der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Arnold Fricker

Mit dem Erlebnischarakter im Trend

Nach einem hundertjährigen Verbot wurde die Kräuterspirituose Absinth 2005 in der Schweiz «entkriminalisiert». Die Produktion hat sich seither vervielfacht und neue Arbeitsplätze generiert. Die Heimat des Absinths, das neuenburgische Val de Travers, hofft, vom positiven Image auch wirtschaftsstrategisch zu profitieren.

Prohibition: Ein Reizwort, das für das Alkoholverbot von 1919 bis 1933 in den USA und vor allem für die kriminellen Folgen der Illegalität steht. Die Schweiz ist nicht die USA. Bandenkriege um den verbotenen Absinth gab es keine. Doch auch hier hat das Verbot den Konsum nicht gestoppt.

Blenden wir zunächst zurück: Der Absinth hat seine Ursprünge im 18. Jahrhundert im Val de Travers im Kanton Neuenburg, wo er primär als Heilelixier gegen Magenbeschwerden verwendet wurde. Richtig populär wurde er ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich und dank «Vorbildern» wie Paul Gauguin, Vincent van Gogh oder Oscar Wilde schliesslich global ein Begriff. Doch bald hiess es, er verursache schwere geistige und körperliche Störungen. In der Folge wurde er in vielen Staaten verboten. In der Schweiz zündete 1905 ein Vorfall in der Waadt die legislatorische Lunte: In einem Wutanfall, den man auf den Absinthkonsum zurückführte, ermordete ein Winzer seine Frau und seine beiden Töchter. Dass der Täter auch reichlich Wein konsumiert hatte, wurde im Winzerkanton «übersehen». Eine Volksinitiative setzte 1910 das Absinthverbot in der Bundesverfassung fest. Das Getränk überlebte dennoch – in aller Heimlichkeit. In neuerer Zeit stellte die Wissenschaft fest, dass die Gesundheitsschäden von einst auf die schlechte Qualität des Alkohols und den hohen Konsum zurückzuführen waren. Der Absinth war entdämonisiert, ein Umdenken setzte ein. Seit 2005 ist dessen Herstellung und Verkauf in der Schweiz wieder erlaubt.

Vervielfachte Produktion

Seither sind die Produktionszahlen gestiegen. Jean-Nathanael Karakash, für die Wirtschaft zuständiger Gemeinderat in der Gemeinde Val-de-Travers, nennt die Zahl von über 1000 Personen, die vor dem Verbot im Tal in der Absinthproduktion tätig gewesen seien. Während des Verbots hätten noch etwa zehn Personen Geld gegen Absinth unter der Hand getauscht. Heute gibt es rund zwanzig offizielle Produzenten, darunter zwei, die voll davon leben. Die Nummer zwei hinter Blackmint Kübler & Wyss ist Claude-Alain Bugnon von der Destillerie Artemisia in Couvet. Er bestätigt die Schätzungen. Heute werde im Val de Travers etwa vier bis fünf Mal mehr Absinth hergestellt als während des Verbots. Natürlich wisse man es für die Zeit vor 2005 nicht genau, doch lieferten die (legalen) Verkäufe von reinem Alkohol und Kräutern in den Apotheken brauchbare Hinweise.

Seit 2005 kennt die Eidgenössische Alkoholverwaltung die Produktionszahlen, da es für das Betreiben einer Destillerie eine amtliche Bewilligung braucht. 614 Hektoliter Absinth (umgerechnet auf 100 Volumenprozent) waren es 2005 in der Schweiz. Das Jahr diente nicht zuletzt dazu, die Lager zu füllen, was die leichte Baisse mit 485 Hektolitern im Jahr darauf erklärt. Es folgte eine gewaltige Steigerung in nur zwei Jahren auf 1362 Hektoliter. Dieser Boom sei vor allem dem Export in die USA zu verdanken gewesen, erklärt Marc Gillieron, zuständiger Verantwortlicher bei der Alkoholverwaltung. 2009 folgte ein ebenso rapider Einbruch auf 598 Hektoliter – die Finanzkrise in den USA liess auch auf diesem Feld grüssen. Im Übrigen, so Gillieron, sei die Zahl der hier nicht erfassten Schwarzbrenner ähnlich marginal wie bei anderen Spirituosen.

Streit um Herkunftsschutz

Eine stetig sanft steigende Produktion erwartet Bugnon für seine Branche in der Zukunft. Der Heimmarkt gelte, gerade angesichts des billigen Euros, als wichtige Basis. Man setzt vor allem auf die Deutschschweiz, wo zwar zwei Drittel der nationalen Bevölkerung leben, aber erst 40 Prozent der nationalen Absinthkonsumenten. Doch auch der Export bleibt im Fokus. Denn Absinth als Marke sei sehr bekannt, so Bugnon – wegen des Verbots und der Künstler. Dabei profitiere die Schweiz vom Image als Land, das Qualität verbürge. Gar nichts abgewinnen mag Bugnon deshalb Billigerzeugnissen aus Osteuropa.

Doch die Konkurrenz sitzt auch im eigenen Land. 2010 kamen noch 88 Prozent des Absinths aus dem Kanton Neuenburg. Grösster Produzent ist mittlerweile ein Deutschschweizer Betrieb: die Erlebnisbrennerei Kallnach im bernischen Seeland. Alle grossen Destillerien in der Deutschschweiz stellen nebst Träsch, Kirsch und Marc auch Absinth her. Die in der Association Interprofessionnelle de l’Absinthe zusammengeschlossenen Produzenten im Val de Travers versuchen deshalb, die Herkunft juristisch zu festigen. Sie haben beim Bund ein Gesuch für eine so genannte Geschützte Geografische Angabe (GGA) eingereicht. Die GGA ist eine Art gelockerte Ursprungsbezeichnung (AOC). Im Gegensatz zu dieser müsse nicht die ganze Kette von Produktion und Veredelung in der Region stattfinden, erklärt die zuständige Juristin Isabelle Pasche im Bundesamt für Landwirtschaft. Klassisches Beispiel für eine AOC ist der Gruyère-Käse, für eine GGA ist es Bündnerfleisch, dessen Rinder meist nicht in der Schweiz gelebt haben. Für den Absinth wäre eine AOC zu stark, weil Anis und Fenchel im rauen Juraklima nicht gedeihen.

Über das Gesuch ist noch nicht entschieden worden. 40 Einsprachen müssen bearbeitet werden. Sowohl die grossen Franzosen wie Pernod oder Ricard wie auch die kleineren Deutschschweizer Produzenten sehen nicht ein, weshalb guter Absinth nur in einem Neuenburger Seitental möglich sein soll. Dem steht das ökonomische Interesse eines abgelegenen Tals gegenüber. Die GGA sei nicht primär wegen vieler Arbeitsplätze notwendig, so Gemeinderat Karakash, denn im Val de Travers mit seinen 12 000 Einwohnern seien weiterhin die Uhren- und Mikrotechnikbranche sowie das Gesundheitswesen die grössten Arbeitgeber. Der Absinth sei jedoch Träger eines positiven Images, was das Tal attraktiver für die Ansiedlung von Unternehmen mache.

Neukreationen mit Grenzen

Den Startschuss zur Liberalisierung hat Roger Liggenstorfer genutzt, die erste Absinth-Bar in der Schweiz zu eröffnen. Seitdem habe die «grüne Fee» an der Kronengasse in Solothurn jedes Jahr den Umsatz um ein paar Prozent gesteigert. Dass sich bis jetzt in der Schweiz keine Nachahmer gefunden haben, verwundert Liggenstorfer nicht. Für den Erfolg müsse man eben etwas tun. Beim Absinth sei es wichtig, den Erlebnischarakter herauszustreichen. In seiner Bar wird die «grüne Fee» nicht beiläufig serviert, sondern im traditionellen Trinkritual. «Es reicht eben nicht, zwischen Whisky und Bier einen Absinth im Regal zu haben», so Liggenstorfer. Neuester Eckpunkt seiner Absatzstrategie ist eine Firma, die unter anderem spezielle Absinth-Events in der ganzen Schweiz anbietet.

Nach Liggenstorfers Meinung machen die Produzenten im Val de Travers zu wenig aus dem Potenzial des Absinths. Eine Meinung, die Yves Kübler von der Destillerie Blackmint nicht so stehen lassen kann. Ideen müsse man auch umsetzen können. Und dies erfordere viel Zeit und Geld, etwas, das die vielen kleinen Produzenten überfordere. Sein Konkurrent Claude-Alain Bugnon verweist auf die ausstehende GGA: Solange nicht Val de Travers und Absinth eine geschützte Einheit bildeten, habe er keine Lust, Marketing zu betreiben, das der Konkurrenz zugutekomme.

Märkte erschliessen heisst oft auch, neue Kreationen einzubringen. Absinth als Eierlikör gewinnt laufend neue Fans, und schon länger sind Desserts, die mit Absinth verfeinert werden, äusserst beliebt. Ob Absinth im Eichenfass, Öle auf Wermutbasis oder Mischgetränke mit anderen Schnäpsen gleiches Potenzial besitzen, ist für die Produzenten noch offen. Einig ist man sich in der Schweiz jedoch, was Gags wie schwarzen oder roten Absinth angeht – ein grosses Nein zu den künstlich hergestellten Geschmacksbeleidigern aus dem Ausland.

Der Absinth
Der Absinth ist ein stark alkoholisches Getränk, das aus Wermut (Artemisia absinthium), Anis, Fenchel sowie (je nach Rezeptur) weiteren Kräutern hergestellt wird. Dabei werden die Zutaten in Alkohol eingeweicht und anschliessend destilliert. Je nach Kräutermix ist der Absinth klar, bläulich oder grünlich (daher der Name «grüne Fee», franz.: «fée verte»); alter Absinth wandelt sich bisweilen zu Gelb oder Braun. Unrühmliche Berühmtheit hat die im Wermut enthaltene Substanz Thujon erlangt. Ihr schrieb man einst die schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden zu. In Frankreich führte das Verbot von Absinth zum Aufstieg des Pastis («Pastiche» = Nachahmung), der ohne Wermut auskommt. Mittlerweile ist widerlegt, dass die im Absinth enthaltene Thujonmenge ausreicht, um für Verwirrung oder epileptische Krämpfe zu sorgen.

Das Trinkritual
Ähnlich den Anis-Spirituosen Pastis, Raki oder Ouzo wird Absinth wegen seines Alkoholgehalts zwischen 45 und 85 Prozent meist nicht pur getrunken, sondern mit Wasser verdünnt. Die klare Flüssigkeit trübt sich dabei milchig ein. Der Grund dafür ist, dass sich das ätherische Öl Anethol schlecht im Wasser löst. Wie viel Wasser beigegeben wird, hängt von persönlichen Vorlieben und regionalen Traditionen ab. In der Distillerie von Claude-Alain Bugnon erhält man zum Beispiel den Absinth mit elf Alkoholprozenten serviert. Bei Absinth mit hohem Wermutanteil wird Zucker verwendet, um den Bittergeschmack zu senken. Dabei wird auf einen speziellen, gelochten Löffel ein Stück Würfelzucker gelegt und darüber sehr langsam das Wasser gegossen. Das so genannte tschechische Ritual, bei dem der Zucker angezündet wird, ist ein relativ junger Marketing-Gag.

 
 
 

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