der arbeitsmarkt | 25.01.2012 | Text: Benjamin Hämmerle

Mit Bewegungsturnen zu neuem Selbstbewusstsein

bh. Stellensuchende in Beschäftigungsprogrammen sollen nicht nur fachlich, sondern auch körperlich fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. Die Unfallversicherung Suva hat zu diesem Zweck ein massgeschneidertes Aufwärm- und Bewegungsprogramm entwickelt.

Mit Bewegungsturnen zu neuem Selbstbewusstsein
Bewegungspause in einem Beschäftigungsprogramm. Foto: Suva

Montagmorgen, zehn vor acht in einem Gewerbeareal am Rand von Sursee. Es ist ein unfreundlicher Wintertag Ende Januar. Aus schwarzen Wolken fällt Nieselregen, die Luzerner Alpen zeichnen sich erst undeutlich am Horizont ab. Im Caritas Bauteilmarkt erscheint eine Gruppe von Männern mittleren Alters zum Morgenappell. Es sind die Teilnehmer eines Beschäftigungsprogramms für Arbeitslose, das Caritas Luzern im Auftrag des kantonalen Arbeitsamtes durchführt: Schlosser, Velomechaniker, Lageristen und andere Handwerker. Im Bauteilmarkt nehmen sie gebrauchte Möbel, Elektrogeräte, Fahrräder und Baumaterialien in Empfang, reparieren sie bei Bedarf und bereiten sie für den Wiederverkauf im betriebseigenen Brockenhaus vor.

Heute sind alle pünktlich. «Zum Aufwärmen gehen wir rüber ins Brocki», verkündet Caritas-Mitarbeiter Thomas Stalder betont gut gelaunt. Er leitet die Abteilung Arbeitsintegration bei Caritas Sursee. Zwischen Stühlen und Tischen, die auf der Ladenfläche zum Verkauf stehen, positionieren sich die rund 15 Kursteilnehmer in einem Halbkreis um Kursleiter Hans Studer, der heute den Job des Vorturners übernimmt. «Wir halten die Arme waagrecht und kreisen sie langsam nach vorn», beginnt Studer, «gut, jetzt auf die andere Seite.» Arme, Oberkörper, Nacken und Oberschenkel werden gedehnt, der Kreislauf mit leichten Aufwärmübungen in Schwung gebracht. Die Männer machen diszipliniert mit. Helle Begeisterung spricht nicht gerade aus ihren Gesichtern, aber es ist ja auch erst acht Uhr morgens. Nach gut fünf Minuten werden sie in den Arbeitstag entlassen.

Gesundheit fördern und Kosten sparen

Das morgendliche Warm-Up, das die Teilnehmer des Caritas-Beschäftigungsprogramms täglich absolvieren, geht auf eine Initiative der Schweizerischen Unfallversicherung Suva und des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO zurück. Am Anfang stand die Erkenntnis, dass Arbeitslose sich weniger bewegen als Berufstätige und höhere Kosten verursachen, wenn sie verunfallen. Die Suva suchte darum nach Mitteln, Stellensuchende dazu zu bringen, sich körperlich mehr zu betätigen.

In Zusammenarbeit mit Caritas Luzern entstand in der Folge das  Aufwärm- und Bewegungsprogramm «Bewegung bringt’s». Das Hilfswerk bietet in Sursee und Littau mehrere Beschäftigungsprogramme für Stellensuchende an. «Wir haben bereits früher Bewegungsturnen als Programmbestandteil etabliert, darum waren wir dem Projekt der Suva gegenüber sehr aufgeschlossen», erklärt Thomas Stalder.

Die täglichen Aufwärm- und Bewegungsübungen sollen die körperliche und geistige Fitness der Stellensuchenden in den Beschäftigungsprogrammen steigern. Das Ziel ist es, die Anfälligkeit für Krankheiten und Unfälle senken und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Während einer Pilotphase von März bis September 2011 integrierte Caritas die Übungen in ihre Beschäftigungsprogramme. In Programmen handwerklicher Ausrichtung lag der Fokus auf Aufwärmübungen vor Arbeitsbeginn, in den programmübergreifenden Weiterbildungsmodulen  wurden aktive Bewegungspausen durchgeführt.

Positives Fazit

Die Projektverantwortlichen bei Suva und Caritas ziehen ein durchwegs positives Fazit aus dem Pilotversuch. «Unsere Programmteilnehmer wirken beim Eintritt manchmal etwas gedrückt und unbeweglich in ihrer Körpersprache», sagt Thomas Stalder. «Durch die täglichen Bewegungsübungen werden sie mit der Zeit lockerer und selbstbewusster. Das wirkt sich natürlich auch in einem Bewerbungsgespräch positiv aus.»

Ähnliche Beobachtungen hat auch Mirjana Canjuga, Fachspezialistin Betriebliches Gesundheitsmanagement der Suva, gemacht: «Manche Leute trauen sich zu Beginn nur wenig zu. Aber schon nach einer Woche sind sie in der Lage, alle Übungen mitzumachen.» Auch die Rückmeldungen der Kursteilnehmer sind gemäss Stalder und Canjuga fast ausschliesslich positiv. «Die Leute sagen, sie würden eine Wirkung spüren und seien motiviert, mitzumachen», sagt Canjuga.

Ausweitung geplant

Wegen der guten Erfahrungen hat Caritas entschieden, das Beschäftigungsprogramm nach Ende der Pilotphase weiterzuführen. Aktuell wird es zwar nur im Bauteilmarkt in Sursee angeboten, doch wird der ganze Bereich Arbeitsintegration der Caritas die Programme wiederaufnehmen, wie Canjuga weiss. Die Suva plant derweil eine Ausweitung auf andere Beschäftigungsprogramme – auch ausserhalb des Kantons Luzern. «Meine Wunschvorstellung ist, dass unser Bewegungsprogramm auf alle Beschäftigungsprogramme und Kurse für Arbeitslose in der Schweiz ausgedehnt wird», sagt Mirjana Canjuga.

Zurzeit läuft jedoch noch eine Evaluationsphase, während der die Projektverantwortlichen herausfinden wollen, welche Faktoren für die Umsetzbarkeit des Programms und für die Akzeptanz bei den Kursteilnehmenden entscheidend sind. Zentral ist nach Ansicht von Mirjana Canjuga die Rolle der Vorturner: «Sie müssen motiviert sein und sich mit dem Bewegungsprogramm identifizieren. Das überträgt sich auf die Kursteilnehmer.» Zudem sei wichtig, dass die Übungen einfach seien und sich die Teilnehmer dafür nicht umziehen müssten: «Hochleistungssportübungen würden abschrecken.»

Ob tatsächlich alle Kursteilnehmer Freude an der verordneten Bewegung haben, ist an diesem trüben Januarmorgen in Sursee nicht festzustellen. Zumindest diejenigen, die sich nach dem Aufwärmen bereit erklären, ein paar Fragen zu beantworten, scheinen jedoch vom Nutzen überzeugt. «Ich habe im Fernsehen gesehen, dass in japanischen Firmen solche Turnübungen durchgeführt werden» meint beispielsweise Velomechaniker Erwin Rölli. «Ich finde es sehr positiv, dass man so etwas auch bei uns einführt. Mir tut es gut, mich am Morgen vor der Arbeit etwas zu lockern.» Grundsätzlich positiv eingestellt ist auch Werner Ammann, Schlosser von Beruf. Einen Einwand hat er aber: «Die Übungen könnten noch etwas mehr Pepp vertragen. Mit Musik würden sie mir noch besser gefallen.»

 
 
 

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