsleitung kluge Entscheide, kommt sie am Ende des Geschäftjahres auf einen neuen B&B-Level. Die fünf Levels sind: 1. Profit machen (soziale Verantwortung), 2. Gesetze anerkennen (rechtliche Verantwortung), 3. Verantwortung betriebsintern übernehmen, 4. Verantwortung gegenüber der Gesellschaft lokal und global übernehmen und 5. B&B-Sinnstiftung.
Drei Stunden haben an diesem Morgen, wo Spielentwickler Ulrich sein Planspiel erstmals einsetzte, nicht gereicht, um sechs Geschäftsjahre zu simulieren. Wenn er Napuro künftig in Workshops, Ausbildungsgängen, an Events und in der Weiterbildung einsetzt, wird er wohl etwas mehr Zeit dafür einrechnen. Eindrücklich ist, wie rasch die Studierenden das Spiel begriffen haben, wie schnell sie es angingen und wie konzentriert sie es vorwärts trieben.
Dabei war das Niveau unter den Teams sehr ausgeglichen. Student David Suter fand es spannend, die Ressourcen im Planspiel überlegt einzusetzen. Er hält Napuro für ein hilfreiches Lernmittel, findet aber, dass die Mitberücksichtigung der finanziellen Aspekte und der Produktionskosten das Spiel realitätsnäher machen würden.
Haben die Spieltester an diesem Morgen auch Spass gehabt? Gelacht wurde wenig. Rivalisierende Neckereien von Firma zu Firma gab es durchaus. Hauptsächlich aber spürte man Seriosität und Ehrgeiz. Es geht ja um viel: Um Gewinn. Nachhaltigen Gewinn. Für alle.
Brundtland-Definition der nachhaltigen EntwicklungEine unabhängige Sachverständigenkommission unter dem Vorsitz der ehemaligen dänischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland hatte von den Vereinten Nationen 1983 den Auftrag bekommen, einen Perspektivenbericht zu langfristig tragbarer, umweltschonender Entwicklung im Weltmassstab zu erarbeiten. Im 1987 erschienenen Bericht «Our Common Future» der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung («Brundtland-Kommission») wurde erstmals der Begriff «nachhaltige Entwicklung» verwendet. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung definierte die Kommission in ihrem Bericht auf zwei Arten: 1. «Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.» 2. «Im Wesentlichen ist dauerhafte Entwicklung ein Wandlungsprozess, in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potential vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen.» (Quelle: Wikipedia) |