der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Maria Savoldelli
Göpf Mülli ist erwerbstätiger Rentner. Er arbeitet gerne als Gärtner. Aber ohne das Zusatzeinkommen käme der 72-Jährige kaum über die Runden.
Göpf Mülli steht auf einer Leiter. Kraftvoll schwingt er den schweren Hammer und rammt einen Pflock neben einem Fliederstrauch ein. Dann knüpft er mit einer Schnur einen Knoten, zieht sie um die Äste des Strauchs und bindet diesen am Pfosten fest. Da er keine Hand frei hat, hält er die Schnur mit den Zähnen. Nun ist der Flieder in Form gebracht und für den Winter vorbereitet.
Seit vielen Jahren erledigt der Rentner mit Jahrgang 1939 Pflegearbeiten im Garten einer Freundin im Zürcher Oberland. Viele seiner rund zwei Dutzend Kunden stammen aus seinem Bekanntenkreis. Manchmal schaut ein Passant Mülli bei der Arbeit zu und fragt, ob der Rentner auch seinen Garten in Ordnung bringen könne. Mülli erzählt, einmal habe ihn eine Dame beauftragt, ihren vernachlässigten Rasen wiederherzustellen. Über Moos und Kräutern blühte lila das Wiesenschaumkraut. «Ihre Wiese ist traumhaft schön, so wie sie ist», sagte Mülli und verlor mit diesem Kommentar den Auftrag. Er lacht über diese Anekdote.
Der Rentner mit dem grünen Daumen hat ursprünglich eine Lehre als Kleinmechaniker abgeschlossen. Er arbeitete als Werkzeugmacher, Ventilationsmonteur und technischer Laborant, später als Tontechniker am Theater «Komödie» in Basel. «Viel verdient habe ich dort nicht, doch die Arbeit machte Spass», sagt Mülli rückblickend. Dann beschloss er, die Erwachsenenmatur nachzuholen mit dem Ziel, Biologie oder Psychologie zu studieren. Er lernte zu Hause und belegte Kurse bei der AKAD. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, begann Mülli, als Gärtner zu arbeiten. Auf sein Zeitungsinserat meldete sich ein Villenbesitzer, dessen Grundstück er jahrelang pflegte, wie er stolz erzählt. Das Handwerk schaute er bei Berufsgärtnern ab und besuchte an der ETH Vorlesungen über Pflanzenzucht und Gartenbau für Architekten. Das in der Schule erworbene Wissen über Botanik und Chemie kommt ihm bis heute bei seiner Gartenarbeit zugute, etwa im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln und Dünger. Die Erwachsenenmatur brach er wegen mangelnder Disziplin ab, doch blieb er beim Gärtnern. Über die Zeit kamen laufend neue Kunden dazu.
Seit er Rentner ist, hat er sein Arbeitspensum reduziert. Im Sommerhalbjahr arbeitet er bis zu zwanzig Stunden pro Woche, im Winter sind es deutlich weniger. Seine Einsätze dauern von einer halben Stunde bis zu einem halben Tag. Bäume fällt er nicht selber, sondern organisiert dazu den Forstdienst. «Meine Kunden wollen mir schwere Arbeiten nicht mehr aufbürden», sagt Mülli. Seine Tätigkeiten umfassen Gartenpflege, Pflanzungen und Gestaltung. Er zieht auch selber Pflanzen auf, die im Handel schwer erhältlich sind, wie beispielsweise Seifenkraut. Die Pflanzen verkauft er seinen Kunden und setzt sie gleich in deren Gärten. Auch Obstbäume vermehrt er und verkauft Jungbäume an Interessierte. Mülli arbeitet im Winter nur nachmittags, wenn der Boden trocken ist. Bei Sturm, Regen und Schnee bleibt er zu Hause. «Mir geht es gut», sagt der Rentner kurz angebunden über seine Gesundheit. Krank sei er selten. Vor ein paar Jahren hatte ein Zeckenstich Borreliose als Folge, und er fiel einen Monat lang krankheitshalber aus. Der rüstige Rentner geht davon aus, dass er bis achtzig arbeiten wird. Über seine Zukunft spricht er nicht gerne. Er plant, was als Nächstes ansteht, Schritt um Schritt.
Im Garten seiner Kundin hat Mülli nun einen zu dichten Apfelbaum zurückzuschneiden. Er erkennt sogleich, welche Äste überflüssig sind. Rasch trennt er sie mit der Handsäge ab. Mülli kann eine finanzielle Einbusse gut bewältigen: «Ich komme mit wenig aus.» Er lebt allein im Elternhaus und kann sich teilweise selber versorgen. Im Garten hat er Zierpflanzen, aber auch Rhabarber und anderes Gemüse angepflanzt und besitzt einen Obstgarten mit alten Sorten. Im Spätsommer sind die Äste seiner Kiwipflanze schwer beladen mit Früchten. «Diesen Herbst habe ich rund 150 Kilogramm Kiwi geerntet», sagt Mülli mit leuchtenden Augen. Davon verkauft er im Winterhalbjahr. Gut über die Runden kommt er auch, weil er oft von Freunden zum Essen eingeladen wird. Kleider kauft er im Brockenhaus. Zu Buche schlagen die Kosten für die Krankenkasse und sein Auto, einen Nissan Micra, Jahrgang 1994, das er für seinen Job benötigt.
Monatlich erhält er die minimale AHV-Rente für Alleinstehende, etwas mehr als 1200 Franken. Dies aufgrund des lebenslangen geringen Jahreseinkommens. Seine Ausgaben liegen rund sechshundert Franken höher. Pensionskassengelder bekommt er keine, da er als selbständig Erwerbender keine Beiträge einbezahlt hat. Eventuell stehen ihm für die Jahre vor seiner Selbständigkeit Gelder zu, doch Mülli müsste den Papierkram endlich erledigen, um einen Antrag zu stellen. «Arbeiten zu müssen, ist keine Last für mich», erklärt der Rentner. Er erwirtschaftet sich das fehlende Geld mit Gartenarbeit, dem Bestimmen von Apfel- und Birnensorten und dem Verkauf von Eigenprodukten.
Ob Mülli berechtigt ist, Ergänzungsleistungen zu erhalten, weiss er nicht. Eine Bekannte hat ihm zwar das mehrseitige Antragsformular bei der Gemeinde beschafft, doch graut ihm vor dem Ausfüllen. Administrative Arbeiten erledigt er widerwillig. Zwar hält er regelmässig schriftlich fest, welche Arbeiten er wann für welchen Kunden ausgeführt hat. Seine Schreibmaschine, eine Hermes Baby, holt er jedoch nur ein bis zwei Mal pro Jahr hervor und tippt darauf Rechnungen. «Meine Kunden reklamieren und verlangen, dass ich Ihnen endlich eine Rechnung schreibe», sagt er mit einem Achselzucken. Bekannte haben ihm angeboten, seine Fakturen per Computer zu erstellen. Er hat das Angebot abgelehnt, denn er müsste trotzdem zuerst handschriftlich und lesbar Rechnungsvorlagen schreiben. «Das wäre, wie wenn jemand zum Einkaufen das Flugzeug nimmt», sagt er.
In den Ferien war Mülli schon lange nicht mehr, doch das mache ihm nichts aus. Ein paar Tagesauflüge pro Jahr verbunden mit dem Besuch einer Obstausstellung seien für ihn genauso erholsam und gut fürs Geschäft. Seine Kundschaft übergibt dem Fachmann gerne die Pflege ihrer Apfel- und Birnbäume. «Dass ich mich mit Obst und Beeren auskenne, freut meine Klienten», sagt Göpf Mülli, während er Zweige des Apfelbaumes mit der Gartenschere abschneidet. In seiner Freizeit spielt er gerne Klavier. Er verfügt über eine Schublade voller Musiknoten, in der er gerne wühlt. Mit klassischer Musik verbringt er mühelos einen halben Tag. In einem Chor singt er als Bass mit. Der leidenschaftliche Leser holt sich seine Bücher aus der Bibliothek. Er verschlingt Fachbücher genauso wie Romane. Einmal pro Woche besucht er zudem einen Stepptanzkurs, sein teuerstes Hobby.
Der sonnige Nachmittag neigt sich dem Ende zu, und auch Mülli hat seine Arbeit nach rund drei Stunden erledigt. Er hat widerspenstiges Chinaschilf zusammengebunden, Pflöcke eingeschlagen, Sträucher und Bäume geschnitten. Aufgeräumt wirkt der Hausgarten jetzt, doch nicht steril. «Die gelben Blümchen im Gras finde ich schön», erklärt er der Kundin entschuldigend. Sie hätte gerne einen tadellosen Rasen, doch für Mülli drückt sie ein Auge zu und lässt das Habichtskraut stehen.