der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Corinne Invernizzi

Schlüsselrolle statt altes Eisen

Er baute ein Bildungszentrum auf und leitete es jahrelang. Mit 63 Jahren wurde der Werbefachmann arbeitslos. Dank Liebe zum Beruf und der Vereinigung Adlatus gelang ihm der erfolgreiche Wiedereinstieg.

«Wer Menschen nicht gerne hat, darf keine Firma führen.» Bei diesen Worten bekommt Jürg Engis klare Stimme einen harten Unterton. Er zündet sich eine Zigarette an, der Aschekegel glüht hellorange auf, dann stösst er den Rauch, wie den vorherigen Satz, energisch aus. Fenster und Türen seiner lichtdurchfluteten Dachstockwohnung in Mörigen stehen weit offen. In den verglasten Kunstbildern an den Wänden spiegeln sich Obstbäume. Engi ist ein grossgewachsener, schlanker Mann mit kräftigem Händedruck. «Menschen tragen eine Firma, nicht Maschinen. Sie sollten keine Verbrauchsware sein, die man ausbeutet und fortwirft, wenn sie älter werden.» Erni weiss, wovon er spricht: Mit 63 Jahren musste der ehemalige Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für Marketing und Kommunikation (SAWI) eine neue Stelle suchen. Heute, mit 67, steht er noch immer mit einem Bein erfolgreich im Berufsleben. «Ich arbeite, um im Kopf nicht alt zu werden.» Engi lächelt verschmitzt und fügt hinzu: «Meine Pensionierung war kein Grund, den Beruf an den Nagel zu hängen. Solange ich fit bin und mein Fachwissen gebraucht wird, mache ich weiter.»

Selbst- statt Fremdbestimmung

Erarbeitet hat er sich seine Fachkompetenzen unter anderem in den sechzehn Jahren als Leiter des SAWI. Weil er in den zwei Jahren vor seiner Pensionierung kürzer treten wollte, kündigte Engi sein Vollzeitamt, um der Schule noch zu 50 Prozent als Mentor zur Seite zu stehen. Es kam anders als geplant. «Meine Nachfolgerin pflegte einen anderen Umgang mit ihren Mitarbeitenden, einen, der nicht meiner Philosophie entsprach. Ich kündigte und stand auf der Strasse. Dieses abrupte Ende, nachdem ich über viele Jahre das SAWI aufgebaut und weitergebracht hatte, tat weh. Der Mut und der Wille, etwas Neues anzufangen und weiterzumachen, waren mir aber nicht genommen worden.»

Ein Freund machte ihn auf Adlatus aufmerksam. Die Vereinigung vermittelt ältere – auch pensionierte – hochqualifizierte Personen. Mit seinen Führungskompetenzen, seinem Alter und der 40-jährigen Laufbahn in der Werbebranche erfüllte Engi alle Anforderungen einer sogenannten «Very Experienced Person» (VEP). Adlatus nahm ihn in die Datenbank auf, und kurze Zeit später erhielt er erste Aufträge als Berater in den Bereichen Marketing und Kommunikation. «Wer bei Adlatus mitmachen will, muss wirtschaftlich unabhängig sein, da wir moderate Honorare verlangen», erläutert Engi. Zwischen Adlatus und den Adlaten besteht keine vertragliche Regelung. Die Honorarrechnung erstellt jeder selbst; das finanzielle Risiko liegt ebenfalls beim Einzelnen. «Einer meiner Auftraggeber machte Konkurs, das war dann mein Pech.» Jürg Engi zuckt die Schultern und fügt lächelnd hinzu: «Dafür kann ich bestimmen, ob ich einen Auftrag annehmen will oder nicht.»

Bisher hat er noch keinen Klienten zurückgewiesen. «Einmal hatte ich einen Kunden, der eine riesige Hanfplantage besass. Zu Beginn war ich skeptisch. Unser erstes Treffen beseitigte mein Misstrauen: Sein staatlich kontrollierter Hanf wird zu Eimitteln und Medikamenten bei Prostatabeschweren verarbeitet. Der Mann ist einer meiner treusten Kunden.» Im Moment betreut Engi sechs Mandanten, die er regelmässig besucht. «Die erste Besprechung ist gratis. In einem zweiten Schritt erstelle ich einen Fragekatalog und eine Situationsanalyse. Damit stelle ich sicher, dass die Firma und ich das gleiche Ziel verfolgen. Je nach Auftrag geht es darum, Werbeprospekte zu entwerfen, Präsentationen zu erarbeiten, bis hin zum Aufbau einer ganzen Firma.»

Schlüsselrolle bei der Nachfolgeregelung

Jürg Engi ist davon überzeugt, dass ältere Führungskräfte mit langjähriger Berufserfahrung in der Schweiz mehr gefördert werden müssen. Aufgrund ihres Wissens, ihrer Praxiserfahrung und Lebensweisheit könnten sie von grossem wirtschaftlichem Nutzen sein. «Es tut mir weh, mitanzusehen, wie Firmen aus falschen Kostenüberlegungen ältere Fach- und Führungskräfte entlassen. Sie verlieren einen unbezahlbaren Erfahrungsschatz und verschärfen damit ihre finanziellen Probleme, anstatt sie zu beseitigen.»

Eine der grössten Aufgaben, mit denen KMU in naher Zukunft konfrontiert sein werden, sei die Nachfolgeplanung und -regelung. «Man rechnet damit, dass 30 000 KMU in den kommenden Jahren betroffen sein werden.» Viele Mitglieder von Adlatus verfügten über Erfahrung in diesem Bereich. VEP könnten eine Schlüsselrolle im Erarbeiten von Strategien bei der Firmennachfolge spielen. Die Raiffeisenbank habe das erkannt und Adlatus zur Hilfe beigezogen. Derzeit läuft ein Pilotprojekt in den Kantonen Bern, Basel-Stadt und St. Gallen. Funktioniere die Zusammenarbeit zwischen der Bank und Adlatus, werde das Projekt auf die ganze Schweiz ausgedehnt, sagt Engi stolz.

Jürg Engi schaut auf ein erfülltes Berufsleben zurück; noch heute gibt es für ihn kein spannenderes Berufsfeld als das des Marketings, der Kommunikation und der Werbung. Selbst wenn die goldenen 60er-Jahre vorbei sind, in denen er seine Karriere in der Werbebranche angefangen hatte: «Es war die Zeit der Hochkonjunktur. Preise interessierten niemanden. Wir machten Kampagnen, von denen man nur noch träumen kann. Heute schaut man auf das, was die Konkurrenz macht, und reagiert darauf. Anstatt selber den Stein ins Rollen zu bringen, bremst man die anderen.»

Engi ist froh, dass er keinem Zeitdruck mehr unterworfen ist und seine Arbeits- und Freizeit nach Belieben selber einteilen kann. Wie viel er leistet, hängt von der Auftragslage ab, den Zeitpunkt bestimmt die Witterung. «Im Moment bin ich zu 50 Prozent berufstätig. Ob es Samstag oder Sonntag ist, kümmert mich wenig. Wenn das Wetter schlecht ist, arbeite ich am Wochenende, auch in meiner Ferienwohnung in der Lenk – Konzepte schreiben kann ich überall, ich brauche dazu nur Computer, Papier und Stift. Ist das Wetter gut, fahre ich Ski, gehe wandern oder widme mich meiner grössten Leidenschaft, dem Kochen.» Fröhlich fügt er hinzu: «Einmal im Jahr koche ich in einem Restaurant in der Lenk ein Fünf-Gang-Menü für vierzig Personen.»

Adlaten Das schweizweite Netzwerk Adlatus vermittelt kompetente, praxiserfahrene Beraterinnen und Berater. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wirtschaftlich unabhängige Führungskräfte, die kurz vor der Pensionierung stehen oder schon pensioniert sind. Zusammen mit den Kunden – im Besonderen KMU – erarbeiten die Adlaten Lösungen in allen Bereichen und auf allen Stufen von Wirtschaft und Verwaltung.

Kernkompetenz Eine der Kernkompetenzen der Vereinigung ist die Nachfolgeplanung und -regelung. Die Organisation mit gemeinnützigem Charakter hat ihren Sitz in Olten.

 
 
 

Archiv-/Themen-Suche