der arbeitsmarkt | 19.01.2012 | Text: Sandra Kyburz
sk. Die Internetplattform Ostendis bietet die Möglichkeit, individuelle Bewerbungswebsites zu erstellen – ohne Kenntnisse in Informatik oder Webdesign. Das Angebot geizt auch nicht mit Beispielen und Tipps für die Stellensuche. Was taugt das Bewerbungssystem Ostendis?
In gestalterischen, kreativen Berufen spielen Arbeitsproben bei Bewerbungen eine zentrale Rolle. Man kann nicht erwarten, dass sich ein zukünftiger Arbeitgeber nur aufgrund eines Diploms für einen entscheidet.
Mehr als Zeugnisse belegen Texte, Fotografien oder Filmbeiträge die Kompetenzen der stellensuchenden Person. Die Frage, die wohl die meisten aus diesen Berufskreisen beschäftigt: Wie gross darf ein solches Portfolio sein?
Naheliegend ist in Zeiten von Web 2.0, all seine kreativen Arbeiten und Qualifikationen ins Netz zu stellen. Ein Internetauftritt ist kostengünstiger und um ein Vielfaches vollständiger als die alte Bewerbungsmappe. Porto- und Kopierkosten entfallen, und verloren gehen kann das Portfolio auch nicht – sofern man sein Backup regelmässig laufen lässt.
Nur können die Wenigsten auf Kenntnisse im Homepage-Design zurückgreifen. Die Idee, sein Portfolio online zu stellen, scheitert daher meist schon ganz am Anfang. Im Netz sind zwar kostenlose Content-Management-Systeme zu finden, die eine riesige Auswahl von Website-Vorlagen offerieren. Doch müssen diese Angebote erst auf dem eigenen Computer installiert werden, und Anpassungen am Design sind anspruchsvoll.
Alternativen zur eigenen Homepage bieten Kontaktplattformen wie Xing, Linkedin oder Experteer. Dort kann man seine persönlichen Informationen eingeben und sich mit Freunden und Bekannnten verlinken. Aber die Plattformen sind als Businessnetzwerke ausgelegt und für gestalterische Berufe weniger geeignet.
Sein gesamtes Arbeitsportfolio auf einer solchen Kontaktplattform online zu stellen, ist meist nicht möglich. Bei Xing kann man zum Beispiel nur drei PDF-Dateien zu je zwei Megabite Grösse speichern. Das reicht nicht aus, um einen Gesamtüberblick zu bieten.
Seit Januar 2011 gibt es mit Ostendis ein weiteres Online-Bewerbungssystem in der Schweiz. Betrieben wird die Plattform von der Firma Auridia GmbH im aargauischen Boniswil. Das System kommt mit einem einfachen und verständlichen Layout aus. Ziel von Ostendis: einem Stellensuchenden ohne besondere Informatikkenntnisse die Möglichkeit geben, personalisierte Bewerbungswebseiten zu erstellen.
Das Angebot, mit dem Ostendis die Konkurrenz ausschaltet, ist die Möglichkeit, dass man für jede Stelle, für die man sich bewirbt, eine eigene Homepage erstellt. So bekommt der Personalverantwortliche einen Link, der ihn auf eine speziell auf ihn zugeschnittene Bewerbungsseite führt.
Ein weiterer Vorteil: Das Angebot von Ostendis ist kostenlos. Premiummitgliedschaften bei Xing oder Experteer kosten hingegen zwischen 85 und 100 Franken.
Bevor man private Informationen wie ein Bewerbungsdossier ins Netz stellt, ist es ratsam, die Datenschutzbestimmungen des Anbieters genau zu lesen. Ostendis hält in seinen Bestimmungen fest, dass die persönlichen Daten «niemals verkauft, verliehen, weitergegeben, wiederverwendet oder anderweitig vergeben werden».
Im selben Dossier wird aber darauf hingewiesen, dass die Informationen zwar streng vertraulich behandelt werden, jedoch «bestimmte persönliche Daten unseren Mitarbeitern zur Verfügung stehen müssen». Welche Daten das genau sind, wird nicht näher erklärt. «Diese Informationen werden bestimmt nicht an Dritte, wie zum Beispiel Headhunter, weitergegeben», versichert Philippe Moser, Geschäftsleiter der Auridia GmbH, der Betreiberin der Plattform Ostendis.
«Wir haben das Bewerbungssystem Ostendis nun rund vier Jahre aufgebaut und sind seit einem Jahr online. Würden wir den Datenschutz nicht genau einhalten, würden wir uns selbst ins Abseits manövrieren», erläutert Moser weiter.
Ebenfalls von Interesse für eine stellensuchende Person mit knappem Portemonnaie ist die Frage, was die Ostendis-Betreiberin für ihren Dienst verlangt. In den FAQs findet sich die Antwort: «Die Nutzung des Ostendis Bewerbungssystems und des Bewerbungsassistenten ist und bleibt für Sie als Bewerber/-in 100% kostenlos.» Moser bestätigt auf Anfrage die Gratisnutzung.
«Am Anfang war geplant, gewisse Dienste kostenpflichtig zu machen. Diese wurden jedoch nur wenig genutzt. Deshalb haben wir uns dem Internetgeschäft angepasst und uns für den Gratiszugang entschieden. Daher finanziert sich Ostendis momentan noch nicht selbst.»
Es sei geplant, auch ein Bewerbungssystem für Arbeitgeber anzubieten. Man arbeite zurzeit intensiv daran. Dieses werde aber nicht mehr gratis sein, so Philippe Moser. Man hoffe, dass sich Ostendis damit selbst finanzieren könne.
Die Erwachsenenbildnerin und Bewerbungsfachfrau Lydia Kölbener arbeitet bei der bernischen Schreibwerkstatt und Beratung «Bewerbungsprofi.be». Die Werkstatt wird von der Stiftung Arbeitsgestaltung in Uster geleitet und nutzt das Bewerbungstool Ostendis. Kölbener findet es sinnvoll, sich mit Ostendis auseinanderzusetzen.
«Wir begleiten in unserer Werkstatt Stellensuchende beim Bewerbungsprozess und arbeiten seit letztem Herbst auch mit dem Bewerbungssystem Ostendis zusammen. Wir empfehlen unseren Kandidaten, mehrere Bewerbungskanäle gleichzeitig zu bedienen. Man kann so ein ausgewogeneres Profil von sich erstellen», erklärt die Erwachsenbildnerin.
Auch die Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf des Kantons Aargau, Ask!, verweisen auf ihrer Website und in einem darauf aufgeschalteten Dossier auf Ostendis. Doch im Beratungsalltag wird kaum auf das Produkt zurückgegriffen, da es den meisten Coaches nicht bekannt ist, wie Martin Ziltener, Abteilungsleiter beim aargauischen Beratungsdienst, erklärt.
«Da wir unsere Kandidaten nur beim Bewerbungsprozess begleiten, können wir keine spezifischen Erfolgsstorys liefern», erklärt Lydia Kölbener das Fehlen von Erfahrungswerten. Negative Kritik äusserten die beiden angefragten Coachingprofis jedoch keine.
Die Betreiberin der Bewerbungsplattform sieht aber noch Potential zur Verbesserung. «Es gibt zwei oder drei kleine Schwachpunkte, das gebe ich zu», erklärt Moser. So sei die Bewerbungsplattform bei Personalverantwortlichen noch nicht breit bekannt. Das E-Mail mit dem Absender «Ostendis Bewerbung» landet so möglicherweise direkt im Papierkorb.
Darüber hinaus sehe der im Bewerbungsmail mitgesandte Link für den einen oder anderen wegen seiner Länge «gefährlich» aus. Das könnte Empfänger davon abhalten, die Bewerbungswebsite zu öffnen.
«Wir sind aber laufend daran, Verbesserungen anzubringen. Wir sind auch für jedes Feedback dankbar», erklärt Moser. «Da wir mitten in der Entwicklungsphase für das Arbeitgebertool sind, stehen wir auch im Kontakt mit Stellenvermittlern und Personalverantwortlichen, um ihre Bedürfnisse abzuklären.»
So seien sie natürlich dem einen oder anderen HR-Verantwortlichen inzwischen bekannt. Zudem habe man mit einem dezenten Marketing begonnen. «Das führt dazu, dass wir inzwischen auch Anfragen von Arbeitgebern haben, die sich für Ostendis interessieren», freut sich Philippe Moser.
Ein Tool, mit dem man seine eigene Bewerbungswebsite mit wenigen Klicks erstellen kann, ist eine Bereicherung. Zudem ist die Plattform einfach strukturiert, beinahe selbsterklärend und auch für Laien leicht zu handhaben.
Da aber Ostendis bei Beratungsdiensten, Personalverantwortlichen und Arbeitgebern noch wenig bekannt ist, ist es unbedingt nötig, dass man den klassischen Weg geht – sprich nach Versenden der Bewerbung zum Telefon greift und beim potenziellen Arbeitgeber nachfragt, ob das E-Mail angekommen ist.
Die Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung der Bewerbung sind auf Ostendis äusserst beschränkt. Wer sich aber daran stört, der wird seine ganz persönliche Bewerbungswebsite wohl mit einem anderen Anbieter gestalten.
OstendisOstendis ist ein modernes Betriebssystem, das von der Firma Auridia GmbH aus Boniswil AG betrieben wird. Stellensuchende können auf Ostendis kostenlos mit wenigen Mausklicks eine individuelle Homepage erstellen – mit Lebenslauf, Fotos, Bewerbungsschreiben und weiteren Daten. Nach einem Jahr online können sich die Betreiber über 5032 Mitglieder und rund 11 000 Bewerbungen freuen. Zurzeit ist ein Bewerbungssystem für Arbeitgeber in Planung. |