der arbeitsmarkt | 12/2011 | Text: Paola Pitton
Die einen gehen in Pension, er übernahm mit 65 Jahren die Leitung der hiesigen staatlichen Ballettschule. Heute steht der 74-Jährige noch immer drei bis vier Mal die Woche im Ballettsaal. Aufhören? Das werde sich schon ergeben, sagt Riccardo Duse.
«Achtet auf die Pose! Gut. Première position! C’est bien! Kommt, ihr Männer!» Die angesprochenen «Männer» sind sieben Buben und junge Burschen; in schwarzen Ballettschuhen und -hosen, weissen Socken und T-Shirts stehen sie an diesem Spätnachmittag im kleinen Saal an der Stange: Boys Class an der Zürcher Ballettschule für das Opernhaus. Mittendrin, ganz in Schwarz, Riccardo Duse. Der Pädagoge schreitet die Reihe ab, korrigiert hier eine Kopfhaltung, rückt dort einen Arm in die richtige Position, gibt dem Pianisten ein Handzeichen, das Tempo zu verlangsamen. Dabei verliert er nie die Haltung, um die die Buben noch hart ringen: gerader Rücken, entspannte Schulter, gestreckter Hals. In fast sieben Jahrzehnten Körperarbeit ist sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen.
Von dieser Schulung zehrt der ehemalige Tänzer, Choreograph und Ballettdirektor bis heute. Mit 74 Jahren falle es ihm leicht, sich die rund 25 Übungen für eine Ballettlektion auszudenken, zu merken und sie wiederzugeben. Wer seinen Ballettunterricht für Erwachsene besucht, hat ihn nie zögern gesehen. Das schwarze Heft mit dem von Hand notierten Stundenablauf nimmt Riccardo Duse nach jeder Stunde unbenutzt wieder mit. Er könne auf einen grossen Erfahrungsfundus zurückgreifen. «Aber ich bereite mich auf jede Unterrichtsstunde vor», präzisiert der Pädagoge. Und das Heft habe schon seinen Sinn. «Es kann der Tag kommen, an dem ich hineinschauen muss. Man sollte sich nie zu sicher sein.»
Bis zu vier Lektionen gibt er derzeit in der Woche, manchmal kommen Gastkurse hinzu. Noch sei bei ihm alles gut in Schuss, Knie, Füsse – nur der Rücken etwas weniger; hier spüre er die Folgen der vielen Hebefiguren in den Pas de deux mit den Tanzpartnerinnen. Doch Tänzer lernten, sparsam mit ihren Kräften umzugehen, sagt Duse. Und: «Durch das jahrelange Training bin ich stark.» Grosse Sprünge, Pirouetten und hoch gestreckte Beinpositionen deutet er in seinem Unterricht dennoch nur an und benennt sie, wie im klassischen Ballett üblich, auf Französisch. «Ein Lehrer sollte nicht vortanzen, er sollte lehren», bringt er sein Credo auf den Punkt.
Sein heutiges Pensum ist spärlich für einen, der mit 65 Jahren eine arbeitsintensive Stelle wie die Leitung der staatlichen Ballettschule übernahm, der heutigen Tanz Akademie Zürich an der Hochschule der Künste. Warum liess er sich stattdessen nicht pensionieren? Riccardo Duse lacht. «Tänzer gehen nicht in Pension. Erstens lieben sie ihre Arbeit. Zweitens haben sie oft keine ausreichende Rente.» Er selber sei nicht auf den Verdienst angewiesen, er arbeite aus Spass weiter. Und weil er es so vorgelebt bekommen habe. «Meine Lehrerin in Paris, eine berühmte Ballerina, war 84. Und die ehemaligen Tänzer von Diaghilev in New York haben ebenfalls immer weiter unterrichtet. Das war normal. Es gab kein Datum fürs Aufhören.» Und er fügt hinzu: «Das einzige Datum ist mein Körper.»
Dass er 2002 die Schulleitung übernahm, war dennoch nicht geplant. Die zunächst auf ein Jahr begrenzte Anfrage der Hochschule erhielt er nur Tage nachdem er mit seiner Frau aus Liebe zur Grossstadt nach Zürich gezogen war. Eine Woche später fing er an. Das sei schon immer so gewesen. Ein einziges Mal musste sich Riccardo Duse bewerben, für seine erste Stelle. Er tanzte an der Mailänder Scala vor, mit Erfolg. «Seither kam immer die Arbeit zu mir», stellt er mit einem Lächeln fest.
Manchmal kam zu viel Arbeit. Bei seinem ersten Engagement als Ballettdirektor, am Stadttheater Luzern, war er Choreograph, Ballettmeister und Tänzer in einem. Eine Saison lang leitete er die Ballettkompanien von drei Theatern gleichzeitig, nebst der luzernischen die Sanktgaller und jene im deutschen Freiburg. Dennoch sagt Riccardo Duse: «Tanzen ist keine Arbeit.» Das sei das Gute an seinem Beruf oder vielleicht überhaupt an Arbeit, die man mit Begeisterung ausübe. Dennoch: «Tänzer ist ein verrückter Beruf. Man studiert acht Jahre, übt ihn vielleicht 15 Jahre aus, und dann kommt ein neuer Anfang.» Einem wie ihm, der fast das ganze Leben von Theater zu Theater gezogen ist, half die Arbeit auch, am neuen Ort Fuss zu fassen; sie gab Heimat.
Nachdem er sich jahrzehntelang nur unter professionellen Tänzern bewegt hat, unterrichtet Riccardo Duse seit einigen Jahren auch erwachsene Laien: Von der Studentin über die junge Mutter bis hin zur älteren Hausfrau ist alles dabei. «Manche Kollegen rümpfen die Nase. Für mich bleibt es Tanz, den ich zu vermitteln versuche. Die Leute, die kommen, wollen wirklich lernen. Mir gefällt ihr Enthusiasmus. Ihre technischen Grenzen stören mich überhaupt nicht.»
Bei aller Freude am Beruf und bei seiner guten Verfassung – es gibt Dinge, die Riccardo Duse abgehakt hat. Zum Beispiel für professionelle Tänzer zu choreographieren; sein letztes Stück schuf er vor fünf Jahren. Zum einen, weil es körperlich sehr anstrengend sei: Ohne umfassendes Vorzeigen könne eine Choreographie nicht gelehrt werden. Zum anderen ändere sich die Zeit. «Ich gehöre zum vorigen Jahrhundert», sagt er sachlich.
Das Aufhören werde sich von selbst ergeben, wie sich alles Berufliche gefügt hat. Seine Mutter – auch sie eine Tänzerin – habe mit 86 Jahren noch unterrichtet. «Ich glaube nicht, dass ich das unbedingt möchte», sagt Duse bedacht. Noch gebe er gerne seine Erfahrung weiter. Voraussetzung sei, dass er es kraftvoll machen könne. «Ich will mit Temperament da sein. Sonst höre ich auf.» So weit dürfte es nicht so bald sein: Noch letztes Jahr stand er auf der Bühne. An einer privaten Lausanner Grundschule, an der er das Fach Ballett unterrichtet, choreographierte er für Laienschüler die Geschichte des Pinocchio. Und tanzte dessen Vater Geppetto. Das habe ihm besonders gefallen, weil er in Lausanne 1944, als Siebenjähriger, erstmals aufgetreten sei, in einer von der Mutter am Stadttheater choreographierten Revue. Der Kreis als Tänzer hat sich also geschlossen? Riccardo Duse zögert und meint dann mit einem feinen Lächeln: «Das wird sich zeigen.»
| Riccardo Duse, 74, wurde in Rom geboren und wuchs in Lausanne auf. Er tanzte unter anderem an der Mailänder Scala, am New York City Ballet und an der Oper Frankfurt am Main. Unter anderem war er Ballettdirektor an den Stadttheatern Luzern, Kassel, Bern sowie stellvertretender Ballettdirektor des Bayrischen Staatsballetts München und Ballettmeister an der Oper Dresden. Von 2002 bis 2004 leitete er das Departement Tanz der Hochschule für Musik und Theater Zürich (HMT). Er ist mit der Tänzerin und Ballettpädagogin Reka Tobias verheiratet, die ebenfalls im Pensionsalter an der Ballettschule für das Opernhaus unterrichtet, und hat eine erwachsene Tochter. |